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BIOGRAPHISCHES JAHRBUCH

UND

DEUTSCHER NEKROLOG

UNTER STÄNDIGER MITWIRKUNG

VON

F. V. BEZOLD, ALOIS BRANDL, ERNST ELSTER, AUGUST FOURNIKR, ADOLF FREY, HEINRICH FRIEDJUNG, LUDWIG GEIGER, KARL GLOSSY, SIGMUND GÜNTHER, EUGEN GUGLIA, OTTOKAR LORENZ, ALFRED FREIHERR v. MENSI, JACOB MINOR, FRIEDRICH RATZEL, PAUL SCHLENTH ER, ERICH SCHMIDT, ANTON E. SCHÖNBACH

U. A.

HERAUSGEGEBEN

VON

ANTON BETTELHEIM.

V. BAND

MIT DKM BILDNIS VON KHIEDRR'H NIETZSCHE IN HKLKKlRAVI.’ItK

BERLIN

DRUCK UND VERLAG VON GEORG REIMER 1903.

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VII

28 ~443

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Inhalt.

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Vorrede v vn

Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1900 1 428

Ergänzungen und Nachträge 429 443

Alphabetisches Namenverzeichnis zum Nekrolog 444

Alphabetisches Namenverzeichnis der Ergänzungen und Nachträge . 450

Totenlislc 1898 1*

Totenliste 1900 73*

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Vorrede.

Anfang März 1903 sandten Herausgeber und Verleger folgendes Rundschreiben an die Freunde und Mitarbeiter des Biographischen Jahr- buches und Deutschen Nekrologes:

»Vier Bände unseres Unternehmens, die Jahrgänge 1896, 1897, 1898 und 1899 s>'id in den Jahren 1897 1900 erschienen, aufmuntemd will- kommen geheißen von berufenen Sachkennern, Allen voran von Sr. Exzellenz Rochus Freiherrn von Liliencron, dem Herausgeber der Allgemeinen Deutschen Biographie, Professor Friedrich Ratzel in Leipzig und Ge- heimrat F. v. Weech in Karlsruhe; gefördert durch rege Mitarbeit nam- hafter Fachmänner.

Über die Notwendigkeit eines solchen mit Jahr und Tag gehenden Deutschen Nekrologes herrschte in der stimmfähigen Kritik kein Zweifel, so daß Meister der Geistes- und Naturwissenschaften und gelehrte Körperschaften die Sicherung und Fortdauer unseres Unternehmens aus freiem Antriebe sich angelegen sein ließen und mit Nachdruck darauf hinwiesen, daß da die Allgemeine Deutsche Biographie zunächst mit dem Jahre 1899 abschließe die biographische Chronik und Forschung einer festen Heimstätte verlustig gehen w'ürde, wenn der -Deutsche Nekrolog nicht erhalten bleiben sollte.

Unter dem Eindruck solcher Stimmen haben der Preußische Kultus- minister und der Staatssekretär des Innern spontan dem Verlage wünschens- werte Beihilfe gewährt, so daß unser »Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog«, unbeirrt durch äußere Sorgen, fortan seine Aufgabe zu erfüllen haben wird, den im zwanzigsten Jahrhundert Geschiedenen gerecht zu werden im Sinne von Gustav Freytags edlem Wort: »Tüchtiges Leben endet auf Erden nicht mit dem Tode, es dauert im Gemiit und Tun der Freunde, wie in den Gedanken und der Arbeit des Volkes«.

Die Jahrgänge 1900, 1901 und 1902 werden in rascher Folge veröffent- licht werden. An alle alten Freunde und Mitarbeiter unseres Unternehmens, an gelehrte Körperschaften und Vereine, an Zeitschriften und Tagesblätter

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VI

Vorrede.

richten wir schließlich die Bitte, uns, wie bisher, durch wohlwollende Rat- schlage, Zusendung von einschlägigen Nachrichten und geeigneten Beiträgen, durch Bekanntgabe dieser Mitteilung in der l’resse und in jeder weiteren, der Sache dienenden Art und Weise die Erreichung unseres Zieles zu er- leichtern und zu ermöglichen, e

Der vorliegende Band V des Biographischen Jahrbuchs und Deut- schen Nekrologs legt das beste Zeugnis ab fiir den Anteil, den das nach dreijähriger Pause wieder auflcbende Unternehmen bei den Berufensten findet. Alte und neue Freunde, unserer Bestrebungen sind uns mit Rat und Tat an die Hand gegangen. Nur ihrem Zusammenwirken ist cs zuzuschreiben, daß, kaum acht Monate nach Beginn unserer Vorarbeiten, der Deutsche Nekrolog für das Jahr 1900 in die Welt gehen kann.

Der verehrungswürdige, hilfreiche Gönner unseres Jahrbuchs, der die Güte hatte, den ersten Beitrag für den ersten Band 1896 zu stiften, Exzellenz Rochus Freiherr v. Lilicncron, eröffnet, unserer beson- deren Bitte willfahrend, auch diese neue Reihe des Deutschen Nekrologs mit einer (der Mutter der deutschen Kaiserin, der Herzogin von Augusten- burg geltenden) Charakteristik. Die Biographien von Graf Blumen- thal, Falk, Holm, Josephinc Fürstin v. Hohcnzollern, Georg Meyer, Leibi, Liebknecht, Lucam, Max Müller, Nietzsche, W.v.Planck, Prinz Thurn-Taxis, Scudier haben Exzellenz Blume, A lexander Meyer, F. v. Duhn , F. v. Weech, Georg Jellinek, Georg Gronau, Adolph Braun, Schmid, M. Winternitz, F. Spiro, Lothar Seuffert, Heinrich Friedjung bearbeitet. Die Nekrologie der Tech- niker hat Professor Alfred Birk (Prag), das Fach-Referat für Landwirte Docent Dr, üuante (Bonn) übernommen. In den Kreis unserer ständigen Berater sind freundlichst Professor Ernst Elster (Marburg) und Alfred Freiherr v. Mensi (München) eingetreten. Den für das Jahr 1899 nach- zuholendcn Nekrolog Bruno Buchers hat Eduard Leisching über- nommen. Wenige Referate, zumal einige Schauspieler- und Künstler- Biographieen, sind uns leider nicht rechtzeitig für Band V zugegangen; sie sollen im Frühjahr 1904, in Band VI, nachgetragen werden.

Die (seinerzeit schon im Neuen Nekrolog der Deutschen vorgenommene) Scheidung des Stoffes in . selbständige Artikel und knappe Namenverzeich- nisse blieb, wie in den vorhergehenden Bänden, aufrechterhalten. Außer ein paar hundert, im alphabetischen Register besonders vermerkten ausführ- lichen Nekrologen erscheint eine wiederum von Bibliothekar Dr. Georg Wolff in München zusammcngcstclltc Totenliste. Daß trotz aller Be- mühungen da wie dort Lücken und Irrtümer Vorkommen werden, vor-

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Vorrede.

VII

kommen müssen, ist von vornherein zweifellos. Jede schärfere Nach- prüfung, jede wohlwollende Benachrichtigung, jede zweckmäßige Ver- besserung und Ergänzung der Anlage und des Ausbaues unseres Jahr- buches durch Kenner und Kritiker ist aufrichtigen Dankes, warmen Willkommens gewiß. Nur durch derartige beständige Förderung unseres Unternehmens können wir der Lösung unserer schweren Aufgabe näher kommen, in jedem einzelnen Falle größte Genauigkeit in den Daten mit zuverlässigem, unbefangenem Urteil über die Persönlichkeiten und Lei- stungen zu vereinigen. Welche Schwierigkeiten sich diesem Vorhaben cntgegenstellen, ist uns wol bewußt, jeder Jünger biographischer Kunst und Forschung muß vor Überschwang ebensosehr auf der Hut sein, wie vor Pietätlosigkeit. Droht solche Gefahr schon dem Einzelnen, der selbständig für seine eigene Meinung eintritt, so vermag ihr noch weit weniger ein Sammelwerk auszuweichen, das auf Treu und Glauben von hunderten von Gewährsmännern angewiesen ist. Daß im Einzelnen Fehler und Fehlurteile nicht zu vermeiden waren und sein werden, begreift jeder Einsichtige. Ebendarum wiederholen wir, wie in den früheren Bänden, auch diesmal den Wunsch, von Wohlgesinnten bei großen und geringen Anlässen auf Mängel hingewiesen zu werden. Geht doch unser Streben nicht auf Schönfärberei, das kaum austilgbare Erzübel aller Nachrufe und it/oges. Liegt uns doch nichts ferner, als der von Balzac auf die Verkannten gemünzte Satz: La gloire est le saletl des nwrts. Bekennen wir uns doch zu dem Glauben, daß den Toten wie den Lebendigen nichts anderes gebührt und bekommt, als Wahrhaftig- keit und Gerechtigkeit.

Wien, 23. Oktober 1903.

Anton Bettelhcim.

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DEUTSCHER NEKROLOG

VOM i. JANUAR BIS 3i. DEZEMBER

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Homo über de nullst re minus, quam de morte cogitat et ejus sapientia non mortis, sed vitae meditatio esu

Spinoza. Ethices pars IV. Propos. LXV1L

Biofr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 5. Bd.

I

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Deutscher Nekrolog vom i. Januar bis 31. Dezember 1900.

Adelheid Victoria Amalie Luise Marie Konstanze Herzogin zu Schleswig- Holstein-Augustenburg, * zu Langenburg am 20. Juli 1835 als Tochter des Fürsten Emst zu Hohenlohe-Langenburg (f 1860) und seiner Gemahlin Feodora geborenen Prinzeß zu Leiningen (f 1872), f in Dresden am 25. Januar 1900. Ihr Bruder ist der 1832 geborene Fürst Hermann von Hohenlohe-Langenburg, kaiserl. Statthalter in Elsaß -Lothringen. Ihre Schwester war die Herzogin Feodora von Sachsen-Meiningen (* 1839 f 1872).

In der edlen und geistig belebten Häuslichkeit der Eltern wuchs die kleine Prinzeß unter den günstigsten Umständen und unter sorgfältiger Erziehung heran. Früh entfaltete sich das volle Gepräge ihres Wesens, so wie sie es unter allen Wechselfällen des Lebens bewahrte. Der lieblichen Schönheit ihrer äußeren Erscheinung entsprach die lebendige Regsamkeit des Geistes, ihre seelenvolle Anmut und liebenswürdige Heiterkeit. Die schon im Kinde gepflegte Frömmigkeit entwickelte sich unter den schweren Prüfungen, die zeitweilig ihr und der Ihrigen Leben verdunkelten, zu einem tieferen Bedürfnis nach geistlicher Belehrung und kirchlichem Leben. Geistig über- haupt begabt, zeigte sie schon früh ein glückliches musikalisches Talent, welches zu einem fast mehr als dilettantischen Klavierspiel ausgebildet ward, vorübergehend sogar von Meister Thalberg geschult. So anziehende Eigen- schaften mochten wohl Napoleons III. Augen auf sie lenken, als sie sich bald nach ihrer Konfirmation längere Zeit in England aufhielt bei ihrer mütterlichen Großmutter, der Herzogin von Kent. Einer Verbindung mit Napoleon, die auch dem deutschen Sinn ihres Vaters keineswegs entsprach, versagte sie sich jedoch. Dagegen verlobte sie sich später mit dem Prinzen Friedrich, ältestem Sohn des Herzogs Christian August von Schleswig-Holstein-Augustenburg und reichte ihm zum glücklichsten Ehebunde am n. September 1856 zu Langenburg ihre Hand. Das junge Paar nahm seinen Aufenthalt zuerst auf Primkenau, dann zu Dölzig im brandenburgischen Kreise Sorau. So war nun das Lebensgeschick der 21jährigen Prinzeß fortan mit dem Schleswig-Holsteins verbunden, welches seit 10 Jahren alle Gemüter in Deutschland bewegt hatte und sie tiefer noch im nächsten Jahrzehnt erregen sollte, ln treuer Hin- gebung an den innig geliebten Gemahl und in festem Glauben an ihn und

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Adelheid.

sein Recht hat sie seine Hoffnungen wie seine Sorgen und Leiden geteilt, ohne, .jfedoch neben ihm eine politische Rolle zu spielen. Sie war keine politisch angelegte Natur. Ja, so sehr sie sonst jeder geistigen Belehrung mit ■offenem Sinn entgegenkam, so konnte es sie doch gelegentlich in gelinde ••Verzweiflung versetzen, wenn ihr zugemutet wurde, sich etwa in dem Labyrinth d’er schleswig-holsteinischen Erbfolgefrage oder in den wirren Fäden der großen ‘Politik zurechtzufinden. Ihr Reich war und blieb das Haus und die Familie; hier waltete sie mit feiner Hand, mit liebevollem Herzen und frommem Sinn; aus diesem geweihten Umkreis strebte sie, so viel an ihr lag, den politischen Hader und die zersetzenden Einflüsse der Leidenschaft fernzuhalten.

Auf Dölzig verlebte das junge Paar zunächst glückliche Jahre, in denen sich der schöne Charakter des Familienlebens so, wie es sich hernach unter den Stürmen bewährt hat, bildete und festigte, getragen von ernster Frömmigkeit, die sich mit offener Hand in Werken der Liebe betätigte; belebt von geistigen Interessen aller Art; verschönt durch die Freude an der Kunst und an vor- nehm feiner Geselligkeit. Ein erstes noch auf Primkenau geborenes Söhnchen ward dem jungen Paare gleich wieder genommen. Dann folgte, auf Dölzig am 22. Oktober 1858 geboren, die erste Tochter, Prinzeß Auguste Victoria. Unter ihren Paten waren die Königin Augusta und die Kronprinzeß von Preußen: diese zwei ersten deutschen Kaiserinnen als Paten der dritten. Auch noch auf Dölzig wurden Prinzeß Karoline Mathilde (Calma) am 25. Januar 1860 und (nachdem ein Söhnchen w'ieder früh gestorben war) Prinz Ernst Günther am 11. August 1863 geboren. Bis dahin verfloß das Leben der prinz- lichen Familie in ruhigem und heiterem Frieden. Der ländliche Aufenthalt auf Dölzig ward nur vorübergehend mit dem geselligeren in Gotha vertauscht. Dann aber brach 1863 mit dem Tode König Friedrichs VII. von Dänemark die schleswig-holsteinische Katastrophe herein. Als in der Villa des nun- mehrigen Herzogs Friedrich in Gotha die entscheidenden Entschlüsse gefaßt wurden, war Herzogin Adelheid nicht an der Seite ihres Gemahls, der be- kanntlich Ende Dezember nach Kiel ging. Sie folgte ihm erst im folgenden Jahre mit den Kindern dahin nach und das herzogliche Paar residierte nun dort in einer Villa vor dem Eingang in das Düsternbrooker Gehölz. Die Stellung der Herzogin war hier eine überaus schwierige und peinliche. Der damalige Charakter der Stadt Kiel war von dem heutigen außerordentlich verschieden. Noch war Kiel eine Handels- und Seestadt von sehr mäßiger Bedeutung, unter deren Bevölkerung die Universität die führende und ton- angebende Rolle spielte. Der Adel des Landes, die Herren und Damen der schleswig-holsteinischen Ritterschaft, hielten sich meistens fern, wreil sie mit dem Versuche des Herzogs, im Widerspruch mit Preußen und Österreich die Regierung der Herzogtümer zu ergreifen und von Kiel aus zu führen, nicht einverstanden waren. Die Stadt war freilich zur Zeit mit Militär angefüllt, aber dabei standen die Truppen der Großmächte dem Bundesmilitär abwehrend, endlich fast feindlich gegenüber. So sehr auch Stadt und Land dem Herzog im allgemeinen populäre Sympathien bezeugten, so ward es ihm doch un- möglich, eine feste Stellung zu gewinnen und seine Regierung blieb ein inhaltloser Schein. Selbst der häusliche Verkehr mit seinen treuen Anhängern ward von gegnerischer Seite in steigendem Maße argwöhnisch überwacht. Wie hätte es unter den angedeuteten Umständen anders sein können! Auch zogen sich selbst aus den Kreisen seiner bisherigen Anhänger manche zurück, weil sie die politische Unhaltbarkeit der von ihm eingenommenen Stellung

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Adelheid.

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erkannten. Unter so ungewöhnlichen und großen Schwierigkeiten bewährte Herzogin A. alle trefflichen und liebenswerten Eigenschaften ihres Wesens in wahrhaft rührender Weise. Wer über sie aus dieser Zeit der Prüfungen be- richtet, weiß nur ihren Mut und ihre stille Ergebung, ihre Güte und Anmut im häuslichen Verkehr zu rühmen. Während um den Gatten die Wolken sich immer dunkler zusammenzogen, blieb sie das Licht seines Herzens und Hauses und die stets sorgsam wachende Mutter ihrer Kinder. Am 8. April 1 866 ward in Kiel noch ein Töchterchen geboren, Luise Sophie. Bald darauf, unter dem Ausbruch des Krieges von 1866 mußte der Herzog Kiel als Flüchtling verlassen. Die Familie begab sich zunächst nach Gotha.

Dieser Katastrophe sind dann wieder Jahre ruhigen Familienlebens in stiller Zurückgezogenheit gefolgt, teils in Dölzig und Gotha, teils auf Primkenau, wo der Herzog nach dem 1869 erfolgten Tode seines Vaters dauernd seinen Wohnsitz aufschlug. Jetzt sah sich die Herzogin unter der herrlich heran- blühenden Kinderschar, der sich am 3. Juli 1874 noch eine Tochter, Prinzeß Feodora, zugesellte, wieder ganz den Aufgaben hingegeben, die ihrer eigensten Natur entsprachen. Die Erziehung der Kinder, ihre sittliche und religiöse Entwicklung bildete das stete und höchste Ziel ihres Lebens. Den Religions- unterricht der ältesten Töchter hat sie bis zu deren 11. Jahre selbst geleitet. Ein Hausgenosse aus dieser Periode schreibt uns: »Ich habe die Jahre 1870 bis 1873 mit der herzoglichen Familie verlebt. Dieselbe weilte im Früh- jahr 1870 in Gotha, bis Anfang Mai. Besonders heiter war die Herzogin, wenn schöne Ausfahrten in den Thüringer Wald unternommen wurden. Sie hatte eine kindliche Freude an den Bergen, überhaupt an der Natur. Während in der LTmgebung des Herzogs Andere wohl ihren Zorn über die Ereignisse von 1866 aussprachen, habe ich bei der Herzogin Adelheid nie etwas von solchem Zorn oder politischer Erbitterung bemerkt. Es kam dann nach wenigen ruhigen Monaten der Krieg mit Frankreich, der wieder recht tief in das Leben der herzoglichen Familie eingriff, da Herzog Friedrich im Ge- folge des Kronprinzen mitzog. Er reiste nach einer ernsten Abendmahlsfeier am 9. August und kam am 11. F'ebruar 1871 zurück. Am Tage seiner Rückkehr konnte die Herzogin es beim Diner an ihrem gewöhnlichen Platz, dem Herzog gegenüber, nicht aushalten, sie mußte an seine Seite übersiedeln. An den Stunden der Prinzessinnen Victoria und Calma nahm sie meistens teil, besonders gern an den Religionsstunden, aber auch an Geschichte, Literatur und Deutsch.«

So widmete sie sich ganz dem eigentlichsten und vornehmsten Frauenberufe, indem sie dem Gatten unter den Kämpfen und Sorgen des Lebens das Heim zur Stätte der Ruhe, des Friedens und der Freude machte, den Kindern zum Garten, in dessen reiner und gesunder Luft sie sich körperlich wie an Geist und Gemüt auf das glücklichste entfalten konnten. Unter dem modernen Lärmen der »Frauenbewegung» wird Wert und Höhe dieser Aufgabe nur zu oft verkannt. Wie wichtig ist sie auch in den bescheidensten Verhältnissen unter dem niedrigsten Dache geübt! wie unermeßlich steigert ihre Bedeutung sich da, wo die Kinder berufen sind, ihre hohen Lebensaufgaben dereinst in der Region der Throne zu finden!

Nur bis zum Jahre 1880 stand der Herzogin der geliebte Gemahl zur Seite. Ein Herzleiden, welches den Seinen schon im vorhergehenden Jahre schwere und steigende Sorge erregt hatte, machte schon am 14. Januar 1880 in Wiesbaden, wo er Heilung suchte, seinem Leben ein Ende; der schwerste

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Adelheid, von Blamenthal.

Schlag, der die Familie, vor allen die Herzogin, treffen konnte; er beugte sie weit tiefer, als alle voraufgegangenen politischen Aufregungen und Ver- luste es vermochten. Ganz ohne nachteilige Folgen für ihre Gesundheit waren freilich auch diese nicht geblieben; denn durch sie ist doch wohl schon der Grund zu der nervösen Reizbarkeit und Unruhe gelegt, an der sie in ihren späteren Jahren zu leiden hatte. Die Vormundschaft über die herzoglichen Kinder führte die Herzogin in Gemeinschaft mit dem jüngeren Bruder des verstorbenen Herzogs, dem Prinzen Christian von Schleswig- Holstein, der als Schwiegersohn der Königin Victoria in England lebte.

In wundersamer Weise sollte ein Freudenschein die Trauer des herzog- lichen Hauses erhellen. Nur wenigen der Allernächsten war es bekannt, daß der Herzog unmittelbar vor seinem Tode schwierige Verhandlungen über einen Ehebund zwischen seinem und dem kaiserlichen Hause in ganz vertraulichen Schriftstücken zum glücklichen Abschluß gebracht hatte. Dazu hatte ein Herzens- bund geführt, der sich im Stillen zwischen dem einstigen Erben der deutschen Kaiserkrone und der ältesten Tochter des herzoglichen Hauses gebildet hatte. Das Verlangen des Kronprinzen und der Kronprinzeü von Preußen, auf diesem Wege zugleich eine Aussöhnung zwischen den hohen Häusern herbeizuführen, hatte die Wünsche des jungen Paares eifrig gefördert. Schon am 14. Februar 1880 gab die Herzogin ihre Zustimmung; am 2. Juni ward am kaiserlichen Hofe die Verlobung proklamiert und am 27. Februar 1881 fand im könig- lichen Schlosse zu Berlin die Vermählung statt. Am 19. März 1885 ver- mählte sich zu Primkenau die zweite der Töchter, Prinzeß Karoline Mathilde, mit dem Herzog Friedrich Ferdinand von Schleswig-Holstein-Glücksburg; am 24. Juni 1889 die dritte, Prinzeß Luise Sophie, mit dem Prinzen Friedrich Leopold von Preußen.

Inzwischen hatte die Herzogin, nachdem Herzog Emst Günther mündig geworden war. Schloß Primkenau verlassen. Wie sie selbst von der Stätte ihres langjährigen treuen Wirkens und Glückes mit schwerem Herzen schied, so sah die ganze Bevölkerung Primkenaus auch sie, die eine wahre Mutter der Armen gewesen war, mit herzlicher Wehmut scheiden. Sie zog 1885 zunächst wieder nach Gotha, siedelte aber 1887 nach Dresden über. Hier lebte sie, von Hof und Stadt geliebt und geehrt, in der Freude an dem Glück ihrer Kinderhäuser, bis nach kurzer Krankheit der Tod ihr fast genau 20 Jahre nach dem Tode des Gemahls die Augen schloß. An ihrem Sterbe- bette standen alle ihre Kinder. Ihre l.eiche ward am 29. Januar in Primkenau an der Seite des voraufgegangenen Gemahls beigesetzt.

Vgl. Herzogin Friedrich zu Schleswig-Holstein, die Mutter der Deutschen Kaiserin, von Superintendent Jentsch im Schlesischen Volkskalender flir 1903. Eigene Erinnerung.

R. v. Liliencron.

Blumcnthal, Leonhard Graf von, Königlich Preußischer General -Feld- marschall, * am 30. Juli 1810 in Schwedt a. O., f am 22. Dezember 1900 in Quellendorf bei Köthen.

Leonh. v. Bl.s Vater war Rittmeister im 2. Preuß. Dragoner-Regiment und fand als solcher in der Schlacht von Dennewitz beim Angriff auf ein franzö- sisches Karree den Heldentod. Den damals dreijährigen Leonhard nahm der Großvater von mütterlicher Seite, v. Below, ein wohlhabender Gutsbesitzer in der Gegend von Stolpe, zu sich. Im Alter von zehn Jahren wurde der Knabe jedoch zur weiteren Erziehung dem Kadetten-Korps übergeben. Zunächst in

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von Blumcntlial.

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der Culmer Voranstalt, dann in der Berliner Hauptanstalt des Korps reifte er bei guter natürlicher Beanlagung und sehr regem Streben schnell heran, so daß er schon an seinem 17. Geburtstage nach bestandener Offiziersprüfung dem damaligen Garde-Reserve-Infanterie-Regiment, jetzigem Garde-Füsilier-Regiment, als Leutnant überwiesen wurde. Fast 1 7 Jahre war Bl. Sekond-Leutnant, da- nach noch fünf Jahre Premier-Leutnant. Für einen gewöhnlichen Menschen ist eine 22 jährige Leutnantszeit mehr wie ausreichend, um geistig zu erlahmen. Für Bl. war sie die Vorbereitungszeit zu einer Ruhmeslaufbahn. Schon drei Jahre nach seinem Eintritt in das Heer bewarb er sich um die Zulassung zur Allgemeinen Kriegsschule (jetzigen Kriegs-Akademie) und bestand die hierfür vorgeschriebene Prüfung. Während seines dreijährigen Kommandos zu dieser Anstalt widmete er sich mit Eifer militärischen und allgemeinwissenschaftlichen Studien, unter den letzteren Geschichte und Mathematik, sowie die lebenden Sprachen bevorzugend. Auch Vorlesungen an der Universität nahm er hierfür zu Hilfe. Die begonnenen Studien setzte er nach Beendigung des Kommandos zur Allgemeinen Kriegsschule fleißig fort, gleichzeitig sich im praktischen Militär- dienst vervollkommnend. Was ein Leutnant im Truppendienst erlernen kann, eignete er sich an. Ein achtjähriges Kommando als Adjutant und Rechnungs- führer zu dem Garde-Landw'ehr-Bataillon Koblenz (von 1837 bis 1845) 8ab ihm Gelegenheit, sich auch mit den Landwehrverhältnissen und der Admini- stration vertraut zu machen. Während dieses Kommandos, im Sommer 1839, verheiratete er sich mit einer Engländerin, deren Mutter Koblenz vorüber- gehend zum Wohnsitz genommen hatte. Dies wurde Veranlassung, daß er nicht nur die englische Sprache bald vollständig beherrschte, sondern auch England gründlich kennen lernte, nachdem er schon zuvor zu militärischen und Sprachstudien längere Reisen nach Belgien und Frankreich unternommen hatte.

Im Jahre 1847 erfolgte Bl.s Kommandierung zum topographischen Bureau des Generalstabes, im Sommer dieses und des nächsten Jahres wurde er zu topographischen Aufnahmen in der Lausitz verwandt, in der Zwischenzeit auch auf drei Monate zur Dienstleistung bei der Artillerie kommandiert, und am 6. Januar 1849 unter Beförderung zum Hauptmann in den Großen Generalstab versetzt Zum Feldherrn geboren und im Alter von 17 Jahren zum Leutnant ernannt, mußte Bl. also bis zu seinem 39. Lebensjahre warten, ehe er den Rang eines Hauptmanns erreichte.

Die erste Gelegenheit zur kriegerischen Tätigkeit und Auszeichnung bot sich ihm, als er am 22. März 1849 zur Dienstleistung bei dem Oberbefehls- haber der Schleswig-Holsteinschen Armee, dem Generalmajor v. Bonin, kom- mandiert wurde. Unter diesem nahm er an dem Feldzuge in Schleswig und Jütland teil. Als am 23. Mai der Stabschef des Korps, Hauptmann v. Delius, tödlich verwundet wurde, trat Bl. an seine Stelle. Die Schlacht bei Fredericia (6. Juli 1849) war die erste, an der er teilnahm, und von den zahlreichen Schlachten, auf deren Ausgang er als Chef des Generalstabs einer Armee Einfluß ausgeübt hat, die einzige, die mit einem Rückzug endigte. Im April 1850 aus den Elbherzogtümem abberufen, kehrte er nach Preußen zurück. Bis zum Jahre 1860 gehörte er dann dem Generalstabe in verschiedenen Dienststellungen an. Während dieser Zeit trat er in nähere Beziehungen zu den beiden preußischen Prinzen, an deren Seite er in den nachfolgenden Kriegen eine hervorragende Rolle zu spielen berufen war. Als während der Manöver im Jahre 1854 der Prinz Friedrich Wilhelm der nachmalige Kaiser

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von Blumenthal.

Friedrich das i. Garde-Regiment z. F. führte, war Major v. Bl. ihm bei- gegeben. Und 1858 wurde dieser persönlicher Adjutant des Prinzen Friedrich Karl. Bei der Reorganisation der Armee trat er (im Mai 1860) an die Spitze des 3. Thüringischen Infanterie-Regiments No. 71 in Erfurt, ln dieser Stellung verblieb er bis zum Ausbruch des Krieges gegen Dänemark im Anfang des Jahres 1 864, den er als Oberst und Chef des Generalstabes des vom Prinzen Friedrich Karl von l’reuüen befehligten preußischen kombinierten Armee- Korps (I. Korps der verbündeten preußisch -österreichischen Armee) mitmachte. Er bewährte sich hier glänzend und trat namentlich dadurch hervor, daß er den Plan erfaßte und energisch betrieb, die Dänen in ihrer festen Stellung bei Düppel, statt in der Front, durch Übergang nach Alsen im Rücken an- zugreifen. Der Übergang sollte bei Ballegaard Uber die dort >900 m breite Alsener Föhrde ausgeführt werden. Der Prinz Friedrich Karl stimmte dem kühnen Plane zu. In Berlin erachtete man zwar das Wagnis, besonders wegen des zu erwartenden Eingreifens dänischer Kriegsschiffe, für zu groß, wenn es ohne Mitwirkung der kleinen preußischen Flotte unternommen würde, wies diese aber an, den Versuch zur Mitwirkung zu machen, und ließ schließlich dem Prinzen auch freie Hand, das Unternehmen selbst dann zu wagen, wenn der Versuch der Flotte zur Mitwirkung scheitern sollte. Demgemäß wurden alle Vorbereitungen so getroffen, daß der Übergang am 2. April (1864) in früher Morgenstunde beginnen sollte, und an dieser Absicht auch festgehalten, als die Nachricht einging, daß die Flotte durch ungünstigen Wind an rechtzeitigem Auslaufen verhindert war. Allein ein heftiger Sturm machte am Morgen des 2. und auch noch am 3. April die Überfahrt über die Föhrde unmöglich; und da mit Sicherheit anzunehmen war, daß die Dänen inzwischen die Absicht erkannt und entsprechende Gegenmaßregeln getroffen hatten, so mußte von deren Ausführung, die nur mit Hilfe der Überraschung möglich gewesen wäre, Abstand genommen werden. In dem Plane aber, dessen Seele Bl. war, und in dessen energischer Betreibung traten die hervorragenden Charaktereigen- schaften dieses Offiziers deutlich zu Tage. Nicht minder bewährte er sich als tüchtiger Generalstabs-Chef bei der Vorbereitung des Sturmes auf die Düppeler Schanzen, der infolge des Scheiterns jenes Planes am 18. April mit glänzendem Erfolge ausgeführt wurde. Als während des nachfolgenden Waffenstillstandes der Prinz Friedrich Karl an Stelle Wrangels zum Oberbefehlshaber der ver- bündeten Armee und der General Herwarth v. Bittenfeld zum kommandierenden General des kombinierten preußischen Armee-Korps ernannt wurde, verblieb Bl. in seinem Verhältnis als Chef des Generalstabes bei letzterem und hatte wesentlichen Anteil an der Vorbereitung und Ausführung des I bergangs nach Alsen, der am 29. Juni 1864 jedoch nicht bei Ballegaard, sondern an der schmaleren Stelle des Sundes, bei Satrupholz stattfand. Der Niederlage, die die Dänen auf Alsen erlitten, folgte im Juli der Abschluß eines Waffen- stillstandes und nach längeren Verhandlungen der Friedensschluß. Im Dezember kehrte das Ober-Kommando mit den preußischen Truppen, die am Kriege teilgenommen hatten, in die Heimat zurück. Bl. war inzwischen zum General- major befördert worden und wurde nunmehr zum Kommandeur der 7. Infanterie- Brigade in Bromberg ernannt, vertauschte diese Stellung aber schon im Frühjahr 1865 mit der gleichen an der Spitze der 30. Infanterie-Brigade in Köln.

Bei Ausbruch des Krieges von 1866 wurde Bl. zum Chef des General- stabes der aus dem Garde-Korps, dem I., V. und VI. Armee-Korps und einer Kavallerie-Division gebildeten, unter den Befehl des Kronprinzen von Preußen

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(des nachmaligen Kaisers Friedrich) gestellten II. Armee ernannt. Diese Armee sammelte sich in Schlesien und bildete den linken Flügel der in dem 60 Meilen weiten Bogen von Zeit z Uber Görlitz bis Neiße sich zunächst entwickelnden preußischen Streitkräfte. Am 16. Juni rückte, nach erfolgter Kriegserklärung an Sachsen, die den preußischen rechten Flügel bildende Elb-Armee in das genannte Königreich ein und in diesem, sich der in der Lausitz befindlichen I. Armee nähernd, gegen die böhmische Grenze vor. Die sächsische Armee wich nach Böhmen zurück, wo sie von dem österreichischen I. Korps auf- genommen wurde. Preußbcherseits wurde nunmehr beschlossen, den Krieg gegen Österreich mit einer konzentrischen Offensive in Böhmen zu beginnen. Die I. und Elb-Armee unter dem Prinzen Friedrich Karl sollten über das Lausitzer Gebirge, die II. Armee aus der Grafschaft Glatz in Böhmen ein- brechen, beide Teile in der allgemeinen Richtung auf Gitschin Zusammen- wirken. Der Entschluß gründete sich auf Nachrichten, aus denen hervorging, daß Teile der bisher im nördlichen Mähren versammelt gewesenen österreichi- schen Hauptmacht sich nach Böhmen in Marsch gesetzt hatten. Das Ober- Kommando der II. Armee traf seine Anordnungen dahin, daß am 27. Juni das V. Armee-Korps bei Nachod, das I. bei Trautenau, das Garde-Korps zwischen beiden über Braunau vorgehend aus dem Gebirge heraustreten, das VI. Korps dem V., die Kavallerie -Division dem I. Korps folgen sollte. Als Bl. dem Kronprinzen diese Anordnungen vorschlug, verhehlte er ihm nicht die Gefahr, der das Unternehmen ausgesetzt war. Aber beide sahen ihr mit gleicher Entschlossenheit ins Auge. In der Tat stießen die getrennten Kolonnen der Armee beim Heraustreten aus dem Gebirge auf die Flanke der nordwärts vorbeimarschierenden österreichischen Hauptmacht. Das I. Armee-Korps wurde am 27. Juni bei Trautenau in das Gebirge zurückgeworfen, aber Steinmetz mit dem V. Korps brach sich in heißem Ringen noch an demselben Tage bei Nachod Bahn, warf an den beiden folgenden Tagen überlegene frische Kräfte, die ihm bei Skalitz und Schweinschädel entgegentraten, unter großen Verlusten zurück, und das Garde-Korps öffnete am 28. Juni durch das siegreiche Gefecht bei Soor auch den Gebirgsausgang bei Trautenau. Inzwischen drängte der Prinz Friedrich Karl von Norden her unter mehrfachen erfolgreichen Gefechten die ihm gegenüberstehenden feindlichen Streitkräfte zurück. Am 29. Juni er- reichten seine Truppen nach ernstem Kampfe Gitschin. Am folgenden Tage wurde der Marsch zu näherem Anschluß an die bis zur Elbe bei Königinhot vorgedrungene II. Armee fortgesetzt. So von zwei Seiten hart bedrängt, beschloß der österreichische Oberbefehlshaber Benedek, seine gesamten Streit- kräfte in der starken Stellung von Königgrätz zu versammeln und hier den Angriff der Gegner zu erwarten. Am 2. Juli wurde die starke Besetzung dieser Stellung dem Ober-Kommando der I. Armee bekannt. Der Prinz Friedrich Karl beschloß, sie am folgenden Morgen anzugreifen; der König billigte diesen Entschluß und sandte noch in der Nacht dem Kronprinzen den Befehl, mit seiner ganzen Armee den Angriff, gegen des Feindes rechte Flanke vorgehend, zu unterstützen. Mit der frischen Tatkraft, die den Kronprinzen und seinen Generalstabs-Chef auszeichneten, wurden sofort die Truppen alarmiert und mit größter Beschleunigung dem Schlachtfelde zugefUhrt. Rastlos vorwärts stürmend, brachen sie in die rechte Flanke der durch den heißen Kampf in ihrer Front in Anspruch genommenen Österreicher überraschend ein und bereiteten im Verein mit der I. und Elb-Armee unter dem [>ersönlichen Ober- befehl König Wilhelms dem feindlichen Heere jene Niederlage, die Österreichs

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Widerstandskraft brach. In ihrem Bestände erheblich geschwächt und innerlich tief erschüttert, wich die österreichische Armee nach Olmütz zurück, in der Hoffnung, in dem dortigen befestigten Lager den verlorenen Halt wiederzu- gewinnen. Der König entschloß sich nunmehr, mit der I. und Elb-Armee geradeswegs auf Wien zu marschieren, während der Kronprinz Befehl erhielt, mit seiner Armee dem Feinde nach Olmütz zu folgen, ihn dort zu beobachten und festzuhalten. Zu diesem Zwecke sollte die II. Armee in eine Aufstellung nordwestlich von Olmütz, mit eventuellem Rückzug nach der Grafschaft Glatz, gehen. Hiergegen erhob jedoch Bl. bei Moltke eindringliche Vorstellungen. Er wies darauf hin, daß es vor allem darauf ankomme, Benedek am Abmarsch nach der Donau bezw. an Unternehmungen gegen die auf Wien vorrückenden preußischen Streitkräfte zu verhindern, was der II. Armee nur möglich sein würde, wenn sie hierzu südlich von Olmütz bereit stände. Diesen Vor- stellungen wurde nachgegeben, und die Folge hiervon war, daß Benedek, als er in der Tat kurz darauf nach Süden abzumarschieren unternahm, durch die II. Armee mit Leichtigkeit in die Karpathen abgedrängt wurde, wodurch seine Armee den letzten Halt verlor. Die I. und F.lb-Armee waren inzwischen vor Wien angelangt. Jeder Hoffnung auf eine günstige Wendung des Geschickes beraubt, schloß Österreich unter der Vermittelung Napoleons Waffenstillstand und dann Frieden.

Bl. hatte sich in seiner Stellung als Generalstabs -Chef der II. Armee glänzend bewährt. Zwischen dem Kronprinzen und ihm hatte sich ein ideales Verhältnis herausgebildet, sehr ähnlich dem, das in den Befreiungskriegen zwischen Blücher und Gneisenau bestand. Der Kronprinz nahm Bl.s Vorschläge nicht ohne Prüfung, aber mit höchstem Vertrauen entgegen, und ohne Reibung stellte sich zwischen ihnen stets volle Übereinstimmung der Ansichten her. Gleiche Übereinstimmung herrschte in der Durchführung der gefaßten Ent- schlüsse. Alle Einzelheiten seinem Gencralstabs-Chef überlassend, hielt der Kronprinz an den gemeinsam mit diesem erfaßten Zielen, unbeirrt durch ent- gegentretende Schwierigkeiten, fest und verstand es, mit seiner frischen, alle- zeit von froher Zuversicht beseelten Persönlichkeit, w’ie einst Blücher, in seiner Armee jenen Geist zu entflammen und zu erhalten, der Bürge des Sieges ist. Das glückliche Verhältnis zwischen beiden erfuhr auch keine Trübung, als während des Krieges durch die Zeitungen ein Brief Bl.s an seine Frau ver- öffentlicht wurde, der dem Anteil des Kronprinzen an den Erfolgen der II. Armee nicht volle Würdigung zuteil werden ließ. Der in englischer Sprache verfaßte Brief war den Österreichern in die Hände gefallen und dann in un- genauer Übersetzung in die Öffentlichkeit gebracht worden. Die Absicht, dadurch das Einvernehmen zwischen dem Kronprinzen und seinem Generalstabs- Chef zu trüben, scheiterte an dem edlen Sinn des ersteren.

Als im Jahre 1870 der Krieg gegen Frankreich ausbrach und der Kronprinz von Preußen zum Oberbefehlshaber der III. Armee ernannt wurde, erbat er sich wiederum Bl., der inzwischen als Generalleutnant die 14. Division in Düsseldorf befehligt hatte, als Generalstabs-Chef. Der König entsprach seinem Wunsche. Die französischen Streitkräfte standen, noch unfertig, in zwei Heer- haufen, vorwärts von Metz und um Straßburg, als die deutsche Armee ihren Aufmarsch zwischen der Luxemburger Grenze und Landau beendet hatte. Die aus dem preußischen V., VI. und XI. Armee-Korps, dem I. und II. bayri- schen Korps, der Württembergischen und Badischen Feld-Division sowie der 2. und 4. Kavallerie-Division bestehende Armee des Kronprinzen bildete den

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linken Flügel und erhielt den Auftrag, gegen die bei Straßburg sich sammelnden Streitkräfte des Feindes vorbrechend, den Krieg zu eröffnen. Am 4. August die Grenze überschreitend, stieß sie an diesem Tage bei Weißenburg auf die vereinzelt dorthin vorgeschobene Division Douay und bereitete ihr eine schwere Nieder- lage. Der Oberbefehlshaber des französischen rechten Flügels, Mac Mahon, versammelte nun eilig seine Kräfte in der starken Stellung hinter dem Sauer- bach, zwischen Wörth und Reichshofen. Der Kronprinz rückte am 5. August nahe an die Stellung heran. Am 6. sollten die Korps dorthin aufschließen, um am 7. anzugreifen. Allein schon ein am frühen Morgen des 6. August von dem in der Mitte stehenden V. Korps (v. Kirchbach) unternommenes Aufklärungsgefecht gewann einen so heftigen Charakter, daß sein Abbrechen einer Niederlage des Korps gleichgekommen sein würde. General Kirchbach entschloß sich daher, den Kampf durchzuführen, meldete dies dem noch in Sulz befindlichen Ober-Kommando und ersuchte die Nebenabteilungen um Unterstützung. Der Kronprinz eilte sofort mit Bl. auf das Kampffeld, über- zeugte sich von der Notwendigkeit, die Schlacht sogleich durchzufechten und erließ die dazu erforderlichen Befehle. Das Ergebnis war ein verlustreicher, aber so entscheidender Sieg, daß die Armee Mac Mahons, ohne den Versuch weiteren Widerstandes, bis nach dem Lager von Chälons s. M. zurückfloh. Die III. Armee folgte in der Richtung über Nancy. Zu ihrer Rechten über- schritten am 6. August auch die Spitzen der I. und II. Armee die die Grenze bildende Saar und bereiteten an diesem Tage dem französischen II. Korps (Fros- sard) auf den Spicheren Höhen eine Niederlage, die zur Folge hatte, daß die französische Hauptmacht auf Metz zurückwich. Durch die blutigen Schlachten des 14., 16. und 18. August gezwungen, ihr Heil unter den schützenden Wällen der genannten Festung zu suchen, wurde sie dort von dem Prinzen Friedrich Karl mit der I. und dem größeren Teile der II. Armee eingeschlossen. Drei Armee- Korps und zwei selbständige Kavallerie- Divisionen schieden nach der Ent- scheidungs-Schlacht des 18. August aus der II. Armee aus und traten als ^Maas-Armee* unter den Oberbefehl des Kronprinzen von Sachsen. Mit der Maas-Armee und der III. Armee zu deren Linken setzte König Wilhelm den Vormarsch, zunächst in der Richtung auf ChfUons, fort. Dort war inzwischen die Armee Mac Mahons unter Mitbenutzung der Eisenbahn eingetroffen. Durch Reservetruppen auf etwa 120000 Mann verstärkt, setzte sie sich, geführt von Mac Mahon, aber begleitet vom Kaiser Napoleon, am 21. August nach Reims und am folgenden Tage von dort über Rethel in Marsch, um Bazaine entgegenzurücken, von dem die vom 19. August datierte Nachricht eingegangen war, er hoffe nach einigen Ruhetagen mit seiner Armee den Rückzug von Metz in nordwestlicher Richtung antreten zu können. Das Unternehmen Mac Mahons wurde jedoch von der deutschen Heeresleitung rechtzeitig durch- schaut. Um ihm entgegenzutreten, marschierten die Maas-Armee und das I. und 11. Bayrische Korps am 26. August rechtsschwenkend nordwärts durch die Argonnen ab. Dem Ober- Kommando der III. Armee wurde freigestellt, mit den übrigen Teilen der Armee dem V., VI. und XI. Armee -Korps, sowie der 2. und 4. Kavallerie-Division den Marsch in der Richtung auf Paris fortzusetzen. Auf Bl.s Vorschlag erbat und erhielt jedoch der Kronprinz die Genehmigung, sich mit dem letztgedachten Hauptteil seiner Armee auf der Westseite der Argonnen, über St. Mdndhould, der Operation gegen die Armee Mac Mahons anzuschließen, um dieser den Rückzug auf Paris desto sicherer zu verlegen. So kam es zu einer Rechtsschwenkung der gesamten

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III. und Maas-Armee. Bald war die Fühlung mit dem Feinde gewonnen, der nun nordwärts auszuweichen suchte. Von dem jetzt in breiter Front in der- selben Richtung vorrückenden deutschen Heerhaufen hart bedrängt, gelangte er zwar nach der Schlacht bei Beaumont (30. August) noch hinter die Maas, aber in dem schmalen Raum zwischen diesem Fluß und der belgischen Grenze war ein weiteres Entkommen nicht möglich. Am 1. September bei Sedan vollständig umzingelt, mußte die ganze Armee nach tapferer Gegenwehr die Waffen strecken. Mit ihr geriet Kaiser Napoleon in Kriegsgefangenschaft. Und die auf Bl.s Vorschlag nordwärts geführte III. Armee war es, die, in der Nacht zum r. September die Maas unterhalb Sedan überschreitend, die Um- zingelung auf der Westseite ausgeführt hatte. Bazaine war inzwischen durch den Prinzen Friedrich Karl in und bei Metz festgehalten worden. Am 1 . September versuchte er sich Bahn zu brechen, wurde aber in der Schlacht von Noisseville zurückgewiesen. Danach unternahm er noch einige schwächere Ausfälle, aber mehr und mehr erlahmten seine Kräfte, und am 27. Oktober zwang ihn der Hunger, sich mit seiner noch 170000 Mann starken Armee und der Festung zu ergeben.

Nach der Katastrophe von Sedan war also ein Teil der kaiserlichen Armee von Frankreich vernichtet, der andere lag in unlösbaren Fesseln bei Metz. Der Weg nach Paris stand den Deutschen offen, der König trat ihn mit der III. und Maas -Armee unverzüglich an. Das Schicksal Frankreichs war nicht mehr zu wenden, aber die tapfere Nation konnte den Gedanken, daß sie unwiderruflich besiegt sei, nicht fassen. In unblutiger Revolution wurde das Kaisertum gestürzt, eine »Regierung der nationalen Verteidigung* ergriff das Staatsruder, und bald tauchten in Paris und in den Provinzen neue Heerhaufen auf, die in kurzer Zeit zu Hunderttausenden anwuchsen. Bei ihrer mangelhaften Organisation und Schulung vermochten sie zwar den Siegern die Palme nicht mehr zu entreißen. Aber die Überwindung der die Brust todesmutig darbietenden Massen verursachte den Deutschen doch noch erhebliche Anstrengungen und Opfer. Die III. Armee W'ar hieran stark be- teiligt, und Bl. fand noch reichliche Gelegenheit, seine ausgezeichneten militärischen Eigenschaften zu bewähren. Am 19. September wurde Paris im südlichen Halbkreis von der III., im nördlichen von der Maas-Armee ein- geschlossen. So lange die Streitmacht des Prinzen Friedrich Karl vor Metz gefesselt war, mußten jene beiden Armeen vor Paris auch sich selbst den Rücken frei halten. Genötigt, sich zu diesem Zweck im Süden bis zur Loire auszudehnen und Orleans in Besitz zu nehmen, befand sich die III. Armee eine Zeitlang in gespannter Lage, die ihren Höhepunkt erreichte, als das I. Bayerische Korps durch das Treffen bei Coulmiers (am 9. November) sich zum Rückzuge auf Paris genötigt sah. Schon nahte jedoch der Prinz Friedrich Karl von Metz her mit der II. Armee und übernahm nunmehr gemeinschaftlich mit der aus der III. Armee ausgeschiedenen Armee-Abteilung des Großherzogs von Mecklenburg-Schwerin die Sicherung der Einschließung von Paris gegen Süden und Sudwesten. Stellten schon die bisher aufgeführten Aufgaben der III. Armee vor Paris bei der fieberhaften Tätigkeit der Gegner an die Einsicht und Leistungsfähigkeit Bl.’s hohe Anforderungen, so wurden diese noch dadurch gesteigert, daß der III. Armee auch die Aufgabe zufiel, den artilleristischen Angriff gegen die Südfront von Paris vorzubereiten. Die Heranschaffung des dafür erforderlichen gewaltigen Materials auf dem weiten und schwierigen Landwege von der letzten Eisenbahn-Station bis zum Belagerungs-Park stieß

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auf die größten Schwierigkeiten und verzögerte sich in unvorhergesehener Weise. Infolgedessen entwickelten sich in Versailles, wo das Ober-Kommando der III. Armee mit dem großen Hauptquartier zusammenlag, heftige Gegen- sätze über die Frage des artilleristischen Angriffs. Während Moltke und das Ober- Kommando der III. Armee übereinstimmend die Ansicht vertraten, daß man den Angriff nicht beginnen dürfe, ohne mit Sicherheit über die Mittel zu seiner vollständigen Durchführung zu verfügen, drängten Bismarck und Roon mit zunehmender Leidenschaftlichkeit auf den Beginn der Beschießung, namentlich auch gegen das Innere von Paris. Von einem solchen Bombarde- ment, das nur einen kleinen Teil von Paris erreichen konnte, versprachen sich aber die Militärs keinen Erfolg. Sie erwarteten, daß Paris vor Jahres- schluß durch Hunger zur Kapitulation genötigt sein würde, wollten aber für den Fall, daß diese Annahme sich als unzutreffend erweisen sollte, die Zwischenzeit zur Heranführung von so vielem Material benutzen, daß alsdann nicht nur mit einer Beschießung begonnen, sondern der Angriff mit Energie ununterbrochen durchgeführt werden könnte. Am entschiedensten, mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit, vertrat Bl. diesen Standpunkt. Er begründete ihn namentlich in einer Denkschrift, die er unterm 21. November dem General v. Moltke einreichte (s. d. Denkschrift in der Milit.- Korrespondenz Moltkes von 1870/71, herausgegeben vom Großen Generalstabe 1896, S. 446). Letzterer sowie der Kronprinz vertraten die gleiche Ansicht vor dem Könige. Dieser befahl die größte Beschleunigung der Angriffsvorbereitungen. Gleichwohl konnte erst am 4. Januar 1871 mit dem Angriff gegen die Forts der Südfront von Paris und mit einer schwachen Beschießung des Inneren der Stadt be- gonnen werden. Die Forts wurden bald zum Schweigen gebracht und fast demoliert. Aber für die Durchführung des Angriffs gegen die mit weit über- legener Artillerie ausgestattete Hauptumwallung erwiesen sich die verfügbaren Mittel auch jetzt noch als unzureichend. Der Angriff verlief sieb in eine Kanonade mit geringer Wirkung von beiden Seiten. Noch weniger Erfolg hatte das Bombardement des Stadtinnern, da für die Besatzung und Bevölkerung Raum genug vorhanden war, um sich ihm zu entziehen. Paris kapitulierte, nachdem ein letzter großer Ausfall am 19. Januar in der Schlacht am Mont Valerien durch die III. Armee siegreich abgewiesen worden war, lediglich durch Hunger genötigt.

Zahlreiche Anerkennungen wurden Bl. für die im Kriege gegen Frankreich geleisteten Dienste zuteil. U. a. erhielt er eine Dotation, die er zum Ankaut von Grundbesitz in Westpreußen verwendete. Kurze Zeit nach Beendigung des Krieges wurde er zum Kommandierenden General des IV. Armee-Korps in Magdeburg ernannt. In dieser Stellung verblieb er bis zum Jahre 1888. Im Jahre 1883 erhob ihn Kaiser Wilhelm I. in den erblichen Grafenstand, und als Kaiser Friedrich den Thron bestieg, war eine seiner ersten Regierungs- handlungen die Ernennung seines einstigen Generalstabs -Chefs zum General- Feldmarschall (18. März 1888). Kurz darauf wurde Bl. zum General-Inspekteur der IV. Armee-Inspektion, mit Anweisung des Wohnsitzes in Berlin, ernannt. Im Jahre 1892 vertauschte er diese Stellung mit der gleichen an der Spitze der III. Armee-Inspektion. Daneben war er Chef des Reitenden Feldjäger- Korps. Diese Stellung bekleidete er bis an sein Lebensende, während er von der des General-Inspekteurs auf seinen Antrag am 28. März 1898 enthoben wurde. In ungewöhnlicher Geistesfrische erreichte er das hohe Alter von 90 Jahren. Nach seinem Tode ehrte Kaiser Wilhelm II. sein Andenken, indem

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ron Blumenthal. von Planck.

er befahl, daß das Magdeburgische Füsilier-Regiment No. 36, dessen Chef der Verewigte gewesen war, fortan den Namen »Füsilier-Regiment General-Feld- marschall Graf v. Blumenthal (Magdeburgisches) No. 36s führen solle.

Bl. gehört zu den hervorragendsten Persönlichkeiten aus der Zeit der Wiedergeburt Deutschlands. Von Gestalt klein und zart, in seiner Haltung etwas gebückt, wandte er seinem Äußeren wenig Sorgfalt zu, wie er überhaupt auf Äußerlichkeiten keinen Wert legte. Sein Haupt mit hochgewölbter Stirn, stark ausgeprägter Nase, scharf markierten Zügen und sehr lebhaften blauen Augen hob indes seine äußere Erscheinung. Bis in sein hohes Alter war das etwas lockige Haupthaar sowie sein Schnurr-, Backen- und spitzer Kinnbart blond, seine Gesichtsfarbe blühend. Er hatte das volle Bewußtsein seines eigenen Wertes und scheute persönliches Hervortreten nicht; aber anspruchslos im täglichen Verkehr, angeregt und anregend im Gespräch, forderte er von jedem dieselbe Offenheit und Geradheit, die er ihm entgegenbrachte und achtete und förderte jede Tüchtigkeit anderer ebenso, wie er mit Unmännlich- keit scharf ins Gericht ging. Die Eigenschaften seines Geistes und Charakters waren die eines Feldherrn ersten Ranges. Er hatte die Gabe, die schwierigsten, scheinbar unklarsten Kriegslagen, das Nebensächliche unbeachtet lassend, mit schnellem, sicherem Blick zu durchschauen und mit erfinderischem Geiste sowie praktischem, durch Theorien nicht beirrtem Sinn sofort die demgemäß erstrebenswertesten Ziele zu erkennen. Und seinen Eingebungen mit berech- tigtem Selbstvertrauen folgend, frei von der Scheu vor Verantwortlichkeit wie von irgend einer anderen Nebenrücksicht, vielmehr furchtlos und taten- freudig, erfaßte er große Ziele, ohne doch bei aller Kühnheit die notwendige Vorsicht außer acht zu lassen. Die gleiche Verbindung von Kühnheit und Vorsicht zeigte sich in der Wahl der Mittel und Wege zu dem, stets mit Be- harrlichkeit von ihm verfolgten Ziele. Die Befehle, die Bl. nach Genehmigung seiner Vorschläge durch den Kronprinzen fast immer eigenhändig entwarf, sind Muster von Klarheit, Voraussicht und Beherrschung der Anforderungen einer tatkräftigen und sicheren Armeeflihrung. Und auf dem Schlachtfelde, inmitten der Gefahr und schwer wiegender Entscheidungen, bewahrte er eine unerschütterliche Ruhe und Zuversicht als treuer Ratgeber seines gleich helden- mütigen Heerführers, des Kronprinzen.

Büsten des Feldmarschalls befinden sich in der Ruhmeshalle sowie beim Denkmal des Kaiser Friedrich in der Siegesallee zu Berlin.

Tagebücher des Generalfeldinarschalls Graf r. Blumenthal 1866 und 1870/71, Stuttgart und Berlin 1902. Militär-Wochenblatt 1901, No. 1. v. Blume.

Planck, Johann Julius Wilhelm von, Dr. jur., Kgl. Geheimer Rat, ord. öff. Professor des Zivilprozeßrechts und des Strafprozeßrechts an der Universität München, ord. Mitglied der Kgl. Bayer. Akademie der Wissen- schaften, Großkomtur des Verdienstordens der Bayer. Krone, Inhaber des Verdienstordens vom hl. Michael II. Kl. mit Stern, Ritter und Mitglied des Kapitels des Maximiliansordens für Wissenschaft und Kunst, Ritter des Danebrog-Ordens; * am 22. April 1817 zu Göttingen, f am 14. September 1900 zu München.

P. war der Sohn des Göttinger Professors der Theologie Heinrich Ludwig Planck. Dessen Vater Gottlieb Jakob P. war gleichfalls Professor der Theo- logie in Göttingen, Plancks Mutter Johanna Wagemann war die Tochter des Göttinger Superintendenten.

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Durch Privatunterricht vorbereitet trat P. im Jahre 1829 in die Sekunda des Gymnasiums zu Göttingen ein. Zu Ostern r 834 erhielt er das Maturitäts- zeugnis. Im Sommersemester 1834 begann P. seine Studien an der Univer- sität Jena. Dort war eine Schwester seiner Mutter an den Oberappellations- gerichtsrat, Professor des Strafrechts und des Prozeßrechts Christoph Martin verheiratet. In dessen Haus fand P. gastliche Aufnahme. Die nächsten zwei Semester brachte er in seiner heimatlichen Universitätsstadt zu. Dann stu- dierte er noch drei Semester (Herbst 1835 bis Ostern 1837) in Jena.

Im Juni 1837 erhielt P. von der Göttinger Juristenfakultät den Preis für die Lösung der Preisausgabe: » Ut explicarentur origo, natura et usus

probatumis, quam in judiciis civilibus germanicis / egitimationem ad causam vocare so/ent Auf Grund der unter dem Titel De legitimatione ad causam « gedruckten Preisarbett wurde P. am 10. August 1837 von der Göttinger Fakultät zum doctor utriusque juris mit dem Prädikat Egregte promoviert.

Nachdem P. das hannoversche Staatsexamen bestanden, praktizierte er anderthalb Jahre als Auditor bei dem Königlichen Amt in Göttingen. Während dieser Zeit war er auch als Akzessist an der Universitätsbibliothek tätig.

Am 19. August 1839 wurde P. auf Grund einer Abhandlung über die continentia causae (Zusammenhang mehrerer Rechtsstreitigkeiten), einer Probe- vorlesung über die Beweislast und eines Kolloquiums zum Privatdozenten bei der juristischen Fakultät in Göttingen ernannt.

Im Frühjahr 1842 folgte P. einer Berufung nach Basel als ordentlicher Professor des römischen Rechts und des Zivilprozeßrechts. Seine Vorlesungen in Basel vom Sommersemester 1842 bis zum Wintersemester 1844/45 um* faßten Institutionen des römischen Rechts, Pandekten, ZivilprozeÜ und Repe- titorien über Pandekten.

In Basel gründete sich P. seinen eigenen Herd, indem er Mathilde Voigt, die Tochter des Jenenser Botanikers und Honorarprofessors Voigt, als Gattin heimführte.

Von Basel siedelte P. im Frühjahr 1845 nach Greifswald Uber. Kr war am 22. Februar 1845 zum ordentlichen Professor an der dortigen Universität ernannt worden. Während der elf Semester, die P. in Greifswald zubrachte, hat er Zivilprozeß, Strafprozeß und Strafrecht gelesen, auch Praktika über Zivilprozeß gehalten. Am 5. Februar 1848 wurde er im Nebenamt zum Mit- gliede des Appellationsgerichts in Greifswald ernannt. Im Jahre 1849 hat er in seiner Eigenschaft als Appellationsgerichtsrat das erste Schwurgericht eröffnet und geleitet.

In Greifewald erlitt P. schweres Leid durch den nach der Geburt des zweiten Kindes erfolgten Tod seiner jungen Frau. Dort fand er aber auch in Emma Patzig, der Tochter des Universitätsrentmeisters Patzig, eine zweite Mutter für seine verwaisten Kinder und die liebevolle Gefährtin seines weiteren Lebens. Aus der zweiten Ehe sind vier Söhne und eine Tochter entsprossen.

Im Jahre 1850 erhielt P. den Antrag, in das Oberappellationsgericht der Freien und Hansestädte zu Lübeck als Rat einzutreten. Schon war er im Begriffe, dem Rufe Folge zu leisten; da kam ein Ruf an die damals in hoher Blüte stehende Universität Kiel. P. entschied sich flir die Universität, nach- dem ihm die dänische Regierung auch die Stelle eines Ergänzungsrichters am Kieler Appellationsgerichte zugesichert hatte.

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Im Herbste des Jahres 1850 siedelte P. nach Kiel über. Dort vertrat er siebzehn Jahre lang Strafrecht, Strafprozeß und Zivilprozeß. Dreimal be- kleidete er das Rektorat. Vom 1. Januar 1864 bis Juni t866 führte er als Verweser des vakanten Kuratoriums die Kuratorialgeschäfte.

Als sich an der Münchener Hochschule durch den Tod Dollmanns der Lehrstuhl für Kriminalrecht und Kriminal prozeß erledigt hatte, faßte die Fakultät für die Besetzung der Stelle in erster Linie P. ins Auge und fand für diesen Vorschlag die Genehmigung der Regierung. Im Sommersemester 1867 begann P. seine akademische Tätigkeit in München als Professor für Kriminalrecht und Kriminalprozeß. Außere Umstande verzögerten die formelle Ernennung des Berufenen bis zum 12. August 1867. Seit dem Wintersemester 1869/70 dehnte P. seine Vorlesungen auf den Zivilprozeß aus. Als Nominalfach wurde ihm Zivilprozeß erst am 6. Dezember 1876 nach dem Tode Hieronymus von Bayers übertragen.

In München hat P. Berufungen nach Tübingen, Straßburg und Leipzig abgelehnt. Er hatte in München einen sehr großen Wirkungskreis, da sich die Zahl der Juristen von Jahr zu Jahr vermehrte. Mit vielen Kollegen war P. in inniger Freundschaft verbunden. Die Hochschule hat ihn im Jahre 1872 zum Rektor, die Akademie der Wissenschaften im Jahre 1881 zum ordentlichen Mitgliede der historischen Klasse gewählt.

Im Jahre 1887 feierte P. sein fünfzigiähriges Doktorjubiläum; von allen deutschen Juristenfakultäten wurde der Meister des deutschen Prozeßrechts mit ehrenden Glückwünschen begrüßt.

Als P. das Alter von achtundsiebzig Jahren erreicht hatte, fühlte er trotz seltener Rüstigkeit des Körpers und des Geistes das Bedürfnis nach Ruhe und ließ sich daher von der Verpflichtung, Vorlesungen zu halten, entbinden. Im Wintersemester 1894/95 schloß er mit einer Vorlesung über Zivilprozeß seine ftlnfundfünfzigjährige akademische Tätigkeit. An den Geschäften des Verwaltungsausschusses der Universität, dem er lange Zeit angehörte, blieb er noch einige Jahre, an den Geschäften der Fakultät bis zu seinem Tode beteiligt.

Im Sommer 1900 reiste P. mit seiner Gattin nach Tirol, wie er in den letzten Jahren seines Lebens stets zu tun pflegte. Dort stellten sich Schwäche- zustände ein, die sich aber gegen Ende des August wieder hoben, so daß er ohne Beschwernis heimreisen konnte. Eine Woche nach der Rückkehr hat er noch in relativ guter Gesundheit verlebt. Am 14. September 1900 wurde er nach kurzem Krankenlager von einem sanften Tode dahingerafft. Auf dem neuen nördlichen Friedhof ist er am 16. September bestattet worden.

Als akademischer Lehrer hatte P. großen Erfolg. Alle seine Zuhörer rühmen seinen schlichten, wohlgerundeten und kristallklaren Vortrag. Seine Vorlesungen waren bis zu deren Schlüsse stets vortrefflich besucht.

P.s schriftstellerische Tätigkeit begann mit der oben erwähnten Disser- tation de legitimatione ad causam. Ihr folgte im Jahre 1844 die erste größere Schrift: »Die Mehrheit der RechtsstTeitigkeiten im Prozeßrecht*. Beide Ab- handlungen fußen auf dem römischen Recht und auf den Schriften der italienischen Juristen.

Nach anderer Methode ist die im Jahre 1848 erschienene Abhandlung: 3 Die Lehre vom Beweisurteil* gearbeitet. Hier bildet das germanische Recht den Ausgangspunkt. Im ersten Teil untersucht der Verf. die Natur des germanischen Urteils im allgemeinen und des Beweisurteils im besonderen.

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Der zweite Teil behandelt die römischen interlocutiones und ihr Verhältnis zur sententia definitiva. Der dritte Teil schildert den Kampf des römischen Rechts mit dem germanischen Rechte. Im Kammergerichtsprozesse galt das römische Interlokut als ein das Gericht nicht bindender Zwischenbescheid über die Zulassung von Beweismitteln, die die Parteien im vorangehenden artikulierten Verfahren dem Gericht angeboten hatten. Im Territorialprozesse bildete sich vorzüglich bei den sächsischen Gerichten ein das Verfahren in zwei Teile zerlegendes Beweisurteil aus, das jedoch nicht die einzelnen Beweis- sätze enthielt, sondern nur vom Kläger den Beweis des (bestrittenen) Klage- grundes, vom Beklagten den Beweis des Einredegrundes etc. verlangte. Als eine Art von Kompromiß zwischen dem kammergerichtlichen und dem terri- torialen Prozeß entstand das die einzelnen Beweissätze feststellende Beweis- urteil des gemeinen Prozeßrechts. De lege ferenda empfahl P. ein das Ver- fahren in ein Stadium des Behauptens und ein Stadium des Beweisens zer- legendes, bindendes Beweisurteil, wie es in der österreichischen Prozeßordnung von 1781 enthalten ist. Dieser Vorschlag ist in der hannoverschen Prozeß- ordnung vom 8. November 1850 angenommen worden.

In Kiel entstand die »Systematische Darstellung des deutschen Strafver- fahrens auf der Grundlage der neueren Strafprozeßordnungen seit 1848«. Seit diesem Jahre hatte sich im deutschen Strafverfahren eine Umwälzung voll- zogen. Das Inquisitionsprinzip war dem sog. Akkusationsprinzipe gewichen. Die öffentliche und mündliche Verhandlung bildete die Grundlage des Urteils. In den meisten deutschen Staaten wurde für schwerere Verbrechen das Schwurgericht nach französischem Typus eingeführt. Die Neugestaltung er- folgte durch die Partikulargesetzgebung. Aus den dem partikularen Rechte ge- meinsamen Rechtsgedanken baute P. ein neues System des deutschen Straf- prozeßrechts auf. Das Buch ist etwas rationalistisch angehaucht, bietet aber in seinen Erörterungen über die Grundlagen des modernen Strafverfahrens vieles, was auch heute nach Beseitigung der Partikularrechte noch von hohem Werte ist.

In München hat P. seine zwei großen Werke geschrieben: »Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter« (zwei Bände 1879) und das »Lehrbuch des deutschen Zivil Prozeßrechts« (1. Band 1887, 2. Band 1896).

Die Vorarbeiten zu dem geschichtlichen Werke reichen in die Greifs- walder Zeit zurück. Als erste Frucht dieser Arbeiten veröffentlichte P. im Jahre T849 in der Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechts- wissenschaft (X 205 ff.) eine Abhandlung über das Beweisverfahren des Sachsenspiegels. Das Werk selbst enthält eine systematische Darstellung der Gerichtsverfassung, des Zivil- und des Strafprozesses in der Zeit des späteren Mittelalters nach den Quellen des sächsischen Rechts. Die Darstellung ist ein Muster von Fleiß und Scharfsinn. Daß der Verfasser sich auf einen ge- wissen Kreis der deutschen Rechtsquellen beschränkte, darf man ihm nicht zum Vorwurfe machen; denn die sächsischen Rechtsbücher bilden einen in sich geschlossenen Kreis, der eine abgesonderte Behandlung sehr wohl verträgt.

Ohne die geschichtlichen Studien ganz aufzugeben, wie seine in der Akademie gelesenen kleineren Abhandlungen beweisen, wandte sich P. gegen das Ende seines Lebens wieder dogmatischer Arbeit zu. Die im Jahre 1877 erfolgte Kodifikation des deutschen Zivilprozeßrechts forderte die Wissenschaft zu systematischer Bearbeitung des neuen Rechtsstoffs heraus. P.s Lehrbuch

Bloftr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog- 5. Bd. 2

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v. Planck. Holm.

des deutschen Zivilprozeßrechts steht unter den bisher erschienenen Bearbei- tungen, soweit sie vollendet sind, an erster Stelle. Es behandelt die Ein- richtungen des modernen Rechts unter dem Gesichtspunkte des historischen Zusammenhangs mit dem früheren Rechte. Dadurch gewinnt seine dogmatische Darstellung einen Hintergrund, der den meisten Lehrbüchern des modernen Rechts zu ihrem Nachteile mangelt. Mit großer Sorgfalt hat P. die Recht- sprechung des Reichsgerichts in seinem Buche verwertet.

P.s Persönlichkeit wird allen, die mit ihm in Berührung kamen, als die eines vornehmen, edlen und charakterfesten Mannes, der nicht bloß iur seine Wissenschaft, sondern für alles Sinn hatte, was gut und schön war, in Er- innerung bleiben. In der Geschichte der deutschen Wissenschaft des neun- zehnten Jahrhunderts ist ihm ein Platz unter den Besten gesichert.

Verzeichnis der literarischen Arbeiten Plancks:

1. Dl ligitimationc ad causam. Göttingen 1834.

2. Die Mehrheit der Rechtsstreitigkeiten im Prozeßrecht. Göttingen 1844.

3. Die Lehre vom Beweisarteil. Göttingen 1848.

4. Das Recht zur Beweisführung nach dem älteren deutschen, besonders sächsischen Verfahren. Zeitschrift für deutsches Recht und deutsche Rechtswissenschaft Bd. 10 S. 205 fr. (1849).

5. Systematische Darstellung des deutschen Strafverfahrens auf Grundlage der neueren Strafprozeßordnungen seit 1848. Göttingen 1857.

6. Gutachten über einige Vorfragen betreffs einer einheitlichen deutschen Zivilprozeß- ordnung. Verhandlungen des zweiten deutschen juristentags S. 66 ff. (1861).

7. Bemerkungen Uber den Entwurf der Zivilprozeßordnung für Bayern. Kritische Vierteijahrsschrift Bd. 4 S. 232 ff. (1862).

8. Zur Würdigung der Oldenburger Denkschrift. Kiel 1865.

9. Gutachten Uber die Frage der vollen Beweiskraft des Strafurteils für die verwandte Zivilsache. Verhandlungen des siebenten deutschen Juiis tentags S. 3 fF. (1868).

10. Das deutsche Gerichtsverfahren im Mittelalter. Nach dem Sachsenspiegel und den verwandten Rechtsquellcn. 2 Bände. Braunschweig 1879.

1 1. Waflfenvcrbot und Reichsacht im Sachsenspiegel. Sitzungsberichte der philosophisch- philologischen und historischen Klasse der kgl. baycr. Akademie der Wissenschaften 1884 S. 102 ff.

12. Der Bericht Wittukinds Uber das Kampfurteil auf dem Reichstag von Steele. Ebenda 18S6 S. 155 fr.

13. Lehrbuch des deutschen Zivilprozeßrechts. I. Band. Allgemeiner Teil. Nörd- lingcn 1887.

14. Über die historische Methode auf dem Gebiet des deutschen Zivilprozeßrechts. Festrede gehalten in der kgl. bayer. Akademie der Wissenschaften am 27. Dezember 1888.

15. Lehrbuch des deutschen Zivilprozeßrechts. 2. Band. Besonderer TeiL München 1896.

Quellen: Die Angaben über Plancks Vorfahren stammen aus der Biographie seines

Vaters und Großvaters von Dr. Friedrich Lücke. Die Mitteilungen Uber Plancks Studien an der Universität Jena und Göttingen, dann über seine Lehrtätigkeit in Basel, Greifswald und Kiel habe ich von Kollegen der bczeichncten Universitäten erhalten. Benutzt habe ich den von mir in der Zeitschrift für deutschen Zivilprozeß Bd. 28, S. Iff. veröffentlichten Nekrolog, ferner den Nachruf, welchen Herr Reichsrat Prof. v. Bechmann dem Verstorbenen in der Beilage der Allgemeinen Zeitung 1900 No. 230 gewidmet hat. Ein Nekrolog von Ernst Mayer erschien in der Zeitschrift der Savignystiftung für Rechtsgeschichte, 22. Band, germanistische Abteilung, S. XVI Iff.

München, Mai 1903. Lothar Seuffert.

Holm, Adolf, * in Lübeck am 8. August 1830, f in Freiburg i. B. am 9. Juni 1900.

Eine echte deutsche Gelehrtennatur! Aufgewachsen ist er in der alten Reichsstadt, die von ihrem Ruhm, einst die Herrin der Ostsee, das Haupt

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der Hansa gewesen zu sein, in der ersten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts mit Wehmut zehren mußte, da die Gegenwart eng und kleinlich geworden war, die Stadt, von dänischem und mecklenburgischem Gebiet eingeschnürt, keine rechte Verbindung mit dem deutschen großen Hinterlande erhalten konnte und auf etwa ein Drittel der Einwohnerzahl zurückgegangen war, welche sie, neu und kraftvoll aufgeblüht, jetzt zählt. Rückzublicken lag da nahe für jeden nachdenkenden Menschen. Es ist nicht Zufall, daß grade Lübeck die Heimat ist so mancher namhafter Geschichts- und Altertums- forscher: die mächtigen Kirchen, Tore, »giebelpfortigen« Häuser waren groß- artige kunstgeschmückte Zeugen einer großen Vergangenheit, der aus dem Wege zu gehen hier kaum möglich war.

Aus einfach-bürgerlichen Verhältnissen hervorgegangen sein Vater war Zigarrenfabrikant , hatte H., das einzige Kind seiner Eltern und früh zu einsamem Nachdenken hingezogen, das damals durch den idealen freien Zug seiner Erziehung berühmte, vom Fluch des Abiturientenexamens und öder Gleichmacherei noch freie Gymnasium Catharineum seiner Vaterstadt besucht, wo Friedrich Jacob und Johannes Classen in köstlichem Zusammenwirken ihre Schüler zur geistigen Freiheit und individuellen Selbständigkeit erzogen, sie füllten mit jenem echten Geist wahrer Humanität und historischen Denkens, wie die Konzentrierung des Unterrichts auf klassisches Altertum und deutsche Literatur und Geschichte ihn zu geben verstand.

Mit 16 */ Jahren verließ H. die Vaterstadt, um in Leipzig, nalchher in Berlin zu studieren. Noch in seine Leipziger Studienzeit fiel das tole Jahr: er wanderte mit gleichgesinnten Freunden viel herum, erlebte die ihm würdelos erschienene Eröffnung des Parlaments in der Frankfurter Paulskirche, hörte in Leipzig Robert Blums Reden, zog als aufständischer Student in Dresden mit einher, hielt es aber doch für tätlicher, seine Sense bald wieder abzugeben, da sie ihm doch wohl nicht die geeignete Waffe erschien gegenüber den preußischen Gewehren. Gottfried Hermann, Haupt und Jahn in Leipzig, während der dann folgenden ruhigen Berliner Arbeitsjahre Lachmann, Böckh, Trendelenburg und Ranke waren diejenigen Lehrer, denen er sich am meisten zu Dank verpflichtet fühlte. Eine von der Berliner Fakultät gestellte Preis- aufgabe: de ethicis Politicorum AristoUlis principiis bearbeitete er siegreich; sie öffnete ihm die Pforten des Berliner philologischen Seminars und diente ihm als Doktorarbeit bei seiner 1851 erfolgten Promotion.

Kurz darauf folgte das preußische Staatsexamen. Die wohlwollende Absicht des Lübecker Direktors Jacob, ihm eine demnächst dort frei werdende Lehrerstelle zu übertragen, mit der vorwiegend der französische Unterricht verbunden war, veranlagte H., einen achtmonatlichen Aufenthalt in Paris zu nehmen. Der Staatsstreich war eben erfolgt, neues, eigenartiges, ins Große gehendes Leben entwickelte sich dort, freundliche Beziehungen zu französischen Gelehrten knüpften sich leicht an, nach allen Seiten erweiterte sich in der damaligen Metropole Europas H.s Gesichtskreis; die historisch-topographischen Studien, welche später ihm bei Betrachtung klassischer Städte des Südens oft leitende Gesichtspunkte gaben, begannen ihn bei Betrachtung der Werde- geschichte des alten Paris zuerst zu fesseln. Im August 1852 kehrte PL nach dem damals noch äußerlich und innerlich engen Lübeck zurück und trat im Herbst definitiv in das Lehrerkollegium ein.

Es wurde sein Verhängnis, daß er von vornherein zum Lehrer des Franzö- sischen gestempelt wurde, der in den Hansastädten noch von alten Zeiten her

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unpopulärsten und neben dem praktisch wie literarisch dort unendlich viel wichtiger erscheinenden Englisch wesentlich geringer geachteten Fremdsprache. Ihm daneben zugesicherte Stunden in den klassischen Sprachen und Geschichte ließen infolge des eigenartigen Systems der Unterrichtsverteilung am Lübecker Catharineum sich nur wenige für ihn herausbringen. Wo er Bedeutendes hätte leisten können, war er somit in den Hintergrund gedrängt, ertrug das aus Achtung des Hanseaten vor dem Recht der Überlieferung, aber litt schwer darunter. Um nicht die Fühlung mit dem klassischen Altertum zu verlieren, las H. einerseits mit Schülern der Oberklassen privatim griechische Dichter, sehr genußreiche Stunden, eine stets gleiche Freude für die zur Teilnahme zugelassenen Primaner, auch wohl Sekundaner unserer von der Last häus- licher Muß-Arbeiten, Examina, Schulräten u. s. w. so gut wie freien glücklichen Anstalt; andererseits beschloß er, seine Arbeitskraft auf ein größeres geschicht- lich-philologisches Gebiet zu konzentrieren, und wählte dazu sehr bald Sizilien.

Den begreiflichen Wunsch, selbst einmal in den klassischen Süden zu kommen, konnte er auf einer Sommerreise 1857, die ihn wenigstens bis Neapel brachte, einigermaßen befriedigen. Diese erste Reise stand noch dem Siebzig- jährigen in rosigstem Licht im Gedächtnis, da er auf ihr eine junge Elber- felderin kennen lernte, die bald darauf seine treue Lebensgefährtin wurde. Was Frau Holm für ihren Mann gewesen ist, wissen alle die Vielen, denen das Glück zuteil geworden ist, in den sonnigen Frieden dieses Hauses ein- zutreten. Die Reise in den Süden, die mit ihr verbundene Kunstanschauung, vielleicht auch das Bedürfnis, Ersatz zu finden für frühere Beschäftigung mit politischen Dingen, die er wenigstens für die Öffentlichkeit aufgab, als er sah, daß für seine jungdeutschen und gut preußisch-deutschen Ideen im damaligen Lübeck noch wenig Verständnis war, führte ihn zum Entschluß, eine Sammlung nach Abgüssen klassischer Bildwerke mit ins Leben zu rufen, um damit der Vaterstadt ein neues Element bildender Anschauung zuzuführen. Im Verein mit dem jugendfrischen Kollegen August Baumeister (jetzt kaiserl. Ministerial- rat a. D. in München), wohl dem eigentlichen Vater dieser Idee, hielt er fleißig Vorträge für diesen Zweck und es gelang beiden, Interesse zu wecken und zu schaffen, was sie wünschten. Damit wurde Vielen auch für die Schönheit und Bedeutung der heimischen Kunst in Mittelalter und Renaissance die Augen geöffnet, der Verschleuderung öffentlichen und privaten Kunstbesitzes gesteuert, und schließlich in der durch H. 1872 geschaffenen Gründung des Vereins von Kunstfreunden in Lübeck eine noch heute blühende Institution geschaffen, die mit festem Auge das Alte hütet und erhält, schlimmen Restau- rierungswahn hemmt, pietätvolle Renovierung fördert. Die Errichtung des Lübecker Museums gehört in dieselbe Reihe der in letzter Linie aufH.sche Anregungen zurückgehenden Begebnisse.

Doch ich eile der Erzählung voran. H.s Hauptarbeit galt von jetzt an der stillen Vorbereitung des sizilianischen Lebenswerks. Schon 1863 arbeitete er das Pariser Münzkabinett durch, um für die Münzkunde Siziliens, dort besonders wichtige und schöne Geschichtsquelle, den sichern Grund zu schaffen. 1866 veröffentlichte er in bescheidener Form, als Gymnasialprogramm, Beiträge zur Berichtigung der Karte des alten Siziliens, die die topographische Grund- lage gründlich verbesserten. Zu Weihnacht 1869 erschien der erste Band der Geschichte Siziliens. Der Band reicht bis zum Ausbruch des Krieges mit Athen und gab bei weitem das Beste, was man damals über Sizilien sagen

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konnte, eine wahre Schatzkammer voll aufgespeichertem Wissen, flir die älteren Teile, auch flir manches Spätere, durch die Ausgrabungstätigkeit überholt, als Grundlage dessen, was man aus der antiken Literatur oder aus früheren Berichten über Reisen, Ausgrabungen, Denkmäler Uber dies schöne Land weiß, unersetzt; ein Buch, geschrieben wie alle H.schen geschichtlichen Arbeiten, mit dem Bestreben, auch der Entwicklung des kulturellen, literarischen Lebens soweit gerecht zu werden, als unser Quellenmaterial das nur irgend gestattet.

Erst nach Erscheinen jenes Bandes, der ihm natürlich überall die Türen öffnete, ward es H. zuteil, für ein ganzes Winterhalbjahr Urlaub zu erhalten, um Sizilien nun selbst zu bereisen. Die damals gesammelten Kenntnisse und Anschauungen, die manchen angeknüpften Verbindungen wurden in mehrfachen berichtenden Arbeiten, topographischen Sonderstudien (namentlich über das alte Catania, Lüb. Frog. 1873), ganz besonders aber im zweiten Bande der Geschichte Siziliens verwertet, der 1874 erschien und die Darstellung bis zum Beginn der ersten punischen Kriege führte. Allem Persönlichen, der geschichtlichen Erzählung selbst, konnte in diesem Bande mehr individuelle Farbe verliehen werden, da zusammenhängende Quellenberichte einsetzen, deren Würdigung und Abwägung H. zu sehr wertvollen methodischen Unter- suchungen über Natur und Benutzung der antiken Geschichtsquellen führte. Seine ruhige objektive Art, kritisch abwägende Vorsicht und andere Vorzüge machten diesen Band zu einer besonders wertvollen Leistung.

Dieser zweite Band war dem berühmten Geschichtsschreiber Siziliens in der Araberzeit, Michele Amari, gewidmet. Amari, selbst eine echte Gelehrten- natur, wußte, wo tüchtige Arbeit geleistet war, schätzte H.s Wesen und Charakter sehr hoch ein, und beschloß, als er bald darauf Unterrichtsminister war, H. für Italien zu gewinnen und damit aus dem Lübecker Schulelend zu erlösen. 1876 folgte H. dem Ruf als ao. Professor für Geschichte an die Universität Palermo, lehnte 1877 einen Ruf als Ordinarius nach Marburg stillschweigend ab, um Italien nicht gleich wieder untreu zu werden. Als einige Zeit später diese Tatsache dort bekannt wurde, verwandelte die Regierung seine Professur in ein Ordinariat.

Die Palermitaner Jahre hat H. stets als die Sonnenhöhe seines Lebens angesehen; in dem I-ande zu leben und zu lehren, als deren berufener Geschichtsschreiber er sich fühlen durfte, herzlich aufgenommen von den Sizilianern, allgemein geachtet und geliebt, war ihm eine hohe Freude. Die Jahre im Süden, welche anderen in früherer Lebenszeit wohl zuteil werden, holte er jetzt gründlich nach. Manche Reisen auf der Insel erweiterten sein Tätigkeitsgebiet: namentlich sei hier das von ihm und Cavallari Vater und Sohn gearbeitete Monumental werk: Topografia archeologica di Siracusa iSSj (deutsch von Lupus 1887) genannt; die Notwendigkeit, auf diesem entlegenen Posten, auf dem er noch dazu das Gesamtgebiet der Geschichte zu vertreten hatte, sich mit den Fortschritten wissenschaftlicher Arbeit nach Kräften auf dem Laufenden zu halten, führten zu energischer Aufnahme einer ausgedehnten Rezensionstätigkeit in italienischen, deutschen und französischen Zeitschriften: seine Rezensionen sind Muster einer sachverständigen und objektiven Kritik, voll Wohlwollen, und wo es not tat statt der Schärfe voll feinem trockenem Humor. Auch die Reisen, welche das Ehepaar mitunter um Ostern nach Rom, regelmäßig aber jeden Sommer in die ferne Heimat machte, der einzige und wahrlich schöne Luxus, den sich H. gestattete, bewahrten ihn vor Isolierung: die wissenschaftlichen Freunde, in erster Linie die mit H. durch enge Freund-

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schaft verbundenen Numismatiker Imhoof-Biumer in Winterthur und Six in Hilversum, ebenso W. Deecke, der I^andsmann und Jugendfreund im Elsaß, wurden regelmäßig mit längeren Besuchen bedacht, auch manche anderen Fachgenossen begrüßt, wenn es ging die Philologenversammlungen mitgemacht, so daß er auch im Ausland völlig deutscher Gelehrter blieb. Ein längerer Ferienaufenthalt in England brachte ihn, den Geschichtsschreiber der antiken demokratischen Stadtstaaten, auch mit Engländern in für H. recht fruchtbare Beziehung. Und ebenso kam selten ein deutscher Gelehrter nach Palermo oder später nach Neapel, ohne die Schwelle des H.schen Hauses zu über- schreiten, herzliche Gastlichkeit empfangend, eigenes Erlebtes und Gedachtes austauschend. Auch die Offiziere deutscher Kriegsschiffe waren regelmäßige Gäste im H.schen Hause.

Leider wurde 1883 H. durch einen schweren Typhus flir lange nieder- geworfen, der ihn an den Rand des Grabes brachte und schwere Folgen, namentlich Schwäche eines Beines u. a. zurückließ. Den während dieser Krankheit an ihn gelangenden Ruf der Neapeler Fakultät, dort die Vertretung ausschließlich der alten Geschichte zu übernehmen, nahm er unter diesen Umständen gerne an: brachte ihm doch die Beschränkung der Lehrtätigkeit auf sein eigenstes Arbeitsgebiet größere Freiheit in Verwendung seiner Zeit, war für seinen unbehilflicher gewordenen Zustand der Wegfall der Meerfahrt auf seinen Nordreisen ihm erfreulich, ebenso die größere Nähe Roms, die reicheren wissenschaftlichen Hilfsmittel Neapels.

Dreizehn Jahre waren H. noch in Neapel beschieden. Er war leider durch die schwere Krankheit ein alter Mann geworden. Die Bewegung konnte fast nur noch zu Wagen erfolgen. Die Lehrtätigkeit war weniger erfreulich als in Palermo, weil die eigenartigen Verhältnisse der italienischen Universi- täten, das Zuspitzen von Unterricht und Arbeit auf die regelmäßigen Schluß- prüfungen sich dort noch trauriger geltend machten als in Palermo, und die politische Zerwühlung der Neapeler Studentenschaft durch gewissenlose Agita- toren im Lehrkörper selbst, die dadurch hervorgerufenen häufigen Schlies- sungen der Hochschule und andere Erregungen dem an stetige deutsche Arbeit und Pflichterfüllung gewöhnten H. in hohem Grade widerwärtig wurden. Die Größe der Universität und die körperliche Unbehilflichkeit H.s isolierten ihn; nur wer ihn in den eigenen mit Lübecker Bildern und Möbeln ausgestatteten Räumen aufsuchte, fand darin auch den alten, lieben, immer gleichmütig fröhlichen und liebenswürdigen Landsmann. Die Neapeler Jahre wurden, gerade infolge dieser äußeren Verhältnisse, Jahre stiller Arbeit, in denen namentlich die vierbändige griechische Geschichte geschrieben und der dritte Band Sizilien gefördert wurde.

Bis zum Beginn der Kaiserzeit führte H. die Darstellung der griechischen Geschichte hinab. Es war ihm lieb, die Grundsätze der Quellenbenutzung, der kritischen Prüfung des Überlieferten, die Scheidung zwischen wirklich Sicherem und nur vermutungsweise Erschlossenem in zusammenhängender, knapp geführter Erzählung der Geschichte der Griechen überhaupt, einmal zur Durchführung bringen zu können. Es ist ein ungemein lesbares und daher recht nützliches, durch Übersetzungen auch auswärts anerkanntes Werk geworden. Die Persönlichkeit und deren Wirkung tritt ihm in den Vorder- grund des Interesses : er schrieb das Werk, nachdem er in der Gegenwart gesehen hatte, wie, bei aller Anerkennung mitwirkender Verhältnisse, schließlich doch es die Persönlichkeiten sind, welche die Geschichte machen.

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Ungemein wohltuend berührt der große Gerechtigkeitssinn H.s, das Ver- meiden jeder Hyperkritik an Personen und Dingen, man hat beim Lesen durchweg die Empfindung, Anschauungen und Urteilen gegenüber zu stehen, die nicht sowohl dem Bestreben entsprungen sind, was Neues, sondern das Richtige und Sichere zu sagen, die nicht erst beim Schreiben oder letzten Vorbereiten entstanden, sondern schon lange fertig, durchüberlegt, nun endlich hervortreten. Die nötigen Fragen werden gestellt und ruhig, nüchtern, anmutig und bescheiden beantwortet. Einer der berufensten Kritiker sagte von dem Werke: „Wer nun aber glatiben möchte, eine Dar- stellung, wie die Holms, müsse dürr, trocken und langweilig sein, würde sich sehr irren. Sie ist im Gegenteil höchst anziehend und zwar deshalb, weil sie fortgesetzt zum Aufwerfen und zur Lösung von Problemen führt. Das verschafft dem Leser eine Art von Genuß, wie wir ihn sonst nur bei den besten populären Werken über naturwissenschaftliche Gegenstände zu emp- finden gewöhnt sind.“

Im Dezember 1895, bald nach seiner Rückkehr von der gewohnten Sommerreise, traf H. ein leichter Schlaganfall, der ihn zunächst für längere Zeit unfähig machte, sein Amt zu versehen. Die Sommerreise 1896, nament- lich ein Aufenthalt in Hilversum bei Six wirkte zwar sehr wohltätig, aber ein Wiederaufnehmen der Lehrtätigkeit erwies sich doch, nach verschiedenen heroischen Versuchen, als unmöglich. H. mußte sich entschließen, von nun ab nur seiner Gesundheit zu leben, gab die Professur in Neapel auf und siedelte nach Freiburg Uber, wohin das milde Klima und zahlreiche gute Freunde lockten, wo ihm noch ein paar relativ glückliche Jahre tätigen Lebensabends bevorstehen sollten. Er wurde wieder ziemlich beweglich, frisch und arbeitsfähig, wenn auch nicht so weit, daß er den Mut hätte fassen mögen, sein reiches Wissen und Können noch in den Dienst der Freiburger Hochschule zu stellen, wie ihm wohl nahegelegt worden ist. Die Freiburger Jahre dienten wesentlich der Fertigstellung des lange versprochenen und un- gemein sorgsam durchgeführten dritten Bandes der Geschichte Siziliens, bis zum Einbruch der Araber, d. h. bis zum Anschluß an Amaris großes Werk. Es ist ein sehr inhaltsreicher Band, der durch manche historisch nie durch- gearbeitete Zeiten führt und für lange hinaus, zumal auch Freemans' große History of Sici/y ein Torso geblieben ist, die Quelle unseres Wissens sein wird. Eine besonders erfreuliche Zugabe ist die Münzgeschichte Siziliens am Schluß dieses Bandes, ein Muster sorgsamer Arbeit. Am längsten und dauer- haftesten wird die Geschichte Siziliens Hs. Namen in der Altertumswissen- schaft lebendig halten, er ist wirklich der Geschichtsschreiber der Insel ge- worden, durch die italienische Übersetzung des Werkes auch drüben dankbar anerkannt. So hat ihn die erste große Arbeit seiner Jugendjahre bis ins Greisenalter geleitet, und er hatte die Freude, sie noch fertig zu sehen.

Auch in anderer Hinsicht beschreibt Hs. Tätigkeit einen eigenartig har- monischen Kreislauf. Von Lübeck war er ausgegangen. Obwohl man ihn, so lange man ihn dort hatte, nicht immer genügend anerkannte, später wurde das freilich ganz anders , kehrte er fast alljährlich in die geliebte Vater- stadt zurück, froh, den Heimatboden wieder unter den Füßen zu fühlen, froh der Erinnerungen seiner Jugend, froh des immer wieder angeknüpften Verkehrs einer der treuesten Freunde war ihm Emanuel Geibel. Die letzte große Arbeit seiner Feder war eine im Aufträge des Senats von Lübeck von ihm verfaßte Monographie über die Vaterstadt, eine schöne, bildlich reich

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Holm. Deym.

ausgestattete Arbeit, welche in erster Linie bestimmt war, dem Kaiser bei Eröffnung des Elb-Travekanals überreicht zu werden. Mit Liebe ist dies ge- schicbtlich-kunstgeschichtliche Bild entworfen, manche Erinnerung und Beob- achtung aus der Jugendzeit Ist feinsinnig hineinverflochten.

Am Todestag H.s kam dies Buch zur Versendung. Auf den Sarg ließ der Lübeckische Senat einen Kranz niederlegcn, in dem südliche Palmen und Lorbeer und nordische Eiche mit Schleifen in den Farben der Vaterstadt zusammengebunden waren. Die Aulschrift lautete: »Ihrem treuen Sohne die Vaterstadt.« Kranz und Worte waren gut begründet.

Ein ausführlicher Nekrolog H.s, begleitet von einer vollständigen Bibliographie seiner Arbeiten, erschien im Biographischen Jahrbuch zum Jahresbericht (Iber die Fortschritte der klassischen Altertumswissenschaft 1901, 49 112.

Heidelberg. F. v. Duhn.

Deym, Graf Ferdinand, österreichischer Politiker, * am 21. Juni 1837 in Erdoveg (Banat), wo sein Vater in Garnison war, f am 9. Februar 1900 in Wien. Seine Mutter war eine Gräfin Waldstein und starb frühzeitig, sodaß Graf Ferdinand schon als ganz junger Mann die Obhut über seine Geschwister zu übernehmen hatte. Wegen Kränklichkeit besuchte er keine öffentliche Schule, wurde durch einen Erzieher unterrichtet und erwarb sich namentlich durch eigene Arbeit mit der Zeit eine umfassende Bildung. Als der italienische Krieg 1859 ausbrach, trat er in die Armee als Leutnant im Regiment des Grafen Nobili, dessen Adjutant er wurde. Ein Jahr nach dem Krieg trat er wieder aus dem militärischen Dienst aus und widmete sich ganz der Bewirt- schaftung der väterlichen Güter; er übernahm zunächst das Gut Amau in Böhmen, wo er sich zu einem hervorragenden Landwirt heranbildete und auch öffentlich tätig war als Mitglied und später als Obmann der Bezirks-Vertretung. Er erwarb sich dort die allgemeinen Sympathien und war tatsächlich ein Ver- trauensmann der Bevölkerung; später übergab er Amau seinem Bruder Franz (Botschafter in London) und übernahm das in Ungarn gelegene Gut Tomaj. Schon in den siebziger Jahren wurde er in den böhmischen Landtag gewählt, 1885 in das Abgeordnetenhaus, wo er sich der Gruppe der konservativen Großgrundbesitzer anschloß, er war Mitglied des Eisenbahn-Ausschusses und genoß in seiner Partei ein großes Ansehen. Seine Tendenz war immer eine mäßigende; sowohl die übertriebenen staatsrechtlichen und nationalen Be- strebungen der Tschechen als die unbedachten Vorstöße der Klerikalen fanden an ihm stets einen festen Hemmschuh. Ein seinem Andenken unter dem unmittelbaren Eindruck seines Heimganges im »Wiener Fremdenblatt« vom 11. Februar 1900 gewidmeter Nachruf sei hier auf Wunsch der Leitung des Biographischen Jahrbuches wiederholt:

»Der plötzliche Tod des Grafen Ferdinand Deym hat seine Freunde mit tiefem Schmerz erfüllt. Er genoß allgemein Sympathie sowohl in der Ge- sellschaft als in politischen Kreisen. Jahrelang gehörte er dem Abgeord- netenhause an, er trat äußerlich wenig hervor, hatte aber einen bedeutenden Einfluß innerhalb seiner Partei und besaß ein allgemeines Ansehen bei allen anderen Parteien des Hauses. Sein Rat ging immer in der wirklich kon- servativen Richtung. In der Koalitionszeit trat dies ganz bestimmt und deut- lich hervor. Er war einer der Wenigen, welche den politischen Gedanken der Koalition begriffen: eine Verbindung der gemäßigten Elemente der ver- schiedenen großen Parteien, um den durch jahrelange Kämpfe erschütterten

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Deym.

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Staat wieder zu konsolidieren. Er war bestrebt, den konservativen böhmischen Adel von den Zielen böhmischer Landespolitik abzuwenden und einer all- gemein österreichischen konservativen Politik zuzufUhren. Er begriff, daß die alten Parteirufe nach Staatsrecht und Föderalismus ein Kampfprogramm be- deuteten, dessen Durchsetzung Österreich den schwersten Krisen aussetzen müßte. Eine konservative Partei kann die Grundlagen, auf welchen das kon- stitutionelle Leben sich seit mehr als dreißig Jahren aufgebaut hat, nicht ein- fach negieren und nicht voraussetzungslos neue Konstruktionen auf einer tabula rasa versuchen. Ein Staat wie Österreich braucht mehr als alle andern eine stetige Entwicklung und verträgt nicht revolutionäre Sprünge ins Dunkle. Graf Deym hat in jener Zeit mit unermüdlichem Eifer und wirklich politischem Urteil gewirkt, es gelang ihm tatsächlich, einen Teil des böhmischen Groß- grundbesitzes dieser Richtung zuzufUhren und ihn davon zu überzeugen, daß seine politische Mission nicht in der Unterstützung radikaler und extrem nationaler Parteiforderungen, sondern in der Befestigung der einmal geschaffenen Ordnung bestehe. Er war, was leider immer seltener wird, von einem eminent staatlichen Sinn erfüllt, er stellte die staatlichen Interessen jederzeit höher als Parteivorteile und darum strebte er ein Zusammenwirken aller jener Elemente an, welche den guten Namen von staatserhaltenden Parteien für sich in An- spruch nehmen konnten. Sein praktischer und zugleich weiter Blick ließ ihn erkennen, daß zu einem solchen Versuch vor allem guter Wille, Geduld und eine Befreiung von kleinlichen Empfindlichkeiten und Voreingenommenheiten gehören. Angesichts der noch frischen Erinnerung der parlamentarischen Gegensätze und Kämpfe mußten die Parteien zu ihrer neuen Haltung erst er- zogen werden und niemand verstand diese Aufgabe besser und niemand nahm sie ernster als Graf D. Unermüdlich war er im Hinwegräumen von kleinen Hindernissen und bedenklichen Störungen. Die Valutagesetze von 1894 und die Steuerreform hatten manche einflußreiche Gegnerschaft in den Kreisen der Rechten, er war unablässig bemüht, die Widerstrebenden zu beruhigen, zu überzeugen, um keine wirkliche Opposition aufkommen zu lassen. In solcher politischer Kleinarbeit steckt oft mehr staatsmännisebes Verdienst, als in einzelnen glänzenden rhetorischen Leistungen. Daß die Überwindung der unglücklichen Cillier Affaire nicht gelang, war nicht seine Schuld. Hätte es eine größere Anzahl von Politikern seiner Anschauung auf der Rechten und der Linken gegeben, so wäre die damalige Kombination nicht so leichthin aufgegeben worden; auf jener Basis hätte tatsächlich eine Gesundung unserer politischen und parlamentarischen Verhältnisse, eine allgemeine Konsolidierung unseres Staatswesens erfolgen können, und die beklagenswerten Ereignisse seit dem Sturze der Koalition wären sicherlich überhaupt nicht eingetreten.

Seine vermittelnde, ausgleichende Tätigkeit war weit entfernt von geschäf- tiger Wichtigtuerei oder persönlicher Vordringlichkeit, ihm war es nur um die Sache zu tun. Seinem lauteren Wesen war jede Intrigue verhaßt. Er wollte die Gegensätze abschleifen, verfiel dabei aber niemals in frivolen Opportunismus, er suchte ehrlich und fand glücklicherweise auch oft das, was die öster- reichischen Patrioten zusammenführen kann, und darin lag sein politischer Ehrgeiz. Persönliche Eitelkeit war ihm ganz fremd. Selbstlos hat er im öffentlichen Leben für das Vaterland und das gemeine Wohl gearbeitet und ebenso hingebend war seine Tätigkeit im Privatleben, wo er die elterliche Stütze, der Berater und Freund seiner verwaisten Nichten war. Er hatte eine besonders feine Empfindung für politische und private Korrektheit, a gentleman

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Deym. Reusch.

by birth and breeding, geachtet von jedermann, aufrichtig betrauert von seinen Freunden, wird er in unserem Andenken fortleben und in freundlicher und dankbarer Erinnerung bleiben.« Ernst von Plener.

Reusch, Franz Heinrich, Universitätsprofessor der katholischen Theologie zu Bonn, * 4. Dezember 1825 zu Brilon i. W., f 3. März 1900 zu Bonn, besuchte das Progymnasium zu Brilon, das Gymnasium zu Paderborn, studierte 1843 45 auf der Universität zu Bonn, ein weiteres Jahr zu Tübingen, ferner noch zwei Semester zu München, erwarb sich Januar 1849 den Grad eines Lic. theol. mit der Dissertation: »Commentatio librorum veteris testamenti deuterocanonicorum de rebus futuris«, erhielt 1859 von der theolog. Fakultät zu Münster den theolog. Doktorgrad, wurde am 16. April 1849 zum Priester geweiht und war dann bis Dezember 1853 Kaplan an St. Alban in Köln. Nachdem er Repetent, später Inspektor am Konvikt in Bonn geworden war, habilitierte er sich im Wintersemester 1853/54 für alttestamentliche Exegese in Bonn. Seine Antrittsvorlesung behandelte: »Nikolaus von Lyra als Exeget« (siehe Mainzer »Katholik« 1859, Bd. 2, S. 934 954). Im Jahre 1858 wurde er außerordentl., 1861 ordentl. Professor für alttestamentliche Exegese, 1873 74 war er Rektor der Universität, in seiner Rektoratsrede behandelte er die Frage: »Theologische Fakultäten oder Seminare«, Bonn 1873, 30 S. und sprach sich natürlich für den wissenschaft- lichen Betrieb des Theologiestudiums an der Universität aus.

Seine Bedeutung als Gelehrter habe ich eingehender dargestellt in »Franz Heinrich Reusch 1825 1900. Eine Darstellung seiner Lebensarbeit«, Gotha 190t, ich kann mich also hier darauf beschränken, seine wissenschaftliche Arbeit kurz zu charakterisieren.

Für ihn wie für alle kathol. Theologen seiner Richtung, die sich nach 1870 in der altkatholischen Kirche zusammenfanden, bildet das vatikanische Konzil 1870 einen tiefen Einschnitt im Leben wie in der gelehrten Tätigkeit. Bis 1870 war R. vorwiegend aittestamentl. Exeget, der auf seiten der liberalen theologischen Schule stand, nach 1870 wurde er, besonders in gemeinsamer Arbeit mit Doellinger, Historiker der nachreformatorischen katholischen Kirche.

Von den Schriften seiner ersten Arbeitsperiode bis 1870 sind zunächst zu nennen die Kommentare zu den sogen, deuterokanonischen Büchern : »Er- klärung des Buches Baruch«, Freiburg i. B. 1853, IV u. 279 S.; »Das Buch Tobias, übersetzt und erklärt«, Freiburg i. B. 1857, 6 u. L u. 142 u. 2 S. ; »Liber Sapientiae« (graece et latine), Freiburg i. B. 1858, II u. 62 S.; »Ob- servationes criticae in librum Sapientiae«, Freiburg i. B. 1861, 22 S. (Univ.- Progr.), »Libellus Tobit«, Bonn 1870, VI u. 24 S. (Univ.-Progr.). Großes An- sehen genossen besonders sein »Lehrbuch der Einleitung in das A. Testament«, Freiburg i. B., 4. Aufl. 1870, X u. 229 S., und »Bibel und Natur. Vorlesungen über die mosaische Urgeschichte und ihr Verhältnis zu den Ergebnissen der Naturforschung«, Bonn, 4. Auf!., 1876, IV u. 606 S., von dem ein Auszug er- schien u. d. T.: »Die biblische Schöpfungsgeschichte und ihr Verhältnis zu den Naturwissenschaften«, Bonn 1877, D u- 198 S. Über aittestamentl. Themata handelte außerdem noch eine Reihe von Aufsätzen in theolog. Zeitschriften (Einzelangabe bei Goetz: Reusch S. 27). Aus dem Englischen übersetzte er eine Zahl Schriften von Wiseman und Newman ins Deutsche. Hervorragend beteiligt war er bis 1870 an der Herausgabe der »Kölnischen Blätter«, später seit 1869 »Kölnische Volkszeitung« genannt, die eigentlich ihre Existenz,

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Keusch.

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der geistigen Seite nach, ihm verdankte. Seine liberal-katholische Gesinnung betätigte er besonders als Herausgeber des »Theologischen Literaturblattes«, (Bonn), das 1866 77 das Zentrum der älteren vorvatikanischen wissenschaft- lichen katholischen Theologie war.

Ais sich nach 1870 die altkatholiscbe Kirche bildete, war R. an deren innerem Ausbau in hervorragendem Maße in seiner amtlich-kirchlichen Stellung als Generalvikar des Bischofs Reinkens beteiligt. Dieses Amt sowie das des Pfarrverwesers der altkathol. Gemeinde Bonn legte er 1878, als der Zölibats- zwang für die altkathol. Geistlichen aufgehoben wurde, nieder, nahm aber auch darnach immer noch kirchliche Funktionen vor. Eine Reihe von Schriften behandelt altkathol. -kirchliche Themata (siehe die Bibliographie bei Goetz: Reusch S. 126). Von größeren Schriften veröffentlichte er nach 1870 zunächst: »Luis de Leon und die spanische Inquisition«, Bonn 1873, 124 S.; »Der Prozeß Galileis und die Jesuiten«, Bonn 1879, XII u. 484 S.; »Die deutschen Bischöfe und der Aberglaube«, Bonn 1879, noS.

Seine späteren Werke behandeln die Geschichte der katholischen Kirche nach der Reformation, sie verdanken ihre Entstehung vielfach Anregungen von Doellingcr, viele sind gemeinsam mit Doellinger gearbeitet, so daß Doellinger im allgemeinen das Material bot, das R. ergänzte und verarbeitete. R.s Hauptwerk, das für lange hinaus auf diesem Gebiet abschließend sein wird, ist das zweibändige Buch: »Der Index der verbotenen Bücher. Ein Beitrag zur Kirchen- und Literaturgeschichte« Bonn 1883, XII u. 624S., 1885 XII u. 876 S. und IV S. 877 1166. Wie kein anderes seiner Werke bekundet gerade dieses R.s Eigenart der Arbeit, die Sammlung großer Materialmengen und deren peinlich sorgfältige, wissenschaftlich durchaus zuverlässige Aus- arbeitung. Diesem Buche gehen zwei andere zur Seite: »Die Indices librorum prohibitorum des XVI. Jahrhunderts«, Stuttgart 1887, 598 S. (176. Publikation des literarischen Vereins in Stuttgart) und »Index librorum prohibitorum, gedruckt zu Parma 1880«, Bonn 1889, 44 S. Gemeinsam mit Doellinger veröffent- lichte R. in den Jahren 1885 90 folgende Werke: »Die Selbstbiographie des Kardinals Bellarmin«, Bonn 1887, VI u. 352 S.; »Geschichte der Moralstreitig- keiten in der römisch-katholischen Kirche seit dem sechzehnten Jahrhundert mit Beitragen zur Geschichte und Charakteristik des Jesuitenordens«, 2 Bde. Nördlingen 1889, VIII u. 688 S., XII u. 398 S.

Nachdem R., wohl mit Rücksicht auf sein Werk über den Index, am 26. Juni 1886 zum korrespondierenden Mitglied der historischen Klasse der Münchener Akademie der Wissenschaften gewählt worden war, veröffentlichte er 1889 in den »Abhandlungen Kgl. Akademie d. Wiss. III. Kl., XVIII. Bd., III. Abt.«: »Die Fälschungen in dem Traktat des Thomas von Aquin gegen die Griechen« 70 S. Nach Doellingers Tod gab R. »Briefe und Erklärungen an J. v. Doellinger über die vatikanischen Dekrete 1869 1887«, München 1890, Vm u. 164 S., sowie »Kleinere Schriften, gedruckte und ungedruckte, von J. v. Doellinger«, Stuttgart 1890, VTII u. 608 S., heraus.

Im letzten Jahrzehnt seines Lebens veröffentlichte er von größeren Schriften noch »Beiträge zur Geschichte des Jesuitenordens«, München 1894, II. 266 S. ; ferner »Briefe an Bunsen von römischen Kardinälen und Prälaten, deutschen Bischöfen und anderen Katholiken aus den Jahren 1818 1837 mit Erläuterungen«, Leipzig 1897, XLIV u. 252 S.

Eine sehr große Anzahl von Aufsäuen schrieb R. 1870—1895 für die altkatholische Wochenschrift »Deutscher Merkur«, viele Rezensionen von tS86

Rttiich. Jacobovrski.

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bis 1896 für die »Theologische Literaturzeitung « von Harnact und Schürer, etwa 350 Artikel für die »Allgemeine Deutsche Biographie«. Im Winter 1895/96 erlitt der bis dahin kerngesunde R. einen Schlaganfall, der seine Arbeitsfähigkeit immer mehr einschränkte. Bis 1897 hielt er noch in seiner Wohnung seine Vorlesungen für die altkatbol. Theologie-Studierenden, bis April 1897 reichen auch noch seine wissenschaftlichen Notizen. Seine Bibliothek ist auf der Universitäts-Bibliothek zu Tübingen, ein Teil seiner Manuskripte auf der zu Bonn, angefangene und halbfertige Arbeiten, so bes. eine Biographie J. M. Sailers, ist im Besitz seiner in Bonn lebenden Schwester. R. war kein schöpferischer Geist, aber ein emsiger, fleißiger Sammler, dessen Arbeiten ausgezeichnet sind durch Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, große Objektivität und Akribie. Auf seinem Arbeitsgebiet hat er, dank seiner erstaunlichen Arbeitskraft, Großes und Bleibendes geleistet. Was von ihm als Schriftsteller gilt, gilt auch von ihm als Dozent. Er war ein echter deutscher Katholik, ein echter deutscher Gelehrter.

Vgl. Goetz, Leop, Karl: Kranz Heinrich Rcasch 1825 1900. Eine Darstellung »einer Lebensarbeit. Mit Portrat. Gotha 1901, VII und 127 S.

Bonn. Leopold Karl Goetz.

Jacobowski, Ludwig, Dichter, am 2 t. Januar tS68 zu Strelno in der Prov. Posen, f am 2. Dezember 1900 in Berlin. Sein äußeres Leben, das leider so bald enden mußte, ist rasch erzählt, über sein reiches inneres Leben dagegen hat er nur in seinen zahlreichen Dichtungen verklärende Rechenschaft gegeben, während die Pietät seiner Nächststehenden den Schleier von den bewegenden Erlebnissen noch nicht gehoben hat. So befinden wir uns ihm gegenüber in keiner besseren Lage, als jeder Philologe, der aus wenigen Nachrichten und den Spuren in seinen Werken das Leben eines alten Dichters konstruieren soll ; ja wir sind übler daran, denn uns steht Persönlichkeit und Wirken des Dichters noch zu nahe und wir vermögen nicht einmal alles zu überblicken, was der rastlos Schaffende veröffentlicht hat. Aus den getrennten Stiften ein Mosaik- bild wieder zusammenzusetzen ist leichter, als aus den Fragmenten das Leben des Verstorbenen, den man eine Strecke Wegs begleitet, lieb gewonnen, in seiner Entwicklung verfolgt hat, der aber geschieden ist, ehe das lösende Wort gesprochen war. Ob sich uns auch nur ein kleiner Teil der bewegenden Kräfte enthüllt, das bleibt die Frage. An der Grenze von Rußland in slavischer Umgebung stand das ärmliche Vaterhaus Jacobowskis; sein Vater, ein kleiner jüdischer Kaufmann, hatte Mühe, für sich, eine fortwährend kränkelnde Frau und die zahlreiche Familie das kaum ausreichende Brot zu erwerben, aber er muß ein starkes inneres Streben, zähe Energie besessen halten, denn es trieb ihn vorwärts und aufwärts. Das hat Ludwig von ihm ererbt, wie er vielleicht von der bleichen, zarten Mutter jene Weichheit mitbekam, die einen Untergrund seines Wesens bildete. Die Natur hatte ihn nur geistig gut be- dacht, ihm aber körperlich manches mit auf den Weg gegeben, wras ihn be- drückte, er selbst entwirft in schneidender Ironie ein Zerrbild von sich (Leuchtende Tage, S. 226), das nicht zutrifft; aber er stotterte, was ihn von Kindheit an quälte, er schielte, was ihn kurz vor seinem Tode zu einer Ope- ration veranlaßte, und er war bei starker innerer Willenskraft dadurch vielfach an ihrer äußeren Betätigung gehindert. Mit sechs Jahren kam er nach Berlin, wo sein Vater eine bessere Existenz gründete und seinen Söhnen eine reichere Erziehung geben konnte. Ludwig besuchte die Luthersche Knabenschule,

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Jacobowski.

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dann die Louisenstädtische Oberrealschule, wo er aber wegen seiner nicht zu zügelnden Lesewut im Fleiß nachließ, deshalb kam er wieder an die Knaben- schule zurück und erst mit vierzehn Jahren abermals an die Oberrealschule, die nun einen fleißigen, sich immer mehr in die erste Reihe hinaufarbeiten- den Schüler an ihm hatte. Zwei schwere Verluste machten Epoche in seinem Leben: der im Jahre 1881 eingetretene Tod seiner Mutter und eines über Alles geliebten Jugendfreundes, der im Unterschiede zu ihm nicht für die Literatur, sondern fiir Mathematik und exakte Wissenschaften hauptsächliches Interesse hatte; das war ein gutes Gegengewicht und bedeutsam für Ludwigs weiteres Leben gewesen. Am 30. September 1887 bestand er, dem man die mündliche Prüfung erlassen hatte, das Abiturientenexamen und konnte die Uni- versität Berlin beziehen, um hauptsächlich literarische und philosophische Studien zu treiben. Der junge Jude hatte sich an Schillers Humanitätsideal begeistert, zum W’eltbürger, zum charaktervollen Deutschen gebildet und mußte nun den lärmenden Antisemitismus miterleben, was ihn wieder im Innersten verletzte; auch in dichterischer Hinsicht kam er in die Zeit aufregender Kämpfe um eine neue Kunst, um den Naturalismus und gegen das Epigonen- tum. Der Schüler Schillers ward natürlich erregt und zu einer Prüfung seiner Ansichten veranlaßt, aber er geriet nicht ins Parteigetriebe, suchte vielmehr schon sehr früh durch eine Zeitschrift »Die Zeitgenossen« mit Richard Zooz- mann eine Vermittelung zwischen dem Alten und dem Neuen, der auch sein erstes Gedichtbändchen erwuchs »Aus bewegten Stunden«, 1888 mit dem Verlagsjahr 1889 erschienen. Er hatte sich noch nicht zu einem persönlichen Tone durchgerungen, sich selbst noch nicht einmal gefunden, aber man fühlte die sich entfaltende Kraft, die sich jetzt vorerst fruchtlos an den Rätseln des Lebens abmühte, weil es ihr an Erfahrung gebrach. Jacobowski dehnte seine Studien auf Kulturgeschichte, Psychologie und Nationalökonomie aus, weil er glauben mochte, durch Bücher im Verständnis des Lebens weiter zu kommen, er war eben noch ganz Schüler, nur ein hochbegabter und ernst ringender. Oktober 1889 bezog er die Universität Freiburg i. B. und versenkte sich gleich- mäßig in wissenschaftliche wie dichterische Arbeiten. Jene verdichteten sich im Mai 1890 zu dem wichtigen Schriftchen »Die Anfänge der Poesie. Grund- legung zu einer realistischen Entwicklungsgeschichte der Poesie« (1891 er- schienen), diese zu der ersten Gestalt seines ausgezeichneten Romans »W'erther, der Jude«, die er aber nach einer strengen Musterung in der Sylvesternacht 1889 verbrannte und in den nächsten Wochen durch eine neue zu ersetzen begann; dann zu einem zweiten Gedichtband »Funken«, der 1891 ohne Jahres- zahl veröffentlicht wurde und die Wirklichkeit wie das eigene Ich für den Dichter entdeckte. Schlag auf Schlag traf ihn das Leben mit aller Härte: rasch hintereinander starben ihm der Vater, zwei Brüder und seine Braut Martha, aber das konnte den Willensstärken nicht brechen, nur beugen. Er promovierte zu Freiburg am 26. Juni 1891 mit einer feinsinnigen Abhandlung »Klinger und Shakespeare; ein Beitrag zur Shakespearomanie der Sturm- und Drangperiode«, nachdem er schon vorher Klingers »Leidendes W'eib« und die Parodie »Die frohe Frau« in einem willkommenen Neudruck vorgelegt hatte. Dann kehrte er endgültig nach Berlin zurück, wo er eine sich immer reicher gestaltende Tätigkeit als Dichter, Kritiker und Soziologe entwickelte und sich rasch eine angesehene Stellung begründete. Sein lauterer Charakter, seine stets hilfsbereite Selbstlosigkeit, seine Begeisterungsfähigkeit, sein ehrlicher Wagemut erwarben ihm treue Freunde, seine Dichtungen warme Verehrer, seine

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Jacobowski.

ganze Persönlichkeit, wie es scheint, auch neues Lebensglück. Nur der Freund- schaftsbund mit Karl Busse, der nicht ohne sichtlichen Einfluß auf J.s Poesie geblieben war, ging bald aus inneren Gründen in Brüche. Die Werke Jaco- bowskis folgten einander rasch, alle den Phasen seines Werdens zum notwendigen Ausdruck dienend: »Weither, der Jude« 1892, »Der christliche Staat und seine Zukunft« 1S94, »Diyab, der Narr, Komödie« und »Aus Tag und Traum. Neue Gedichte« 1895, »Anne-Marie. Ein Berliner Idyll« 1896, »Der kluge Scheikh. Ein Sittenbild aus Nordafrika« 1897, »Satan lachte und andere Ge- schichten« 1898, »Loki. Roman eines Gottes« 1898, »Aus deutscher Seele. Ein Buch Volkslieder« 1899, »Leuchtende Tage. Neue Gedichte«, »Vorfrühling. Novelle«, »Arbeit. Drama«, »Glück. Ein Akt in Versen«, »Neue Lieder fürs Volk«, »Blaue Blume. Romantische Anthologie« sämtlich 1900. Seit 1898 leitete J. überdies »Die Gesellschaft« und verstand es, sie auf einem ansehnlichen Niveau zu halten, war er Vorstand der »Neuen deutschen Volks- bühne« und mühte sich ununterbrochen, die breiten Schichten des Volkes für die Kunst zu gewinnen. Außerdem arbeitete J. als Sekretär eines bekannten freisinnigen Abgeordneten, um nicht literarische Lohnarbeiten schreiben zu müssen, und bereitete vielfach Neues vor, was von seinem Bruder Albert in Gemeinschaft mit Rudolph Steiner aus dem Nachlaß herausgegeben wurde: »Schlichte Geschichten. Novelletten« (ohne Jahr), »Ausklang. Neue Gedichte aus dem Nachlaß« (1901), »Stumme Welt. Symbole« (1901), es soll noch das Drama »Heimkehr« veröffentlicht werden; anderes ist leider so fragmentarisch erhalten, daß es dem Publikum nicht vorgelegt werden kann.

In einem Gedichte »Wunsch« brauchte J. die Formel für das, was er er- strebte: »Erst ein Deutscher und dann ein Jude, erst ein Charakter und dann ein Poet«. Diesem Prinzipe folgend, suchte er sich als Persönlichkeit auszubilden und arbeitete mit unerbittlicher Strenge an sich selbst. Er fühlt die Herren- instinkte seines Wesens deutlich und macht sie wohl auch geltend; aber er hat in seinem Innern eine zweite Seele voll Milde, Verständnis und Zartheit für alle Schwachen und Unterdrückten. Diesem Mitgefühl entstammen seine bedeutsamen Anregungen für die Volksbildung, für eine Verbesserung der Volks- lektüre durch seine Zehnpfennighefte guter Literatur, für eine Hebung des Volksgeschmacks durch seinen Verein »Neue deutsche Volksbühne«. Wird er so auf das Kleine, Intime geführt, so zieht es ihn andrerseits zum Großen, Mächtigen, Bedeutenden. Wir sehen in seinen Gedichten zuerst diese beiden Richtungen getrennt nebeneinander, dann nähern sie sich, durchkreuzen sich und haben endlich in den »Leuchtenden Tagen« insofern eine höhere Einheit gefunden, als Jacobowski das Kleine, Intime zum Bedeutenden erhebt und bei ganz persönlichem Ausdruck auch ganz objektiv ist. Man erkennt an dem Nachlafiband »Stumme Welt«, daß J. noch weiter in der Symbolik gegangen w’äre, W'enn der Tod es erlaubt hätte. Eine tiefe Verwandtschaft mit der Romantik ist bei J. nicht zu verkennen, nur hat er alle Momente des 19. Jahr- hunderts in sich aufgenommen. Der Dualismus seiner Natur zeigt sich auch in seinen Romanen; der Held seines ersten Romans ist geradezu die Ver- körperung dieses Dualismus und geht daran zu gründe, Loki und Balder im zweiten Roman nicht minder, aber alles ist nun ins Große, Monumentale er- hoben. Die Novellen, unter denen sich ganz vortreffliche kleine Kunstwerke befinden, machen dieselbe Entwicklung wie die Lyrik durch, nur vielfach früher und sinntälliger, wie denn auch »Stumme Welt« lyrische Prosaskizzen enthält, Keime zu späteren lyrischen Gedichten und einem großen Roman

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Jacobowski. Altum.

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»Erde«, der eigentlich ein Epos in Prosa werden sollte. Der Idealismus Schillers, der auf ihn anfangs eine so nachhaltige Wirkung übte, der Realis- mus, den eine junge Generation anfangs in der Form des Naturalismus wieder zu Ehren bringen wollte, suchen bei J. einen Ausgleich. Er war ein Idealist, sah aber den Realismus für unbedingt notwendig an; er kam von Schiller und näherte sich immer mehr Goethe; er war eine Frohnatur, die aber vom Pessi- mismus theoretisch und praktisch aufs tiefste beschäftigt wurde; er war ein ernst Ringender, der nichts auf die leichte Achsel nehmen konnte, ein Hoffen- der, der nur nicht auf langes Leben hoffte, ein Dichter, den es immer wieder zur Wissenschaft hinzog, ein Wissender, der gern mit offenen Augen träumte, ein Mann strengster Pflichterfüllung und unermüdlicher Arbeit, der sich aber schon nach Ruhe sehnte. So setzte er sich eigentlich aus widerstreitenden Elementen zusammen, die in ihm eine merkwürdige Einheit bildeten und seiner Persönlichkeit einen ausgeprägten Charakter verliehen. Auch seine wissenschaftlichen Arbeiten zeichnen sich durch die Vereinigung großer Treue im Detail und umfassender Bewältigung nach bedeutsamen Gesichtspunkten aus; vor allem wollte er eine Entwicklungsgeschichte der Poesie schreiben und studierte mit unermüdlichem Eifer die primitiven Völker in ihren geistigen Regungen, um die Urformen der Poesie zu erkennen und dann weiter zu ver- folgen; einzelne Aufsätze gaben Proben seiner Resultate, besonders wichtig »Primitive Erzählungskunst« (1895). Aber das für unsere »Beiträge zur Ästhetik« geplante Werk läßt sich aus den zahllosen Vorarbeiten auch nicht in den all- gemeinen Umrissen rekonstruieren. Eine mächtige Energie, ein edler Mensch, hilfreich und gut, ein hochbegabter Dichter, ein Menschenfreund, das wurde auf dem jüdischen Friedhof zu Weißensee bei Berlin mit Ludwig Jacobowski beerdigt.

Literatur: R. M. Werner. Vollendete und Ringende. Minden i.W. 1900. S. 213— 242. Otto Reuter. Ludwig Jacobowski. Werk, Entwicklung und Verhältnis zur Modernen. Berlin 1900. H. Friedrich. Ludwig Jacobowski. Berlin 1900 R Steiner a. a. O. Ludwig Jacobowski im Lichte des Lebens. Herausgeg. von Marie .Storni. Breslau 1901 {darin H. Friedrich: J.s Leben; R. M. Werner: J.s Lyrik; R. Steiner: Loki; G. Brandes: L. J.; A. K. T. Tielo: L. J.s Volkstümliche Bestrebungen; M. Stona: Erinnerungen). Zahl- reiche Aufsätze in Zeitschriften. R. M. Werner.

Altum, Bernhard, Dr. phil., Professor der Zoologie an der königl. Forst- akademie in Eberswalde und Geh. Regierungsrat, * am 31. Januar 1824 zu Münster in Westfalen, f am 1. Februar 1900 in Eberswalde. Bernhard A. war der Sohn eines Schuhmachermeisters, der sich in seinen Mußestunden mit Aus- stopfen von Tieren und Präparieren von Insekten und Schmetterlingen befaßte. Seine Vorbildung erhielt er seit Herbst 1834 auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt, wo er schon seinen Mitschülern als tüchtiger Kenner der Natur- geschichte galt, dessen »rasche geistige Auffassung der Naturgegenstände durch ein vortreffliches Talent im Zeichnen und Malen der Tierformen unterstützt wurde« ; aus dieser Zeit stammen auch die Anfänge seiner großartigen Schmetterlings-, Käfer- und Eiersammlungen. Er studierte dann zuerst an der Münsterschen Akademie Theologie und wurde am 2. Juni 1849 z.um Priester geweiht. Nachdem er dann 1851 bis 1853 in Münster, 1853 bis 1856 an der Universität zu Berlin sich philosophisch-naturwissenschaftlichen Studien gewidmet hatte, wurde er 1856 als Lehrer an der Realschule erster Ordnung in Münster angestellt und erhielt 1859 dazu die Stelle eines Privatdozenten für Zoologie an der dortigen Akademie. A. bemühte sich in dieser Zeit

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Altum. Kvlcrt.

besonders darum, den zoologischen Unterricht an den höheren Schulen, sowie den Volksschulen zu heben und veröffentlichte zu diesem Zwecke eine vor- treffliche kleine Schrift: »Winke ftlr Lehrer zur Hebung des zoologischen Unterrichts« (1863). Auch um die Erforschung der Fauna seines engeren Heimatlandes erwarb sich A. besondere Verdienste durch das Werk »Die Säugetiere des Münsterlandes« (1867). Im Jahre 1869 erhielt er einen Ruf als Professor nach Eberswalde und von dieser Zeit an berücksichtigte er in seinen Studien besonders die Gesichtspunkte, die sich auf die Forstwissen- schaft beziehen. Mit Hermann Landois zusammen gab er 1870 zunächst ein »Lehrbuch der Zoologie« (5. Aufl. 1883) heraus. Sein umfangreichstes Werk ist seine vierbändige »Forstzoologie« (1. Aufl. 1872—1875, 2. Aufl. 1876 82), die ihm einen dauernden Platz in der Geschichte dieses Spezialgebietes sichert. Weitere in Buchform erschienene Veröffentlichungen A.s sind: »Die Geweihbildung bei Rothirsch, Rehbock, Damhirsch« (Berlin 1874); »Unsere Mäuse in ihrer forstlichen Bedeutung« (1880); »Waldbeschädigung durch Tiere und Gegenmittel« (1889). Ein besonderes Interesse zeigte A. für Forschungen zur Kenntnis der Vögel. Für weitere Kreise bestimmte er sein Buch »Der Vogel und sein Leben« (6. Auf!., Münster 1898). Dazu kommt ein Werk über »Unsere Spechte« (Berlin 1878). Bedeutung hat für die allgemein wichtigen Fragen von den Artzeichen und ihrer Schätzung A.’s Schrift »Die Artenkenn- zeichen des inländischen entenartigen Geflügels« (Berlin 1883). Für die Zeit- schrift »Natur und Offenbarung«, in Naumanns »Archiv für Ornithologie« u. a. Fachblätter schrieb er auch zahlreiche und wertvolle Aufsätze. Der »Staats- Anzeiger« widmete A. bei seinem Tode folgenden Nachruf: »Auf dem Gebiete der Zoologie, insbesondere demjenigen der Entomologie und Ornithologie hat derselbe Hervorragendes geleistet und bis an sein Lebensende seinen größeren wissenschaftlichen W'erken noch fortgesetzt kleinere Arbeiten hinzugefügt. Eine rühmliche Stellung unter den Männern der Wissenschaft ist ihm für alle Zeiten gesichert. Als Lehrer seit 1S69 an der Forstakademie in Ebers- walde — hat er durch die Gradheit seines Charakters und seinen fesselnden Vortrag sich die Achtung, Dankbarkeit und Liebe der Studierenden in seltenem Maße erworben und durch seine Begeisterung für die Natur und sein tiefes Verständnis für das Tierleben im Walde in einer Weise anregend gewirkt, wie es wenigen Lehrern beschieden ist.«

Leopoldina, Heft XXXVI, Nr. 3, Halle 1900; Leipziger »111. Zeitung« Nr. 2955 (15. Febr. 1900) mit Portr.j Wasmann, Dr. Bernhard Altum, Mttnster 1900.

W. Wolk enhauer.

Eylert, Hermann, Assistent an der deutschen Seewarte in Hamburg, * am 26. Mai 1846 zu Papenburg, f am 27. Oktober 1900 zu Hamburg. Nach einer Vorbildung auf der Navigationsschule zu Papenburg und Timmel und späterer Absolvierung des Gymnasiums zu Meppen studierte er 1869 bis 1872 zu Münster, Bonn und Berlin Mathematik und Astronomie, machte sodann einige größere Reisen auf einem Segelschiffe nach Südamerika und Südafrika und trat mit der Errichtung der Seew'arte am 1. Januar 1875 a*s Assistent bei diesem Institute ein. Hier war er von Anfang an in der Ab- teilung II mit der Prüfung von nautischen, meteorologischen und magnetischen Instrumenten und Apparaten beschäftigt. Als Ergebnis dieser Untersuchungen veröffentlichte er im IV. Jahrgange »Aus dem Archiv der deutschen Seewarte« (1 881) eine Studie über den Sextanten und über die Resultate von 700

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Eylcrt. Kröner. Ahle».

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geprüften Reflexions-Instrumenten. Für den XXIII. Jahrgang 1900 derselben Zeitschrift lieferte er einen Beitrag, »Untersuchungen der Abt. II der deutschen Seewarte Uber die Genauigkeit der Messungen mit Quecksilber-Barometern«. Acht Jahre lang (1881 1890) leitete er einen bei der deutschen Seewarte für Kapitäne und Navigationslehrer- Aspiranten eingerichteten Lehrkursus in Mathematik, astronomischer und nautischer Instrumentenkunde, Deviationslehre u. s. w. und erwarb sich hiermit große Verdienste um die Seefahrt. Obwohl in den letzten Jahren immer etwas kränklich, versah er seinen Dienst noch bis kurz vor seinem Knde; nach nur achttägigem Leiden verschied er, erst 5 z Jahre alt.

Vg'- 2 3- J*htesbericht der deutschen Seewarte für 1900.

W. Wolkenhauer.

Kröner, Paul, Verleger, * Stuttgart 13. November 1839, f ebenda 25. Februar 1900. Unter den Männern, die in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die deutsche Industrie zu einer früher nicht gekannten Blüte brachten, ist der Württembcrger Paul Kröner zu nennen, der auf dem Gebiete des Buchdrucks sich durch seine Begabung und seinen F’leiß von kleinen Anfängen zu der Stellung eines führenden Großindustriellen empor- gearbeitet hat.

Er entstammte einer angesehenen bürgerlichen Familie in Stuttgart. Den Beruf, in dem er sich später auszeichnen sollte, die Buchdruckerei, erlernte er in den Jahren 1860 61 in der Offizin von L. Bosheuyer in Cannstatt bei Stuttgart, worauf er zu seiner weiteren Ausbildung in den Jahren 1862 63 in verschiedenen Buchdruckereien Berlins und Leipzigs arbeitete. 1864 nach Stuttgart zurückgekehrt, trat er in das Buchdruckereigeschäft seines älteren Bruders Adolf ein, welcher schon 1859 die Hof- und Kanzleidruckerci von Gebr. Mäntler erworben und gleichzeitig sein Verlagsgeschäft gegründet hatte. 1867 wurde Paul K. Teilhaber zunächst der Buchdruckerei, 1877 auch der Verlagsbuchhandlung seines Bruders. Als solcher hat er sich durch außer- ordentliche Tatkraft und hervorragende praktische Veranlagung große Ver- dienste um die Vervollkommnung und Ausdehnung besonders der typo- graphischen Abteilung, welche seine eigenste Domäne war, der Xylographie, Galvanoplastik etc., sowie auch um die Ausdehnung und Vergrößerung des Verlages erworben. Die Angliederung des Cottaschen Verlages nebst Buchdruckerei, des Ernst Keilschen Verlages, die Gründung und Leitung der Union, Deutsche Verlagsgesellschaft, sind mit sein Werk.

Die letzten Lebensjahre Paul K.s waren getrübt durch ein schweres Leiden, welches ihn schließlich nötigte, sich ganz vom Geschäft zurückzuziehen. Zeitlebens hat er dem Großen und Kleinen seines Berufs seine volle Kraft gewidmet, mit Bedacht nach allen Fortschritten ausspähend, das Beste frisch ergreifend und mit zäher Energie festhaltend und ausbauend. Einer jener Geschäftsmänner, die still und stetig ihren ganz aufs Praktische gerichteten Weg gehen, sich weder nach rechts noch nach links auf dilettantische Pfade ablenken lassen und in ihrem sicheren Vorwärtsschreiten Großes erreichen.

O. R.

Ahles, Wilhelm (von), Dr., Botaniker, * 2. September 1829 zu Neckar- burken (in Baden), f 27. August 1900 zu Stuttgart. Kr studierte in Heidelberg, Zürich und Jena Naturwissenschaften, ließ sich als Privatdozent

Biogr. .lahrbuch u. Deutlicher Nekrolog. 5. Bd. 3

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Ahle». Barack.

in Heidelberg nieder und folgte 1 S66 einem Rufe an das Stuttgarter Poly- technikum später: Technische Hochschule als Professor für Botanik und Pharmakognosie. Diesem l.ehrauftrage gesellte sich in der Folge ein solcher an der tierärztlichen Hochschule zu. 'Auch war A. lange Zeit Vorstand der pharmazeutischen Prüfungskommission. Neben seiner umfassenden amtlichen Wirksamkeit entfaltete er auch eine ziemlich reiche literarische Tätigkeit als Erneuerer bewährter Lehrbücher so 7. Auflage von Seuberts Lehrbuch der gesamten l*flanzenkunde, 5. Autlage von Seuberts Grundriß der Botanik1), Herausgeber botanischer Wandtafeln und Mitarbeiter von Fachzeitschriften. Besondere Verdienste hat sich A. als Mitbegründer und langjähriger Vorstand des Württembergischen Gartenbauvereins, der sich am 15. April 1878 kon- stituierte, erworben. Kr veranstaltete in der württembergischen Ijndes- hauptstadt eine Reihe trefflich gelungener gärtnerischer Ausstellungen und erhielt durch anziehende Vorträge das Interesse an seinem Verein rege. Nachdem er am t. April 180t sein fiin fundzwanzigjähriges Dienstjubiläum gefeiert hatte, 1805/06 Rektor der Technischen Hochschule gewesen und durch das mit dem Personaladel verbundene F.hrenkreuz des württembergischen Kronordcns ausgezeichnet worden war, trat er 1 S90 als Siebenzigjähriger von seinen Ämtern und Würden zurück.

Nach »Schwäbische Kronik- vom 28. August 1900, Nr. 39S und vom 31. August, Nr- 404. R. Krauß.

Barack, Karl August, Dr., Bibliothekar und Germanist, * 23. Oktober 1827 zu Oberndorf am Neckar in Württemberg, t 12. Juli 1900 zu Straß- burg i. K. F.r verdankte seine Schulbildung der Lateinsc hule seiner Vater- stadt und dem Gymnasium zu Rottweil, studierte von 1848 bis 1852 in 'I übingen katholische Theologie und Philologie und versah dann eine Haus- lehrerstclle in Nassau. Nachdem er 1854 in Tübingen den philosophischen Doktorgrad erworben hatte, widmete er sich ganz der historischen und germanistischen Wissenschaft, arbeitete ini Winter 1854/5 an verschiedenen größeren Bibliotheken und übernahm am t. Mai 1855 den Posten eines ersten Konservators und Sekretärs am Germanischen Museum in Nürnberg. Hier machte er sich namentlich um die im Kntstehen begriffene Bibliothek der Anstalt verdient. Mit dem Beginn des Jahres 1860 siedelte er nach Donauest hingen über, um als Nachfolger seines Vetters Scheffel die Hofbibliothek des Fürsten zu Fürstenberg zu verwalten. Durch Neuaufstellung, Neuordnung und Ausgabe eines gedruckten Katalogs stellte er die Bedeutung der namentlich an wertvollen Handschriften reichen Donaueschinger Samm- lungen ins rechte Li« ht.

Das denkwürdige Jahr 1870 entschied auch über die Geschicke des hürstenbergischen Hofbibliothekars. Die Einäscherung dei Straßburger Stadt- und Seminarbibliothek infolge der Beschießung am 24 /25. August ließ in ihm den Plan reifen, die Neugründung einer Bü< hersanimlung in der nunmehr wieder deutsch gewordenen Stadt anzuregen. Am 30. Oktober erließ er, unterstützt von 48 angesehenen Persönlichkeiten, meist Bibliothekaren und Buchhändlern, einen Aufruf, der zu dem genannten idealen Zweck die Mit- hilfe aller Deutschen in Anspruch nahm. Die patriotisch gehobene Stimmung jener Tage liereit« 'e diesem Schritt einen glanzenden Erfolg: ganz Deutsch- land, ja die ganze gebildete Welt wetteiferte, Bücher oder Geld beizusteuem. Barack, am 16. Juli 1871 ganz in reichslandische Dienste tretend, ordnete

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Barack.

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die einlaufenden Bilchermassen und besorgte die organisatorischen Arbeiten für die im Entstehen begriffene Anstalt, namentlich durch seine späteren Kollegen, den Orientalisten Julius Euting und Ludwig Müller, treulich unter- stützt. Am 19. Juni 1872 zugleich das Datum, das die Stiftungsurkunde der kaiserlichen Universität»- und Landesbibliothek in Straüburg trägt wurde B. zum definitiven Oberbibliothekar mit dem Charakter eines ordent- lichen Universitätsprofessors ernannt. Fast drei Jahrzehnte hat er an der Spitze der Anstalt gestanden, deren Einrichtung, Verwaltung und Vergrößerung er mit begeisterter Hingabe seine volle Kraft widmete. Den Behörden wie dem Publikum gegenüber vertrat er sie gleich ausgezeichnet. Er leitete die Bibliothek im liberalsten Geiste. Dem Publikum gewährte er möglichst viele Erleichterungen in der Benutzung der seiner Obhut anvertrauten Bücherschätze und zeigte im Verkehr mit ihm liebenswürdiges Entgegenkommen und Hilfs- bereitschaft; von büreaukratischen Gepflogenheiten hielt er sich vollständig fern.

B.'s Name gehörte zu den gefeiertsten in der deutschen Bibliothek weit. Seit August 1894 führte er" den Titel eines Direktors. Am 29. November 1895 wurde er aus Anlaß der Einweihung des von ihm eifrig betriebenen Neu- baues der Bibliothek zum Geheimen Regierungsrat befördert. Die Straßburger Bibliothek mit ihren 750000 Bänden hatte sich ihrem Umfange nach zur dritten im Reiche emporgeschwungen, ln demselben Jahre ließ B. ein Verzeichnis der elsässisch- lothringischen Handschriften und Handzeichnungen erscheinen.

B. erfreute sich einer trefflichen Gesundheit, bis ein länger schon empfundenes Leberleiden seiner Tätigkeit ein Ziel setzte. Wie es ihm im Leben an äußeren Auszeichnungen, namentlich Orden aus vieler Herren Länder, nicht gefehlt hatte, so wurde er auch mit Ehren zur Erde bestattet, die seinem schlichten Sinne fast übermäßig erschienen wären. Er liinter- licß eine Witwe (Klara, geb.I.öfflund), zwei verheiratete Töchter und einen Sohn.

Es erübrigt noch, B.’s literarischer Tätigkeit zu gedenken, die gleichfalls verdienstvoll und, namentlich vor der Straßburger Zeit, umfangreich gewesen ist Außer einigen selbständigen Schriften und vielen kleineren Aufsätzen historischer oder germanistischer Art lieferte er insbesondere eine Reihe vor- züglicher Ausgaben aus dem Bereiche der älteren deutschen Literatur, so von den Werken der Hrotsvitha (Nürnberg 1858), von dem satirisch-didak- tischen Gedicht »Des Teufels Netz« (1863), von Gallus Oheims Chronik von Reichenau (1866), von der Zimmerischen Chronik in 4 Bänden (1869 die drei zuletzt genannten Werke sind in der Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart erschienen). B.’s Ausgabe der Zimmerischen Chronik, Freiburg i. Br. 1881/2 neu aufgelegt, muß als seine literarische Hauptleistung bezeichnet werden; sic hat jene kulturhistorisch bedeutungsvolle Geschichtsquelle weithin bekannt gemacht. 1879 veröffentlichte er: »Althochdeutsche Funde«, 1892 gab er im Verein mit Paul Heitz die elsässischen Büchermarken heraus (Ver- zeichnis der Werke B.'s in Hottingers unten zitierter Schrift, 1. Aufl. S. 30 f., II. Aufl. S. 32 f.; Ergänzungen im Zentralblatt für Bibliothekswesen).

»StraOburger Post« vom 14. Juli 1900, Nr. 609 und 610 und 15. Juli, Nr. 614, »Schwä- bische Kronik« vom 14. Juli, Nr. 322 und »Schwäbischer Merkur« vom 16. Juli, Nr. 324, »Staats-Anzeiger« für Württemberg vom 14. Juli, No. 162, (Stuttgarter) »Neues Tagblatt« dcsgl., Beilage rur »Allgemeinen Zeitung« 1900, Nr. 161, Zentralblatl für Bibliotheks- wesen« XVII (1900) S. 542 544, »x\us dem Schwarzwald« VIII (1900) S. 143, Chr. G. llottingcr, Die Kaiserliche Univcraitäts- und Landesbibliothck in Straßburg (Straüburg i. E. 1*72, 2. Auflage 1875I, S. Hausmann, Die Kaiserliche Lniversitäts- und Landesbibliothek in Straüburg (Festschrift, Straüburg 1895). Rudolf Krauß.

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Daimler.

Daimler, Gottlieb, Erfinder des Automobils, * 17. März 1834 zu Schorn- dorf in Württemberg, f 6. März 1900 zu Cannstatt. Der Mann, dessen Heim- gang weite industrielle Kreise der ganzen Kulturwclt bewegte, und den ein unübersehbarer Leichenzug zu seiner letzten Ruhestätte auf dem Cannstatter Uffkirchhof geleitete, hat sich durch eigene Kraft und rastlose Schaffenslust aus den bescheidensten Verhältnissen zu europäischer Bedeutung emporge- arbeitet. Das hervorstechende mechanische Geschick des Knahen machte seine Berufswahl selbstverständlich. Von 1853 bis 1856 verbrachte er ersprieß- liche Lehrjahre in der bekannten elsässischen Werkzeugmaschinenfabrik Grafen- staden bei Straßburg. Von 1857 bis 1859 besuchte er das Stuttgarter Poly- technikum und kehrte dann nochmals für ein Jahr nach Grafenstaden zurück. Von 1861 bis 1863 vollendete er seine Ausbildung in großen englischen Maschinenfabriken. Hierauf war er der Reihe nach in Geislingen, Reutlingen und Karlsruhe in Stellung, an letzterem Ort als Vorstand der Werkstätten der dortigen Maschinenbaugesellschaft. 1872 trat er in die neugegTündete Gas- motorenfabrik Deutz bei Köln ein, um die technische Einrichtung und Leitung dieser Anstalt zu übernehmen, die sich, nicht zuletzt durch D.s Verdienst, all- mählich Weltruf erwarb. Er fand schon hier Gelegenheit, sein erfinderisches Genie zu betätigen: unter anderem ließ er den ersten Gasmotor mit hundert Pferdekräften entstehen.

1882 schied D. aus der Deutzer Fabrik aus und wandte sich nun, durch vielseitige Erfahrungen wohl vorbereitet, seiner Lebensaufgabe, der Schaffung eines Automobilfahrzeuges, zu. Er ließ sich in Cannstatt nieder, wo er eine anfangs recht bescheidene Versuchswerkstätte errichtete. Es kam zunächst darauf an, einen Motor zu erfinden, der es vermöge geringen Eigengewichts, möglichst einfacher und zugleich kompendiöser Bauart, großer Kraft und kleiner Betriebskosten gestattete, Fahrzeuge jeder Gattung für automobilen Betrieb unter vorteilhaftem Ersatz bisheriger Zugkräfte auf Land- und Wasserstraßen auszurüsten. Die geplanten Fahrzeuge mußten die Kraftquelle ausschließlich in sich selbst tragen und von jeder fremden Kraftstation unabhängig sein, um Verwendung auf beliebigen Strecken und auch auf weite Entfernungen zu er- möglichen. Nach längeren Versuchen gelang es D., der sich durch keine Miß- erfolge abschrecken ließ, einen Motor, der alle diese Bedingungen erfüllte, zu erfinden: den bald in der ganzen Welt berühmt gewordenen Daimler-Motor. Der erste schnellgchende Explosionsmotor war damit geschaffen, was zugleich einen weittragenden Fortschritt im Gas- und Petrolmotorbau und die be- friedigende Lösung der Automobilfrage bedeutete. Nachdem er mit der Deutzer Fabrik einen Prozeß um seinen Motor siegreich durchgefochten hatte, ließ ihn D. nebst allen dazu gehörigen Antriebsmechanismen unter Patentschutz stellen; im Laufe der Zeit nahm er nicht weniger als 20 der entscheidendsten Patente des Automobilgebiets. Jetzt galt es, die praktische Verwendbarkeit lies neuen Motors nachzuweisen. Mit unverdrossener Ausdauer bemühte sich D. seine Erfindung auszugestalten und zu vervollkommnen. 1885 begann er zu einer Zeit, da das Niederrad noch unbekannt war mit einem motorisch betriebenen einsitzigen Niederrad, ließ dann mehrsitzige Droschken und Bote nachfolgen. Auf den Straßen von Cannstatt, Stuttgart und Umgebung, auf dem Neckar Linden die vom Publikum angestaunten, von Zweiflern wohl auch belächelten Probefahrten statt. Eine lange Reihe von Automobiltypcn schlossen sich an: Straßenbahnwagen, Eisenbahnwagen, Lastwagen, Feuerspritzen, Säg- und Spaltmaschinen u. s. w. 1888 wurde sogar der V'ersuch unternommen, mit

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Daimler. Wirth.

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Hilfe des Motors ein lenkbares Luftschiff zu konstruieren. Auch für militärische Zwecke fand der Daimler-Motor glückliche Verwendung. Doch blieben die Droschken und Bote, die sich sowohl für praktische als Vergnligungs- und Sportzwecke verwenden ließen, am verbreitetsten und beliebtesten; die Motor- bote fahren allerwärts in Strömen, Landseen und an Meeresküsten.

Auf vielen Ausstellungen, wie bei öffentlichen Wettfahrten erhielten die Daimler-Motorfahrzeuge erste Preise. Nicht nur in Deutschland, auch im Aus- land, zumal in England, Frankreich, Nordamerika, erfreuten sie sich wachsen- der Anerkennung. Die Cannstatter Werkstätte W'ar allmählich in eine große Fabrik übergegangen, die sich weit verzweigte. 1891 trat I). den Geschäfts- betrieb und das Eigentumsrecht seiner Erfindungen an die Daimler-Motoren- Gesellschaft (auf Aktien) ab; doch blieb er, seit November 1899 Kommerzien- rat, bis zu seinem Tode als Vorsitzender des Aufsichtsrats mit unverminderter Tat- und Arbeitskraft an der Spitze der von ihm ins Leben gerufenen Unter- nehmungen.

D.s Name wird nicht so bald vergessen werden. Er hat durch sein schöpferisches Genie die bisherigen Betriebsmittel und Zugkräfte um eine neue, zukunftsreiche Gattung vermehrt und sich um den Aufschwung der deutschen, ja der gesamten europäischen Automobilindustrie unvergängliche Verdienste erworben.

»Schwäbische Kronik* vom 7. März 1900, Nr. 109, (Stuttgarter) »Neues Tagblatt« vom S. März, Nr. 56, »Staats-Anzeiger (llr Württemberg« vom 9. März, Nr. 57, »Cannstatter Zeitung« 1900, Nr. 56 und 1902, Nr. 126 (Enthüllung der Daimler-Gedenktafel), »Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen« XI, (1900) Nr. 21, S. 318.

R. Krauß.

Wirth, Max, volkswirtschaftlicher Schriftsteller und Publizist, * am 27. Januar 1822 in Breslau, f am 18. Juli 1900 in Wien. Max W. war der älteste Sohn des Geschichtsschreibers und politischen Schriftstellers Johann Georg August Wirth, der einer der Führer der freiheitlichen Bewegung in Süd- deutschland zu Beginn der dreißiger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts ge- wesen, und infolgedessen im Jahre 1833 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war. Seine Frau mußte mit ihren Kindern Deutschland verlassen und nahm ihren Wohnsitz in Weißenburg im Elsaß, wo Max W. den ersten Unter- richt am französischen T.yceum erhielt. Sein Vater ist nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in seinem Geburtsorte Hof unter polizeiliche Aufsicht ge- stellt worden, doch gelang es ihm im Dezember 1836 nach Frankreich zu flüchten, worauf er sich mit seiner Familie in Konstanz nicderließ und aut seinem Gute Emmishofen eine Druckerei errichtete. Max W. hatte auf diese Weise durch die Schicksale seines Vaters bereits als junger Mann die traurigen politischen Zustände und den Druck des absolutistischen Systems in Deutsch- land kennen gelernt. Er bezog die Universität Heidelberg und widmete sich dem damals in Deutschland noch neuen Studium der Nationalökonomie. F'r trat in das Corps Rhenania ein und eignete sich als Mitglied dieses Corps eine Meisterschaft in der Fechtkunst an, die er sich bis in sein spätes Alter bewahrt hat. Als im Frühling des Jahres 1848 J. G. A. Wirth von der Stadt Karlsruhe in die deutsche National-Versammlung gewählt wurde, ging sein Sohn Max mit ihm nach Frankfurt a. M. und trat dort in das Stenographenburcau der National-Versammlung ein, welches das erste parlamentarische Steno- graphenbureau in Deutschland war. J. G. A. Wirth erlag schon zwei Monate nach der Eröffnung der National-Versammlung einem Lungenleiden. Max W.

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Wirth.

wendete sich nach dem Jahre 1848 der Publizistik zu. Kr redigierte 1852 bis 1853 die »Wcstphälische Zeitung« in Dortmund, 1853 bis 1856 die »Mittel- rheinische Zeitung« in Wiesbaden, und gründete dann in Frankfurt a. M. das W'ochenblatt »Der Arbeitgeber«, das erste deutsche Organ zur Vermittlung zwischen der Nachfrage und dem Angebot gewerblicher und industrieller Arbeit. Zugleich errichtete er im Verein mit seinem Bruder Franz das erste deutsche Patentbureau. Noch in den fünfziger Jahren begann er sein bekanntestes Werk »Die Grundzuge der Nationalökonomie«, welches in vier Bänden erschienen ist, von denen der erste, »Die Geschichte der Nationalökonomie«, der zweite »Die Grundsätze der Volkswirtschaftspflege«, der dritte »Das Bankwesen« und der vierte »Die soziale F'rage« behandelt. Dieses Werk hat namentlich als Lehrbuch zum Studium der Volkswirtschaft weite Verbreitung gefunden, ist in mehreren Auflagen erschienen und auch in fremde Sprachen übersetzt worden. Max W. entwickelte in diesem Werke die Prinzipien der deutschen Freihandels- schule und seine Vorbilder waren dabei Bastiat und Carey. Er behandelte die volkswirtschaftliche Lehre als eine praktische Wissenschaft, zur Erklärung der ökonomischen Flrscheinungen des täglichen Lebens und zur Feststellung der wirtschaftlichen Grundsätze für die Führung des Haushaltes, sowohl des einzelnen, wie der Gesamtheit. Doch suchte er zwischen den Theorien des wirtschaftlichen Liberalismus und den Bedürfnissen des praktischen Lebens einen vermittelnden Standpunkt einzunehmen und alle Extreme zu vermeiden. Als einer der Hauptvertretcr des Freihandels in Deutschland nahm er auch bei den seit 1858 abgehaltenen wirtschaftlichen Kongressen eine hervorragende Stellung ein, doch trat er kcinesuregs ftir die radikale Forderung der sofortigen und gänzlichen Aufhebung aller Zölle ein, sondern empfahl vielmehr nach dem Beispiele Lists die Schutzzölle allmälig zu mildern und die F'lut des Hoch- schutzzolles durch Festlegung der Zollsätze einzudämmen. Den Prinzipien der Freihandelspolitik entsprechend, sprach sich W. auch gegen jedes gewaltsame Eingreifen des Staates in die wirtschaftliche Produktion aus. Er empfahl auch schon frühzeitig soziale Reformen zur Verbesserung der Lage der Arbeiter durch Herabsetzung der Arbeitszeit auf zehn und im Bergbau auf acht Stunden. Ein zweites Werk Max. W.s, das allgemeine Verbreitung gefunden hat, ist seine »Geschichte der Handelskrisen«, deren erste Auflage schon 1858 erschienen ist und die 1873 durch die Geschichte der großen Wiener Krise erweitert wurde. Im Jahre 1859 trat Max \\. in den Vorstand des auf Bennigsens Anregung gegründeten Deutschen Nationalvereins, da er in dem Programm desselben für die Reform der deutschen Bundesverfassung zugleich die Basis für eine Reform der wirtschaftlichen Verhältnisse erblickte. F'.ine Spezialität Max W.s war die volkswirtschaftliche Statistik, für deren gleichmäßige Organi- sierung in allen Staaten er eifrig tätig war. Namentlich begründete er eine Statistik der Berufsarten, wodurch er hauptsächlich das Material zur Lösung der Arbeiterfrage zu schaffen suchte. Im Jahre 1865 wurde er vom Schweizer Bundesrate zur Einrichtung des Statistischen Bureau der Schweiz nach Bern berufen und stand bis Anfang 1873 als Direktor an der Spitze dieses Bureau. Während dieser Zeit gab er die erste amtliche Statistik der Schweiz in drei Bänden heraus. Zu Beginn des Jahres 1874 ließ sich Max W. in Wien nieder und trat in die Redaktion der »Neuen Freien Presse« als Redakteur des volks- wirtschaftlichen Teils dieses Blattes. Er hat für dieses Blatt zahlreiche Artikel über Handelspolitik, über Geld, Kredit- und Bankwesen und hauptsächlich über die Fragen der Währungsreform geschrieben. Eine Spezialität seiner

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Wirtb. Arnold.

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publizistischen Tätigkeit bildeten die regelmäßigen Artikel über den inter- nationalen Geldmarkt, worin er die Bewegungen der großen Notenbanken und des Geldverkehrs auf den Zentralpunkten des Welthandels übersichtlich zu- sammenfaßte. Auf Grund seiner Studien über die wirtschaftlichen Verhältnisse Österreichs veröffentlichte W. im Jahre 1876 ein Werk über »Österreichs Wiedergeburt« aus der Krise des Jahres 1873, worin er die Mittel zu einer Gesundung und Erstarkung der österreichischen Volkswirtschaft auseinander- setzte. Er zog auch die landwirtschaftliche Produktion Österreichs und Un- garns in den Bereich seiner Studien und veröffentlichte als Ergebnis derselben 1881 eine Schrift über »die Krisis in der Landwirtschaft« und 1885 ein Werk über »Ungarn und seine Bodenschätze«. Als entschiedener Anhänger der Gold- währung trat er sehr eifrig für die Einführung derselben in Österreich-Ungarn ein und schrieb auch eine Monographie »Das Geld«. Max W. entfaltete durch nahezu vierzig Jahre eine sehr produktive literarische Tätigkeit und beschränkte sich dabei nicht bloß auf das wirtschaftliche Gebiet, sondern veröffentlichte auch 1862 eine »Deutsche Geschichte in der Periode der germanischen Staaten- bildung« und gab im Jahre 1884 unter dem Titel »Ernste und frohe Tage« eine Sammlung seiner literarischen Feuilletons heraus. Dabei war er bis in sein spätes Alter auch auf mehreren Gebieten des Sports praktisch und lite- rarisch tätig. Er führte das Kunstlaufen auf dem Eise in der Schweiz ein und nahm hervorragenden Anteil an der Ausbildung dieses Sports in Wien, wo er im Vereine mit Dr. von Körper und Demeter Diamantidi ein l.chr- und Musterbuch für das Kunstlaufen unter dem 'Titel »Spuren auf dem Fase« herausgab. Als ausgezeichneter Fechter, seit seinen Universitätsjahren, war er auch einer der Gründer des ersten Fechtklubs in Wien.

Max Wirths Hauptwerk« sind: »Grundzügc der Nationalökonomie«, 4 Bünde, Köhl 1S55 1873; »Geschichte der Handelskrisen«, 1 Band, Frankfurt a M. 1858; vierte Auf- lage 1890; »Oie deutsche Nationaleinheit in ihrer volkswirtschaftlichen, geistigen und poli- tischen Entwicklung«, 1 Band, Frankfurt.!. M. 1S59; »Allgemeine Beschreibung und Statistik der Schweiz«, 3 Bande, Zürich 1870— 1875; »Österreichs Wiedergeburt«, I Band, Wien 1876: »Kultur- und Wanderskizzen«, Wien 1876; »Krisis der Landwirtschaft«, Berlin 18S1; »Dax Geld«, Leipzig 1884; »Ernste und frohe Tage«, Köln 1884; »l'ngarn und seine Bodenschätze«, Frankfurt n. M. 1885; »Die Quellen des Reichtums«, Köln 18S6. Aus- führliche Nekrologe Max Wirths veröffentlichte die »Neue Freie Presse« in ihren Morgen- hllttern vom 18. und 19. Juli 1900. Im letztgenannten Artikel ist namentlich seine volks- wirtschaftliche Tätigkeit eingehend gewürdigt. Bettina Wirth.

Arnold, Gustav, Musikdirektor und Komponist, * 1. September 1831 zu Altorf, f 28. September rijoo in Luzern, entstammt einer angesehenen Urner Familie. Der Großvater Jos. Anton A. »von Spyringen« war Land- ammann von Uri, der Vater erster Landschreiber, ein Bruder eidgenössischer Oberst. Das musikalische Talent scheint er von mütterlicher Seite geerbt zu haben, wie denn ein Verwandter der Mutter, Dr. Franz Midier, neben dem geistlichen Hauslehrer Andreas Infangcr dem Knaben den ersten Klavier- unterricht erteilte. Im Gesang unterwies ihn ein Bruder Alberik Zwvstigs, des hochbegabten Komponisten, dem die Schweiz einen ihrer schönsten National- gesänge, den sogen. Schweizerpsalm (»Trittst im Morgenrot daher«), verdankt. Die Jahre 1842 1844 brachte A. in der Klostcrschule in Engelberg zu, wo er durch Pater Eugen Schwarzmann auch in die Musiktheorie eingeführt und besonders im Örgelspiel gefördert wurde. Dann absolvierte er das Gym- nasium zu Luzern, wurde dort von Musikdirektor Molitor vielfach als Sänger und Organist sowie als Pianist verwendet und machte sich auch mit Geige

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Arnold.

und Violoncell vertraut. 1847 begab er sich, um philosophischen Studien obzuliegen, an die Universität Innsbruck und da dieselbe infolge der 48er Revolution geschlossen wurde, nach Löwen in Belgien. Ohne irgentlwo eine systematische musikalische Ausbildung genossen zu haben, wandte er sich doch, dem inneren Drange folgend, statt dem Gelehrtenberuf ganz der Ton- kunst zu und nahm 1850 eine Stelle als Organist und Chordirektor in der etwa 20000 Kinwohner zahlenden Stadt Lancaster im Norden Englands an, wo er auch ein Streichi|uartett und einen Mannerchor nach deutschem Muster gründete und seine treffliche Gattin fand, deren Vermögen ihn ökonomisch unabhängig machte. 1854 siedelte A. nach Manchester über, um Charles Halles, des ausgezeichneten Pianisten und Gründers der be- deutendsten dortigen Konzertinstitute, Schüler zu werden. Hier verblieb er bis 1865, vielfach als Solopianist auftretend, sowie als Organist an mehreren Kirchen der Stadt tätig und auch mancherlei kom]>onierend. Mit seiner Familie kaum nach Luzern zurückgekehrt, wurde A. Oktober 1865 zum städtischen Musikdirektor gewählt und übernahm damit die Leitung der Fortbildungsschule in Gesang und Violinspiel, sowie diejenige des Ge- mischten Chores »Cäcilien- Verein«, des Dilettantenorchesters und des Männer- chors »Harmonie.-. 1870—1878 besorgte er überdies die Funktionen des Musikdirektors an der höheren Lehranstalt und des Chorregenten an der Jesuiten-Kirche. Nachdem er zunächst regelmäßige Kammermusik-Abende ins Leben gerufen, an denen außer Luzernischen Kräften hervorragende Künstler aus anderen Schweizerstädten sowie des Auslandes mitwirkten, veran- laßte A. Mitte der siebziger Jahre das F.ngagement zunächst von 17 Fach- musikern, aus denen unter Zuzug tüchtiger Dilettanten ein ständiges Orchester gebildet wurde. Mit diesem gab er jeden Winter eine Reihe von Abonne- mentskonzerten, in denen das Publikum mit den Hauptwerken der sympho- nischen Literatur bekannt gemacht wurde und in denen vorzügliche Gesangs- und Instrumentalvirtuosen auftraten. Um das Institut finanziell über dem Wasser zu erhalten, brachte der feuereifrige Dirigent persönlich bedeutende Opfer und veranstaltete u. a. zu Gunsten desselben 1881 acht Beethoven- Abende, in denen er des Meisters sämtliche Klaviersonaten in wahrhaft klassischci Weise vortrug. Um ihr Verständnis zu erleichtern, hatte der Künstler sorglaltige analytische Programme unter Anführung der Hauptmotive verfaßt, wie er denn dieses Erläuterungsmittel auch auf die Programme der Abonnementskonzerte anwandte. Und nicht weniger eifrig war der Uner- müdliche auf dem Gebiet der Vokalmusik, indem er mit dem Cäcilien- Verein die bedeutendsten großen Chorwerke, aber auch eine ganze Reihe von Opern zu vortrefflicher Aufführung brachte. Mit besonderer Liebe nahm sich A. der kirchlichen Vokalmusik an und trat hier eifrig für die caecilianischen Reformbestrehungen, d. h. die Pflege der edlen A-capella-Kompositionen des altitalienischen Stiles ein, ohne die guten neuzeitlichen Werke der kirchen- musikalischen Literatur zu vernachlässigen. Endlich leitete er jahrelang in musterhafter Weise den 1869 aus der Vereinigung der »Harmonie* mit dem »Frohsinn« entstandenen bedeutendsten Mannergesangverein der Stadt »Die Liedertafel«, so daß man wohl sagen darf, Luzern verdanke wesentlich A. die ehrenvolle Stelle, die cs heute im musikalischen Leben der Schweiz einnimmt.

1883 legte der unter zunehmender Nervosität und Abspannung Leidende den 1 aktstock nieder und zog sich ins Privatleben zurück, ohne indes seine

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Arnold.

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öffentliche musikalische Tätigkeit ganz aufzugeben. Schon 1873 hatte man den ebenso rede- wie schriftgewandten Musiker in das Kampfgericht für die eid- genössischen Sängerfeste gewählt, und an der Spitze desselben wirkte er bei den Festen von 1875 (Basel), 1880 (Zürich), 1 886 (St. Gallen), 1893 (Basel) und 1899 (Bern) hervorragend. l>enn wie seine Ansprachen bei Eröffnung der kampf- gerichtlichen Urteile wahre Muster taktvoll-feiner, mit liebenswürdigem Humor durchwirkter Reden bildeten, so verdienen die gedruckten Generalberichte, die seiner Feder entstammten, nach Inhalt und Form die Bezeichnung kleiner Meisterwerke. Kein Wunder daher, daß man ihn auch sonst vielfach für musikalische F'xpertisen und andere fac hmännische Missionen in Anspruch nahm, wie er denn u. a. bei der Schweizerischen laindes-Ausstellung in Zürich von 1883 und bei der Weltausstellung z.u Paris von 1889 die Gruppe "Musika- lische Instrumente« in vorzüglicher Weise bearbeitete. Als F'rühjahr 1900 der Schweizerische Tonkünstler- Verein ins Leben gerufen wurde, wählte das Komitee einstimmig Gustav A. zu seinen Präsidenten, ein Amt, das er freilich nur kurze Zeit verwalten konnte, da ihn schon im August gen. Jahres ein Brustleiden aufs Krankenlager warf und am 28. September eine Herzlähmung dem arbeitsreichen Leben ein Ende machte.

Wenden wir uns dem Komponisten Gustav A. zu, so nimmt er auch hier eine hervorragende Stelle unter den schweizerischen Musikern ein. Von Instrumentalarbeiten wurden allerdings nur wenige in England entstandene Klavierwerke gedruckt, so als op. 4 ein Notturno und Scherzo, als op. 5 ein Walzer voll Schwung und Grazie. Um so zahlreicher sind des Autors vokale Tondichtungen. Schon in Manchester schrieb er eine Reihe fein empfundener Lieder für eine Singstimme mit Klavierbegleitung, denen sich später zahlreiche Gesänge für Gemischten Chor anreihten. Hervorzuheben sind die bei W. Siegel in Leipzig erschienenen Sechs Chorlieder op. 1 1 , die sich durch melodischen Fluß, Kraft und Wärme des Stimmungstones ebenso auszeichnen wie durch fein-künstlerische Faktur. Und auf gleicher Höhe stehen sechs geistliche Gesänge, die der Komponist den Gesangsschulen und kirchlichen Chören der Schweiz gewidmet hat, und die als op. 1 2 bezeichneten »Acht Motetten für den katholischen Gottesdienst« mit Orgelbegleitung, in denen sich seine Ver- trautheit mit dem Kirchenstil nicht weniger bewährt als die Tiefe seines religiösen Empfindens.

Der Schwerpunkt seiner schöpferischen Tätigkeit aber liegt in A.’s Kom- positionen für Männerchor, dessen Literatur er abgesehen von vielen stimmungs- vollen und schöngesetzten A capella-Liedern durch eine Anzahl größerer kantatenartiger Werke bereichert hat. 1871 führte er eine für Männerchor und Soli geschriebene Kantate auf, deren Text den Heldentod Arnold von Winkelrieds verherrlicht. Das edel und groß empfundene, von feurigem Pa- triotismus durchglühte Tongedicht fand solchen Anklang, daß man es als Hauptnummer in das Programm der Gesamt-Aufführung beim Padgenössischen Sängerfest in Luzern von 1873 aufnahm, bei welcher A. mit starker Hand die Massen leitete. Und da die Kantate auch hier allgemeine Begeisterung erweckte, wurde sie bei der denkw ürdigen 500jährigen Jubelfeier der Schlacht bei Sempach 1886 abermals zu F'.hren gezogen und brachte, zum Fest- spiel mit szenischer Darstellung erweitert, die denkbar mächtigste Wirkung hervor. Einen ähnlichen F'.rfolg errang der Komponist bei Anlaß der 600- jährigen Gründungsfeier der Schweizerischen Fadgenossenschaft mit seiner Rütlischwur-Kantate, welcher Worte aus Schillers Teil zu Grunde liegen und

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Arnold. Sarwey.

die am 2. August 1891 auf jener geweihten Wiese am l'rnersee von etwa 700 Sängern mit Instrumentalbegleitung vorgetragen wurde. Prachtvoll ist hier besonders die eigentliche Schwurszene, in der sich die Musik mit den herrlichen Schillerschen Versen völlig deckt und deren Eindruck auf die vielen Tausende von Hörem ein überwältigender war. Und nochmals stellte A. seine Kunst in den Dienst des Vaterlandes, als er 1895 die Musik zum »Festakt« schuf, welchen Arnold Ott für die Feier der Enthüllung des Kislingschen Teil-Denkmals in Altorf gedichtet hatte. Auch diesmal packten die Klänge der Arnoldschen Chöre die Kestteilnehmcr nicht weniger als die prachtvollen Verse des Dichters.

So tritt uns in Gustav A , wenn wir sein Gesamtwirken überschauen, ein vielseitiger und gediegener Musiker, ein Mann von reichster Bildung, gleich gewandt in der Führung des Taktstockes wie der Feder und des Wortes, ein feinfühliger Klaviermeister, aber auch ein phantasievoller und formvollendeter Tondichter entgegen, dessen Name im Schweizerland um so weniger vergessen werden wird, als er mit dessen heiligsten Stätten, Sempach und Rütli, für immerdar verflochten ist. A. Niggli.

Sarwcy, Ernst Otto Claudius, kgl. württ. Staatsminister des Kirchen- und Schulwesens, Dr. juris, * 24. September 1825 in Tübingen, f 1. April 1900 in Stuttgart. Die Familie Sarwey war um die Mitte des 16. Jahrhunderts aus St. Gervais in Savoyen nach Württemberg eingewandert; die Bilder von elf Generationen befinden sich im Besitz der Familie. Der Vater und Groß- vater von Otto Sarwey waren evangelische Geistliche, der Vater Oberhelfer in Tübingen, der Großvater Dekan in I.eonberg. S. besuchte in Tübingen das Gymnasium und studierte daselbst Rechtswissenschaft und Philosophie. Nach Ablegung der juristischen Dienstprüfungen und kurzer praktischer Dienst- leistung in Rottweil ließ er sich 1S49 als Rechtsanwalt in Stuttgart nieder. Schon in dieser Stellung wie späterhin hatte er mehrfach Gelegenheit in ver- mögensrechllichen wie Testamentsangelegenheiten für Mitglieder des Königs- hauses wie der F'amilie des Prinzen Hermann von Sachsen -Weimar tätig zu sein. 1854 bis 1859 war S. Mitglied des Gemeinderats, 1862 bis 1864 und 1867 bis 1869 Obmann des Bürgerausschusses der Stadt Stuttgart.

In die Kammer der Abgeordneten trat S. als Vertreter von Sulz 1856 ein, 1862 bis 1876 war er Abgeordneter fUr Crailsheim. Von 1865 an ge- hörte er dem weiteren, von 1868 bis 1870 dem engeren ständischen Ausschuß an. Er gehörte der »Rechten« des Hauses an, aus welcher später die der Regierung nahestehende Württembergische Landespartei hervorging. Aus dieser Zeit stammen die nahen Beziehungen, die S. zeitlebens mit dem späteren Ministerpräsidenten F'rhr. v. Mittnacht verbanden, mit dem er die letzten 15 Jahre seines Lebens im Staatsministerium zusammenarbeitete.

In hervorragender Weise in die Gestaltung des Verhältnisses von Staat und Kirche, und damit in die Geschichte Württembergs einzugreifen, hatte S. Gelegenheit aus Anlaß des Konkordatstreits, aus Anlaß der tiefeingreifenden Auseinandersetzungen am Ende der fünfziger Jahre über die mit dem päpst- lichen Stuhl abgeschlossene Übereinkunft vom 8. April 1857. Der Bischof sollte »zur Leitung seiner Diözese die F'reilieit haben, alle jene Rechte aus- zuüben, welche ihm in Kraft seines kirchlichen Hirtenamts laut FTklärung oder Verfügung der heiligen Kirchengcsctzc nach der gegenwärtigen, vom heiligen Stuhl gutgeheißenen Disziplin der Kirche gebühren«. Die Einführung

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S»rwey.

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von Orden und Kongregationen war ihm unter der sehr zweifelhaften Ein- s< hränkung eingeräumt, daß er sieh in jedem einzelnen Fall mit der könig- lichen Regierung ins Einvernehmen setzen werde. Die unbeschränkte Diszi- plinargewalt über die Geistlichen, die Entscheidung in Ehesachen, von der bürgerlichen Wirkung abgesehen, die Leitung und Überwachung der religiösen Unterweisung und Erziehung der katholischen Jugend in allen Lehranstalten und weitergehend ein eingreifender Einfluß auf das Elementarschulwescn über- haupt war ihm zugestanden. Die Leitung und Aufsicht über die katholisch- theologische Fakultät in Tübingen mit der Befugnis der Ermächtigung zu theologischen Lehrvorträgen wie der Wiederentziehung derselben war ihm unter- stellt worden. Dabei war die Konvention als ein dem öffentlichen Recht an- gehöriger Vertrag zwischen Staat und Kirche bezeichnet worden, dessen Fest- setzungen nicht einseitig vom Staate gelöst werden können. Die letztere Bestimmung ging selbst der Kommissionsmehrheit unter R. Probst zu weit, die beantragte, in die Beratung des Gesetz es- Entwurfs nur unter der Bedingung einzutreten, wenn dieses Gesetz nicht in Ausführung eines Vertrags, sondern wie andere Gesetze unter dem Vorbehalt der Änderung durch die künftige Gesetzgebung erlassen werde. Dagegen war die Mehrheit der staatsrechtlichen Kommission damit einverstanden, daß der Inhalt der Konvention als den Prinzipien eines richtigen Verhältnisses von Staat und Kirche entsprechend seinen Vollzug erhalte. Nach der materiellen wie nach der formell rechtlichen Seite trat die Minderheit der Kommission mit ihrem Berichterstatter Sarwey an der Spitze der Konvention entgegen und nach vier erregten Sitzungen wurde am 16. März i86r mit 63 gegen 27 Stimmen der Antrag der Minder- heit zum Beschluß erhoben, die Vereinbarung als unverbindlich zu betrachten, gegen deren Vollzug Verwahrung einzulegen und an die Regierung die Bitte zu stellen, die Verordnung vom 21. Dezember 1857 außer Wirkung zu setzen; dagegen die betr. Verhältnisse im Wege der Landesgesetzgebung zu ordnen. Damit war Klarheit geschaffen; die schwierige Regelung des Grenzgebiets zwischen Staat und Kirche war auf den einzig richtigen Weg der Gesetz- gebung gewiesen. Das Land atmete befreit auf; ein großes Verdienst um den Frieden Württembergs hat sich der Berichterstatter der Minderheit mit seinem entschiedenen Vorgehen erworben. Unter dem 12. Juni 1861 gab die Staats- regierung die Erklärung ab, tlaü sie den abgeschlossenen Vertrag als solchen als gescheitert betrachte und demselben eine rechtliche Verbindlichkeit nicht mehr zuerkenne.

S. war dann auch der Berichterstatter der nunmehrigen Mehrheit Uber den Fintwurf des Gesetzes vom 30. Januar 1862, der alsbald von dem neuen Chef des Kultdepartements v. Golther eingebracht wurde. Eine im großen und ganzen befriedigende Regelung des Verhältnisses der Staatsgewalt zur katholischen Kirche war mit dem neuen Gesetz erreicht; das Gesetz hat sich bis auf den heutigen Tag bewährt. Sarweys Eingreifen wirkte gestaltend auf die gesamten kirchenrechtlichen Verhältnisse des Staats und blieb zugleich vorbildlich für seine ganze fernere Stellung als Politiker und Minister.

Dem Reichstag gehörte S. 1874 bis 1876 als Vertreter des 10. wdirttem- bergischen Wahlkreises (Göppingen-Gmünd-Schorndorf- Welzheim) an. Er trat der Reichspartei bei; in jene Wahlperiode fiel die Beratung der Justizgesetze; S. war Vorsitzender der Konkursordnungskommission. Im Mai 1883 wurde S. zum lebenslänglichen Mitgliedc der Kammer der Standesherren ernannt, für die er eine größere Zahl Referate auszuarbeiten hatte. Im Mai 1890

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Sarwey.

legte er in Rücksicht auf seine Stellung als Kultminister dieses Amt nieder.

1868 trat S. in den Staatsdienst über, zunächst als Obertribunalrat und Vortragender Rat iin Justizministerium, 1870 wurde er zum wirklichen Staats- rat und ordentlichen Mitglicde des Geheimen Rats ernannt.

Nach der rensionierung tles Kultministers I)r. v. Gebier wurde S. am

28. Februar 1885 zum Staatsminister des Kirchen- und Schulwesens ernannt, ein Amt, das er durch 1 5 Jahre bis zu seinem Tode mit Anspannung aller Kräfte und dem ihm eigenen Pflichtgefühl bekleidete. Unter den zahlreichen Gesetzen, die S. auf dem Gebiete des Kirchen- und Schulwesens durchgeführt bat, seien zunächst die Gesetze vom t4. Juni 1887 hervorgehoben, betr. die Vertretung der evangelischen und katholischen Kirchengemeinden und die Verwaltung ihrer Vermdgensangelegenheiten. In Verbindung mit der Aner- kennung der juristisi hen Persönlichkeit der Kirchengemeinden wurde die recht- liche Vertretung derselben und die Verwaltung ihrer Vermögensangelegcnheitcn eigenen Organen der Kirchengemeinde, den Kirchengemeinderäten, übertragen unter Wahrung der staatlichen Aufsicht, und unter Feststellung der Grund- sätze über die Ausscheidung des kirchlichen Vermögens, insbesondere des .Stiftungsvermögens, aus dem Gemeindevermögen. An das staatliche Gesetz schloß sich dann auf evangelischer Seite noch das kirchliche Gesetz vom

29. Juli 1888 an, durch das den Kirchengemeinderäten auch gewisse inner- kirchliche Angelegenheiten übertragen wurden. Diese Gesetze sind von weit- gehender Bedeutung auf dem ( .cbietc der Selbständigmachung der Kirchen- gemeinden und ihrer Vermögensverwaltung und entsprachen einem längst gefühlten Bedürfnis.

Besonders am Herzen lag dem Minister das sogenannte Religions- Reversaliengesetz vom 28. März 1898, dem er seine besondere Sorgfalt und angestrengte Tätigkeit in allen Stadien der kirchlichen und staatlichen Gesetz- gebungsarbeit widmete, bis es bei den weitauseinandergehenden kirchlichen und politischen Meinungsverschiedenheiten gelang, eine Fassung zum Beschluß ztt erheben, die im Fall des Aussterbens der evangelischen Linie des Königs- hauses der evangelischen Kirche eine in sich abgeschlossene und ihre Unab- hängigkeit sicher stellende Verfassung garantieren soll und, wie man hoffen darf, auch gewähren wird, trotzdem es nicht gelang, dem Vorschlag der Regierung entsprechend, die in Art. 1 des kirchlichen Gesetzes bestimmte Berufung von zwei evangelischen ordentlichen Mitgliedern des Geheimen Rats, insbesondere der evangelischen Staatsminister, in die evangelische Kirchen- regierung durch das Staatsgesetz mit der Maßgabe zur Anerkennung zu bringen, daß die Genannten zur Übernahme der kirchlichen Funktionen auch staats- gesetzlich verpflichtet worden wären.

Von erheblicher politischer Bedeutung war auch die Stellungnahme S.s zur Frage der Männerorden und der Schulforderungen des Zentrums. t887 und 1891 waren vom bischöflichen Ordinariat Ansinnen um Zulassung von Männer- orden an die Regierung gestellt worden. Am t8. April t89i hatte S. eine Abordnung von katholischer Seite in dieser Frage zu empfangen und konnte getreu seinem Standpunkt, den er bei dem Gesetz von r86z eingenommen hatte, daraufhinweisen, daß seit 1862, trotzdem keine Münncrorden im Lande bestehen, gleichwohl für die Befriedigung der Bedürfnisse der katholischen Kirche alle Sorgfalt von Seite des Staats getragen und der konfessionelle Friede gewahrt worden sei. Ein gleicher Bescheid erging auf Grund ein-

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Sarwey.

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gehender Beratung im Staatsministcrium im April i8q2. Erneut kam die Frage zur Behandlung in Verbindung mit den sogenannten »Initiativanträgen« des Zentrums vom 5. April 1898 aus Anlaß des damaligen Versuchs einer Verfassungsrevision. Dem Bischof sollte danach das Recht zustehen, geist- liche Orden und Kongregationen im Lande einzuführen. Die Genehmigung der Staatsregierung zu einer Niederlassung derselben sollte bei Gemeinden mit überwiegend katholischer Bevölkerung nur wegen der Wahl eines ungeeigneten Ortes der Niederlassung oder wegen der Zahl der bereits vorhandenen Nieder- lassungen verweigert werden dürfen. Die Rechte des Bischofs in Beziehung auf die Leitung des katholischen Religionsunterrichts in den Volksschulen und sonstigen Unterrichtsanstalten sollten insbesondere hinsichtlich der Zulassung der ausschließlich von ihm zu ermächtigenden Personen zur Erteilung und Beaufsichtigung des katholischen Religionsunterrichts erweitert werden. Die Volksschulen sollten durch Verfassungsbestimmung zu Konfessionsschulen er- klärt werden, deren Lehrer der betreffenden Konfession anzugehören hätten, wie auch die Personen, die die Aufsicht über diese Lehrer ausüben. Der Gesetzesentwurf des Zentrums wurde von der Regierung als unannehmbar be- zeichnet und S. hatte, nachdem der Ministerpräsident Frhr. v. Mittnacht die Erklärung der Regierung abgegeben hatte, den ablehnenden Standpunkt der Regierung vor der Kammer zu vertreten. Zu der verlangten Vollmacht be- züglich des Religionsunterrichts und der Bestellung der Religionsichrer be- merkte S., es würde hierdurch der notwendige Grundsatz der einheitlichen Leitung der öffentlichen Unterrichtsanstalten in einer Weise durchbrochen, daß die Unterrichtsvcrwaltung bei dieser Durchbrechung ihre Pflichten gegen- über der Schule nicht erfüllen könnte. Bei der Erörterung der Männer- ordensfrage wies er darauf hin, daß die Anschauung, das kirchliche Recht stehe über oder wenigstens gleichberechtigt neben dem Staatsgesetz, einer vergangenen Zeit angehörc und unvereinbar sei mit den Grundprinzipien des modernen Staats, wie auch in allen Verfassungen sämtlicher modernen Staaten anerkannt sei, daß darüber, was innerkirchliche Angelegenheit ist, in welche sich der Staat nicht zu mischen hat, und was sogenannte gemischte Angelegenheit ist, deren Ordnung in letzter Instanz dem Staate zusteht, daß die Grenze zwischen der staatlichen und der kirchlichen Gewalt von der Staatsgesetzgcbung bestimmt werde. In einer Zeit, in der die konfessionellen tiegensätze schärfer als je zuvor sich gegenüberstehen, könne die Regierung die seit Jahrzehnten von ihr eingenommene Stellung nicht aufgeben.

Der Landesuniversität Tübingen wandte S. seine besondere Fürsorge zu; zahlreiche Neubauten hatte er vor den Ständen zu vertreten, 31 Berufungen waren in der Ministerzeit Sarweys zu vollziehen, zweimal die mit einem Sitz in der Abgeordnetenkammer verbundene Kanzlerstelle neu zu besetzen, wobei im zweiten Fall Meinungsverschiedenheiten innerhalb des Staatsministeriums zu überwinden waren, wie sich auch nachträglich politische Erörterungen konfessioneller Art in der Kammer der Abgeordneten daran anknüpften. Das Polytechnikum in Stuttgart wurde 1890 zur technischen Hochschule er- hoben, ebenso die Tierarzneischule zur tierärztlichen Hochschule; auch die Kunstschule erhielt den Charakter einer akademischen Lehranstalt.

Auf dem Gebiete des Volksschulwesens ist das Gesetz vom 13. Juni 1891 betr. Neuregelung der Ortsschulbehörden und das Gesetz vom 22. März 1895 betr. die allgemeine Fortbildungsschule hervorzuheben. Erwähnt mag hier werden der von der Kammer der Sundesherrn vereitelte Versuch, die Uber-

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Sarwey. Amelunxen.

tragung der Ortsschulaufsicht in größeren Städten an Schulaufseher, die die Betähigung zu einem Kirchenamt nicht besitzen, gesetzlich zuzulassen, ein kleiner praktisch fast notwendig gewordener Anfang der Loslösung der Volks- schulaufsicht vom geistlichen Amte wenigstens in den größeren Städten, in denen die Ortsschulaufsicht teilweise bis dahin schon im Hauptamt, nicht im kirchlichen Nebenamt versehen wurde. Das letzte größere gesetz- geberische Werk, an dem S. leitend mitzuwirken hatte, sind die Gesetze des Jahres 189g, die eine Verbesserung der Lage der Geistlichen, der Lehrer an den Gelehrten- und Realschulen und der Volksschulen herbeizuführen bestimmt waren.

Noch ist die sehr umfassende literarische Tätigkeit Sarweys mit einigen Worten hervorzuheben ; Hand in Hand gehend mit seiner politischen Tätigkeit hat sie Sarweys Namen weit über die Grenzen Württembergs hinaus bekannt gemacht. In der Zeitschrift für Kirchenrecht von Dove schrieb er einst eine längere Abhandlung über »die rechtliche Natur der Konkordate«, in welcher er seinen oben schon berührten Standpunkt, daß vertragsmäßige Rechte aus Konkordaten nicht erworben werden, ins einzelne darlegte. Zahlreiche Abhandlungen Sarweys finden sich in dem von ihm mit Senatspräsident v. Kübel heraus- gegebenen württ. Archiv für Recht und Rechtsverwaltung, so über »Kirchen- gemeinde und kirchliche Baulast der Paroch innen«, über »Administrativjustiz in Württemberg«, die »Lehre von der Zwangsenteignung« u. a. mehr. 1877 erschien von S. ein Kommentar zur Reichszivilprozeßordnung, sein Kommentar zur Reichskonkursordnung ist in wiederholten Auflagen ausgegeben worden. Grundlegend und begriffsgestaltend war sein 1880 erschienenes Werk »Das öffentliche Recht und die Verwaltungsrechtspflege«, das die höchste Aner- kennung aller Berufenen fand. Ein kurz gefaßtes »Allgemeines Verwaltungs- recht« für Marquardsens Handbuch des öffentlichen Rechts behandelte den- selben Gegenstand. Für Württemberg von wesentlicher Bedeutung und be- sonders geschätzt, weil die früheren Bearbeitungen teils überholt, teils nicht umfassend angelegt waren, ist das 1883 erschienene »Staatsrecht des König- reichs Württemberg«, zu dessen Bearbeitung Sarwey durch seine politische Tätigkeit wie literarische Befähigung besonders berufen erschien. Das Werk in einer zweiten Auflage zu bearbeiten, hatte S. sich wohl für den Ruhestand Vorbehalten.

Es war ihm nicht beschieden, desselben sich erfreuen zu dürfen. Am Vormittag des 1. April 1900, nachdem er noch mehrere Stunden sich in seinem Amtszimmer dienstlichen Arbeiten gewidmet hatte, ist Sarwey, ohne eigentlich krank gewesen zu sein, einem plötzlich auftretenden Herzschlag erlegen. Sein Leben war reich an Mühe und Arbeit in unermüdlicher Tätigkeit und Pflicht- erfüllung im Dienste des Staats und der Wissenschaft.

Quellen: Oie Nekrologe im »Schwäbischen Merkur« 1900 2. April, Nr. 153, 1901

30. März und 3. April, Nr. 151 und 138. Golthcr, Der Staat und die kathol. Kirche in Württemberg 1874. Sarwey, Das Staatsrecht des Königreichs Württemberg 1883. Ver- handlungen der Württ. Kammer der Abgeordneten 1898 VII. Band.

Dr. Karl Elben.

' Amelunxen, August, Frhr. von, Generalleutnant z. D., *11. Oktober 1828 zu Koblenz, f 14. Dezember 1900 auf Burg Weckelshcim im Kreise Warburg. Aus dem Kadettenkorps trat der Verstorbene am 2. Mai 1846 in das 15. Infan- terieregiment über, wurde 1848 zum Sekondleutnant und 1858 zum Premier-

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Amelunxen. Groeben.

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leutnant befördert, nachdem er im Jahre 1849 den Feldzug in Schleswig- Holstein und Jütland gegen die Dänen mitgemacht und von 1852 bis 1857 als Regimentsadjutant fungiert hatte. 1859 als Adjutant zum mobilen General- kommando des VII. Armeekorps kommandiert, erhielt A. 1860 das Haupt- mannspatent und rückte mit seiner Kompagnie (i.des 15. Infanterie-Regiments) zum zweitenmale gegen die Dänen ins Feld, wo er sich im Gefecht bei Rackebüll in der Nähe der Düppeler Schanzen am 17. März 1864 rühmlichst hervortat. Den Feldzug von 1866 machte er bei der Mainarmee mit; hier hatte er bei Kissingen das Glück, mit einem von ihm befehligten Halbbataillon seines Regiments ein bayerisches Geschütz zu nehmen. Im Oktober 1866 zum Füsilierregiment No. 39 in Düsseldorf versetzt, wurde er gleichzeitig zunächst als Adjutant zum Generalkommando des VII. Armeekorps, alsdann ein Jahr darauf zum Major befördert, zu demjenigen des I. Armeekorps kommandiert und in den Großen Generalstab eingereiht. In dieser Stellung zog er auch 1870 ins Feld gegen Frankreich, wurde 1871 Chef des Generalstabes des II. Armeekorps und in demselben Monat als solcher wieder zum I. Armeekorps versetzt. 1872 zum Oberstleutnant aufgerückt und zum Chef des General- stabes des IV. Armeekorps ernannt, erhielt A. 1874 das Oberstpatent und 1877 das Kommando des 8. Ostpreußischen Infanterieregiments No. 45, das er bis 1880 behielt, in welchem Jahre er als Generalmajor an die Spitze der 59. Infanterie-Brigade in Metz trat, ein Kommando, das er 1883 mit dem der 42. Infanterie-Brigade in Frankfurt a. M. vertauschte. 1885 mit dem Titel Generalleutnant ausgezeichnet Kommandant dieser Stadt, wurde er 1886 unter Verleihung eines Patents seines Dienstgrades, Kommandant von Stettin bis zu seiner im August jenes Jahres erfolgten Verabschiedung.

Nach den Akten. Lorenzen.

Groeben, Günther Graf von der, Generalleutnant z. D., * 11. Juni 1832 zu Berlin, f 28. Februar 1900 zu Berlin.

Der Graf diente vom 1. Oktober 1852 ab als F.injährig-Freiwilliger beim Garde-Husaren-Regiment und trat, nach einem Jahre zur Reserve entlassen, als Offizieraspirant in das Regiment zurück, in dem er 1854 das Leutnants- patent erhielt. Nach dem Besuch der damaligen Allgemeinen Kriegsschule, jetzigen Kriegsakademie, wurde er 1862 Premierleutnant und als solcher zur topographischen Abteilung des Großen Generalstabes kommandiert. Im Feld- zuge 1866 stand er, mittlerweile zum Rittmeister aufgerückt, an der Spitze der 4. Schwadron des Garde-Husaren-Regiments, wo er sich in der Schlacht von Königgrätz bei einer Attacke auf österreichische Infanterie besonders her- vortat. Auch im Kriege von 1870/71 nahm G. mit seiner Schwadron an den Schlachten bei St. Privat und Sedan, der Einschließung von Paris und an dem Feldzuge im Norden und Nordwesten Frankreichs teil, der ihm das Eiserne Kreuz 2. und 1. Klasse eintrug. Vor Paris gelang dem Grafen ein besonders wichtiger Fang. Auf einem dienstlichen Ritte bemerkte er zwei Luftballons, die von Paris aus in nördlicher Richtung auf Montmorency fortzogen. Preußischer* scits wurde mehrfach auf sie geschossen und da sich der größere mehrfach senkte, so folgte Graf v. der G. mit einigen Husaren in scharfem Ritt bis Balloy, wo der Ballon, in dem sich Menschen befanden, an Baumkronen hängen zu bleiben drohte. Ein Packet fiel zur Erde, worauf sich der Ballon wieder erhob und bald den Augen der Preußen entschwand. Das Packet ent- hielt Briefe und den mikroskopisch-photographischen Abdruck einer Nummer

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Grocben. Dürr. Ille.

der Pariser Zeitung *I,e Gauloist. Ein Brief war mit der Nachschrift ver- sehen, daß Gambetta mit dem Ballon Paris verlasse. Jener war auch in der Tat einer der Luftschiffer gewesen, denn einige Tage später erschien die Be- schreibung seiner Luftreise, die glücklich im Walde von Montdidier um 2 Uhr nachmittags ihr Ende erreicht hatte, in der Zeitung *L' Echo du Nord«. Im weiteren erwarb sich der Verstorbene ein großes Verdienst durch die Sprengung einer für die französische Nordarmee äußerst wuchtigen Eisenbahnbrücke zwischen Cambrai und Bouchin, die er mit seiner Schwadron unter den schwierigsten Verhältnissen am 3 1. Dezember 1870 ausführte, wobei cri3 deutsche Meilen innerhalb 14'^ Stunden zurücklegte.

Nach dem Feldzuge vom Dezember 1871 ab als Major und Adjutant dem Generalstabe des V. Armeekorps zugeteilt, kam v. d. G. 187 z in das Ost- preußische Kürassierregiment No. 3, wurde im September 1877 Kommandeur des 2. Westfälischen Husarenregiments Nr. 11, das er ein Jahr lang geführt hatte, 187 8 Oberstleutnant, 1882 Oberst und 1885 Kommandeur der 20. Kavallerie- Brigade. 1888 zum Generalmajor befördert, nahm er im März des folgenden Jahres, in welchem ihm auch der Charakter als Generalleutnant verliehen wurde, seinen Abschied.

Nach der »Militär-Zeitung«. Lorenzen.

Dürr, Wilhelm, Maler, 1857 zu Freiburg im Breisgau, f 23. Februar 1900 zu München. Erhielt als der Sohn des gleichnamigen Historien- und Hofmalers (* 9. Mai 1815 zu Villingen im Schwarzwald, f 7. Juni 1890 zu München) eine sehr gute Erziehung durch seinen Vater und an der Münchener Akademie, so daß der reich vererbte Jüngling gewissermaßen in die Kunst hineinwuchs. In seinem Schaffen debütierte D. mit guten Porträts und keck aufgefaßten und in vielversprechender Technik gemalten Stili-Leben, W’ildpret- tmd Gemtisehändlerinnen (Berliner Ausstellung 18S6). Darauf erfolgte ein mit altitalischer Naivetät gemaltes »Engelständchen«, worauf drei niedliche Himmelsboten dem in den Armen seiner Mutter schlummernden kleinen Christ auf ihren altertümlichen Instrumenten Vorspielen (»Kunst für Alle« 1890, V, 234). Dasselbe Thema wiederholte D. mit einer »heiligen Cacilia« (ebendas. S. 308), wobei der liebenswürdige Gedanke jedoch unter einer kühlen Ausführung litt. Kurz vorher wurde D. Ehrenmitglied und Professor an der Malschulc der Münchener Akademie. Die Schaffenskraft des reichveranlagten Künstlers hemmte ein tückisches Leiden, welches ihn nur äußerst selten mit vollendeten Wrerken an die Öffentlichkeit treten ließ. So war es ihm nicht vergönnt, <lie vielversprechenden Hoffnungen zu erfüllen. Bei der feierlichen Beerdigung ehrten ihn Direktor von Miller, Fritz von Uhde, F. von Lenbach und andere durch Reden und Kranzspenden. D.s Nachlaß erschien auf der Frühjahrs- ausstellung der Sezession, darunter eine »Vogelpredigt des heiligen Franz«, eine »Flucht nach Ägypten«, eine »Muse (Musik) mit Nymphen«, der »Gang nach Emmaus«, eine »Mater dolorosa«, eine »Heimkehr vom Bacchusfest», ein »Frühlingsreigen«, »Verlorner Sohn«, allerlei Entwürfe für Titelblätter der »Jugend« u. s. w.

Vgl. »Kunst für Alle« 1900, XV. Bd. S. 306 und Fr. von Bötticher, »Malerwerke« 1895, I. Bd. S. 244. Hyac. Holland.

Ille, Eduard, Maler und Dichter, * 17. Mai 1823 zu München, f 17. De- zember 1900 ebendaselbst, wendete sich nach Vollendung seiner Studien an

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Ille.

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Lateinschule und Gymnasium zur Ausbildung seiner künstlerischen Anlagen an die Akademie und genoß daselbst die Unterweisung von Julius Schnorr von Carolsfeld, unter dessen Leitung er einige Altarbilder und 1’ortriits malte. Mit Schnorrs Berufung nach Dresden trat 1. in Moriz von Schwinds Atelier, welcher 1847 seine Münchener akademische Tätigkeit erüffnete. I. zählte zu dessen ersten und treuesten Schülern; zeitlebens hielt er in unverbrüchlicher Begeisterung an diesem Meister, der es übrigens seinen Scholaren gar nicht leicht machte bei ihm auszuhalten. Ebenso des Wortes, wie der Feder und des Zeichnungsstiftes mächtig, schloß sich I. an den damaligen Münchener Dichterkreis, verfaßte lyrische und epische Gedichte, darunter einen »Faust«, und betätigte mit Schauspielen (»Kaiser Joseph II.« und »Mozarts Tod«) eine etwas empfindsame Art. Auch lieferte er lange Jahre eine große Anzahl von Illustrationen zu Eduard Schleichs »Punsch«, einem damals weitverbreiteten humoristischen Wochenblatt. In das ihm ganz zusagende Fahrwasser geriet I. jedoch, als er mit der Verlagsbuchhandlung »Braun und Schneider« in Berührung trat und sowohl für die »Fliegenden Blätter« wie für die »Münchener Bilderbogen« eine ganz außerordentliche Tätigkeit entfaltete. Seine proteus- artige Fähigkeit, sich in die künstlerische Wiedergabe der verschiedenartigsten Charaktere zu finden, sein nie ruhender Humor und die harmlose Gutmütigkeit seiner Laune gestaltete sich zu Schilderungen, die insbesondere in Märchen, illustrierten Redensarten, in »Affen- und Hundekomödien« und eigentümlichen, mit großer Virtuosität geschaffenen Tierbildern sich hervortaten. Seine ethno- graphische Auffassung der »Minnelieder verschiedener Nationen«, die satirische Imitation berühmter Maler, welche bei einer angeblichen Preisbewerbung ein und dasselbe Thema, jeder in seiner Manier, bearbeiten, noch mehr die ori- ginellen Kompositionen der »Vier Temperamente« (in Photographie bei Jos. Albert), der »Sieben Todsünden« (in Holzschnitten von Allgaier u. Siegle, Stuttgart 1861 bei J. Engelhorn, 2. Ausgabe, München bei Gypen) und andere in cyklischer Form bearbeiteten Probleme begründeten in achtungswerter Weise seinen guten Namen, welcher sich durch die im Aufträge König Ludwig II. ausgeführten großen Aquarelle weiter steigerte. In einer den jeweiligen Stoffen und Zeiten streng architektonisch angepaßten Umrahmung brachte I. zur Dar- stellung in einem auch von M. von Schwind beliebten, fortlaufenden höchst anziehenden Nebeneinander der bildlichen Erzählung: die Sage vom »Tann- hauser«, »Lohengrin«, »Parsival« und die »Nibelungen«-Mythe, ebenso aber auch das Zeitalter des Hans Sachs, des dreißigjährigen Krieges und des Prinz F.ugenius, desgleichen die »Alter der Welt« (für Herzog Dr. Karl Theodor), ein Bild aus den Befreiungskriegen nebst der »Wacht am Rhein« (sämtlich photographiert in verschiedenem Format bei Jos. Albert). König I.udwig II, verlieh dem Künstler den akademischen Professortitel und den Michaels- Orden. Auch die Märchen Undine, Rotkäppchen, Dornröschen, Froschkönig und der »Trompeter« seines Freundes Jos. V. von Scheffel gelangten in sorg- tältiger Aquarellausflihrung zu origineller Gestaltung. Doch litt die Zeichnung meist unter einer eckigen Schärfe, und das Kolorit war teilweise hart und schwer; im Totaleindruck überwog eine gewisse charakteristische Unruhe, mit welcher der KUnsder überhaupt belastet war, die jedoch bisweilen seinen humoristischen Schöpfungen trefflich zu statten kam. Dazu gehören seine »Beweglichen Bilderbücher« mit ziehbaren Figuren, die Hanswurstiaden und »Staberls Reiseabenteuer«,, die ergötzlichen Bilderwitze zu Edwin Bormanns Dichtungen in sächsischer Mundart, zu Fr. Th. Vischers »Schwarten«- und

Btogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 5. Hd. 4

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anderen 'Biedermaiereietn . zur 'Geschieht« der Möpse-. und dergleichen. Genannt zu werden verdient am h das urkomische Titelhlatt zur tausendsten Nummer der Fliegenden Blatter, und andere Schöpfungen, wozu sich sein etwas knuffiger Stil und Vortrag ganz vorzüglich eignete. Auch dichtete er für gesellige Kreise einige I.ust- und Singspiele und das Textbuch zu der hochromantischen historischen 0[>er M. Nagillers Friedei mit der leeren Titschet , wozu I. zu der Innsbrucker Inszenierung sämtliche Kostüme zeichnete. Durch zwei Dezennien lieferte er die Festspiele zum Münchener 'Armen -Ball« und stellte Lebende Bilder u. s. w. bei F'cstlichkeiten zu gemeinnützigen Veranstaltungen. Seine Tätigkeit blieb erstaunlich und un- ermüdlich; zahllose Albumblatter entquollen seiner unversieglichen Phantasie und seiner immer bereitwilligen, nie versagenden Hand. Seit 1864 be- kleidete er die Stelle als ständiger Redaktions-Beirat im Generalstab* der »Fliegenden Blättert, welchem die kritische Prüfung und Auswahl des täglich einlaufenden, kaum zu bewältigendem Materials obliegt. Ein sehr schönes Projekt, zwölf unserer mittelhochdeutschen Minnesinger in einzelnen Figuren auf Neu -Schwanstein darzustellen, wozu I. in miniaturmäßiger Ausführung die Entwürfe lieferte, blieb leider unausgeführt. Dagegen erhielt unser Maler acht Bilder zu den Liedern ries Walther von der Vogelweide bestellt, welche nach Ls sorgiältigen und charakteristischen Ent- würfen durch Freihemi von Pcchmann in Tempera die Wände eines kleinen Saales auf dem königlichen Schwanenschlosse zieren. In jungen Jahren ein vielgcquälter Asthmatiker, suchte I. in der Alpenluft des Bades Kreut Hilfe und Heilung und hatte in wiederkehrenden Sommerfrischen sichere Genesung gefunden. In dankbarer Erinnerung entstand das heitere, oft wiederholte und photographisch reproduzierte Bild mit den »Zwölf Tagstunden* in diesem Wildbad. Bei jedem Anlaß betätigte sich Eduard Ille mit Fest- und Zeit- bildern, mit Diplomen, Adressen, Hukligungsblattem, darunter auch ein großes Aquarell für ’das goldene Buch* der Stadt München. Seinen sielen F'reunden, darunter Jos. Victor von Scheffel, blieb I. immer in unvergänglicher Treue zugetan, insbesondere der fröhlichen Gesellschaft •> Härbnic- , welche einen Schatz von farbigen Skizzen und Karikaturen verwahrt, darunter seine in originellster Form illustrierte Autobiographie. Er war nach dem Ableben seiner unsäglich verehrten Mutter vder Vater, ein kleiner Beamter, war früh- zeitig gestorben’1 zweimal in den Stand der Ehe getreten, zuerst mit einer Baronesse von Riederer, dann mit der ihm als Jugendschriftstellerin und durch eigene Illustrationen so vielfach gleichgestimmten Maria von Beeg, einer F.nkelin ries als Gründer des Germanischen Museum berühmten edlen Frei- herrn von Aufseß. Sie bildete die Sonne seines Alters, welches noch auf w ie Jahre Anwartschaft zu haben schien, bis er unerwartet den raschen Folgen eines Schlaganfalls erlag. Sein höchst mannigfaltiger Nachlaß wurde im Februar 1901 durch das Auktionshaus Mößel ausgeboten.

Vgl. M. Greif: Klaus Groth und Eduard Ille als Lyriker in Nr. 16 -Aligem. Öster- reich. Lit.-Ztg.* 10. Oktober 1S85. »Ein lustiger Jubilar* zum 50. Geburtstage des Verlags der »Lustigen Blätter* in »Vom Fels zum Meer« 1S93 4. XIII. Jahrgang. 5. Heft. S. 209 216. Luise von Kobell: Ludwig II. 1898 S 298fr. Fr. v. Bötticher: Malerwerke. 1S95. I. 617. Nekrologe in »Allg. Ztg.e 19. Uzbr. 1900 u. ebendas. Nr. 351. Münchener »Kunstvereins- Bericht* für 1 900. S. 72tf. »Kunst für Alle* 13. Februar 1901. S. 200. »Jubiiäums-Jaitrbuch des Scheffel-Bundes« 1900 S. 164 68 (mit I’ortr.).

Hyac. Holland.

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Schrott.

Si

Schrott, Johannes, Dichter, Literatur- und Kunsthistoriker, * 17. De- zember 1824 zu Asch bei Landsberg (Oberbayem), f 13. Juni 1900 in München. Seine Eltern, wenig bemittelte Landleute, welche Feldbau und Weberei be- trieben, bestimmten den durch geistige Veranlagung ausgezeichneten Knaben zum Studium. Er tat sich an Lateinschule und Gymnasium zu Augsburg unter den Besten hervor, wobei seine poetische Begabung bei verschiedenen Gelegenheiten hervortrat. So entstand, angeregt durch den Fund eines römischen Kapital, eine Trilogie »Athen, Augsburg, München«, worin er seine Begeisterung für dns durch König Ludwig I. angeregte Kunstleben zum Aus- druck brachte; gedruckt, ohne den Namen des Dichters, in dem von Reding von Biberegg herausgegebenen Taschenbuch »Aurora« (Freiburg 1854, S. 213fr.). Ebendaselbst befindet sich das sinnige, tiefempfundene »Sonettenbucln (S. 95 bis 121), welches nur durch Freundes Abschrift aus der gTausen Vernichtung aller Jugendarbeiten des Dichters gerettet, mit seiner mühevoll erlangten Er- laubnis unter dem Pseudonym »Theodoret Volker« zum Abdruck gelangte. Als Kandidat der Philosophie und Theologie erweiterte Sch., obwohl umdrängt von bitteren Sorgen und im steten Kampf um das tägliche Leben, den Kreis seines Wissens, oblag mit glühendem Eifer seiner Fachwissenschaft, aber auch dem weiten Gebiete der Kunst und Dichtung, insbesondere befreundete er sich mit Dante, Wolfram von Eschenbach und Walther von der Vogelweide. Unter seinen frühesten Gedichten hat Sch. sein literarhistorisches Glaubens- bekenntnis für Walther aufgestellt und später immer in neuer Fassung wiederholt:

Was lobt ihr uns den Tejer so vor Allen?

Was soll Petrarca uns, der Überfeine?

Ein andrer ist es, den ich lieb und meine Und besser hat mein Walther mir gefallen.

Der singt viel sUOer als die Nachtigallen Und ist der Taube gleich an Treu und Keine;

Ein Adler tiberfliegt er das Gemeine

Und hat fürs Schlechte scharfe Falkcnkrallcn.

Dies sind die Vögel die Herr Walther weidet!

Untadlich ist sein Lied wie seine Sporen.

Ihr hättet alle Welt um ihn beneidet

Und hättet ihn tum Liebling auserkoren,

Wär' er ein Fremder aber das verleidet Ihn euch, weil ihn ein deutsches Weib geboren I

An diesen gewaltigen Vorbildern schulte er gleichzeitig mit den alten Klassikern, auch an Goethes goldener Wahrheit, seine überraschende Sprach- gewandtheit und Phantasie. Mit den übrigen Neuesten stand er immer in guter Fühlung, insbesondere mit Rückert, dessen »I.iebesfrühling« er im eigenhändigen Korrekturexemplar des Dichters besaß ein autographes Unikum! Über vielen brennenden Fragen trat der weitblickende, von hohen Idealen getragene, mit schweren Problemen ringende Jüngling mit Hircher und Lamennais in Korrespondenz; letzterem widmete er bei dessen Ableben (1854) eine tiefempfundene Trauer-Ode. In seiner Studienzeit erschien Sch. selten in fröhlichen Studentenkreisen, oder nur um schnell wieder zu verschwinden; am liebsten verkehrte er mit seinem damals durch ein Bändchen »Gedichte« rasch auftauchenden Landsmann Leonhard Wohlmuth (* 1824, f 1889), der in einer kleinen Kneipe in der Barerstraße sein festes Standquartier hielt. Von einer »Gesellschaft« ließ sich der selbständige Sch. niemals binden. Unvergeß- lich bleibt mir seine hohe prächtige Jünglingsgestalt mit der von schwarzen

4*

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Schrott.

Locken umwallten Stirn und den feingeschnittenen, ernsten Zügen, wie derselbe in den von kaiserlichen Krwartongen durchwehten ersten Marztagen des Jahres 1848 in einen Bänderladen trat und bebend vor freudiger Krregung sich die damals schwnrz-roth-goldenc Trikolore zu einer Schleife zusammen- heften ließ. An den folgenden »Freikorps«, an deren Exerzitien und Paraden nahm er keinen Anteil, wenn er auch die »tapferen Gardisten« bei jeder Be- gegnung »leben« ließ; lieber saß er in seiner an der Adalbertstraße gelegenen ebenerdigen Stube, welche er warm genug hielt, um, im Bett vor der Kälte Schutz suchend, zu studieren, während sein wackerer Ofen keinen Stecken Holz benötigte und der geringe Feucrungsmaterialvorrat nach zwei Wintern noch unberührt prunkte. Am z6. Juni 1850 im Münchener Georgianum zum Priester geweiht, wurde Sch. zu Haunstetten, Lochhausen und bei St. Moriz in Augsburg in der Seelsorge als Kaplan verwendet, dann aber als Re- ligionslehrer an der Gewerbeschule daselbst angestellt, ln dieser Zeit ent- standen seine gedankentiefen »Poetischen Meditationen« (Augsburg 1858, in zweiter Auflage ebendaselbst 1900 mit biographischer Einleitung von C. Ettmayr ausgestattet), womit Sch. die Aufmerksamkeit des kurz vorher nach München berufenen Emanuel Geibel erregte, welcher den originell ver- anlagten jungen 1 tichter seinem königlichen Maeccn empfahl. Und König Max 11. gewährte dem mit I.ehrstunden überhäuften Poeten freiere Muse, in- dem er ihn am 14. Mai 1861 zum Kanonikus am kgl. Hofkollegiatstifte von St. Cajetan ernannte. Auch wurden ihm die sonntäglichen Ansprachen t>ei Gottesdiensten für die Edelknaben in der kgl. Pagcrie übertragen. Jeder dieser Vorträge war das Resultat mehrtägiger Kontemplation, die er dann wie einen schönen Wasserfall kunstreich und doch voll natürlicher Einfachheit herzerwärmend abfließen ließ; leider brachte er sie nie in Schrift; sie würden als ein schönes Beispiel neutestamentlicher Exegese gelten. Seit dem Tode des Vaters hatte der gute Sohn seiner Schwester und Mutter ein neues Heim bereitet; die Mutter war eine merkwürdige, gemütliche, treffliche Frau. Er hielt sie in hohen Ehren und hat in den »Bienen« ihr von zartester Empfindung und echter dankbarer Kindesliebe zeugendes »Relief« geschaffen. Im Jahre 1859 hatte Oskar von Redwitz unseren Sch. »entdeckt« und eine Auswahl seiner »Dichtungen« durch ein kurzes Vorwort bei Franz Kirch- heim in Mainz (1860) in die Öffentlichkeit eingeftihrt. In dieser kleinen Sammlung erschienen die »Zusätze zu Dantes göttlicher Komödie« in glänzenden Terzinen, die stolzen, formvollendeten Tetrameter auf Winfried, Fenelon, Savonarola und die wundersame Trauer-Ode auf Lamennais, die So- nette auf die größten Dichter und Künstler aller Zeiten und die »Walthcr- schen Strophen«, welche nicht allein die Form, sondern auch den Geist, die Grazie und den edlen Freimut des »Trautgesellen von der Vogelweide« zur Geltung brachten. Gleichsam als erweiterte Fortsetzung dieser hier ange- schlagenen Töne folgten 1868 die »Bienen« (Augsburg bei M. Huttier), in welchen der Dichter seine »Blumenbeute an Wachs und süßen Waben« nieder- legte, seine Exkursionen aus dem Gebiete der spekulativen Lyrik und Didaktik, wobei auch allerlei Epigrammatisches, Kritisches und Satirisches eingewoben wurde, da ja selbst die honigbereitenden Bienen einen Stachel tragen. (Vgl. Altenhofer in Beilage 329 »Aligem. Ztg.« vom 27. November 1867 und Rudolf von Gottschall in Nr. 45 der »Lpzr. Blätter für Lit. Unterhaltung« 1868.) Auch hier wieder die an Rückerts Gedankenwucht erinnernden So- nette, meisterlich modellierte Porträtbüsten und Dichterstatuetten; ein »Bilder-

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saal « für Raphael, Michel-Angelo, Dürer, Titian, Cornelius und Overbeck und die mit virtuoser Technik hart herausgemeißelten Charakterköpfe von Tapsten früherer Jahrhunderte. Daran reihen sich »Der neue Theognis«, eine nach eigenen Erfahrungen aufgebaute Fülle von autobiographischen Belehrungen an einen jungen Freund, eine Art »Winsbeke«, dann das vorgenannte »Relief der Mutter«, welches mit dem Kamposanto-Gärtlein von Gedichten auf frühe ge- schiedene Kinderseelen in rührender Schönheit wetteifert. Den Schluß bilden wieder Sprüche nach Walthers Reimsystemen, Kunstaphorismen und ein Sang auf »Raphaels Tod und Verklärung«. Überall wetteifern edle Gesinnung, ein hoher Wert der Auffassung mit der Schönheit des Ausdrucks in voll- endeter Formgebung. Gemeinsam mit Martin Schleich (* 1827, f 1881) übersetzte Sch. eine Auswahl von den zuerst wieder von Herder und seitdem immer mehr zu Ehren gebrachten Oden des Jakob Balde (* 1603, f 1668); sie erschienen mit den nötigen Erläuterungen unter dem Titel »Renaissance« (München 1870). Mit der ihm eigenen Sprachgewandtheit arbeitete Sch. an den oft recht schwerfälligen Formen des Originals. Ebenso bearbeitete Sch. die »Minnelieder des Herrn Hildebold von Schwangau« (Augsburg 1871) und die »Gedichte Oswalds von Wolkenstein« (Stuttgart 1886 bei Cotta), ein treffliches Handbuch mit historischer Einleitung und weiteren das Verständnis des »letzten Minnesängers« erläuternden Anmerkungen. Großen Anteil hatte Sch. mit Ignaz Zingerle und Tatrik Anzoletti an der sogenannten »Heimatfrage« Walthers, wodurch der berühmte Liedermund für Tirol vin- kuliert wurde. Bei der Inauguration der Gedächtnistafel auf dem »Vogel- weiderhofe« (nächst Waidbruck bei Klaußen) hielt Sch. die zündende Fest- rede; aus diesem Anlaß entstand seine schöne Schrift »Walther von der Vogelweide in seiner Bedeutung für die Gegenwart« (München 1875 bei M. Huttier). Für die »Allgemeine Zeitung« lieferte Sch. in drei De- zennien eine Reihe von sorglältig ausgearbeiteten Aufsätzen und Abhandlungen, in welchen er sein vielseitiges Wissen glänzend bewährte. Dazu gehörten z. B. außer den Artikeln über die vorgenannten Dichter, die Studien über die romanischen Kirchen zu Alt-Schongau und Ilmmünster, über die Basilika zu Altenstadt, über »Monumentale Kirchenmalerei«, Karl Wittes Dante-l’ber- setzung, Pilotys Bild mit den »klugen und törichten Jungfrauen«, über die Münchener Cornelius-Feier« und das »Jüngste Gericht« in der Ludwigskirche (1887); ebenso erläuterte Sch. Lionardos Abcndmahlbild nach neuen Gesichtspunkten und die sogenannte Madonna del Pesce« zu Frauen- chiemsee. Eine Studie über »Marc Aurel in Carnuntum und Vindobona«, ferner über die vielumstrittcne Lage des »Gunzenle« und die »Welfischen Pfingstfeste« daselbst, wozu Sch. das Terrain auf wiederholten Wanderungen durchstreifte, Uber Tischendorfs Forschungen und Copcrnikus, alle zeugen von seiner vielseitigen, unermüdlichen Tätigkeit, welche sich selbst auf Mineralogie und Numismatik erstreckte. In eingehendster Weise schilderte er »König Ludwig I. als Dichter« (1887), welchen Sch. überhaupt mit höchster Ver- ehrung in sein Herz geschlossen hatte; Sch.s Jugendleben war ja noch in einen Teil der kunstreichen Ära dieses Monarchen gefallen, wodurch er die blei- bende Anregung flir sein ganzes Leben empfangen hatte, so daß er in innig- ster Dankbarkeit daran ging, dem hoben Protektor der Kunst ein eigenes Denkmal in seiner Heimat zu errichten. Das nach Staudhamers Modell von Fr. von Miller gegossene Rcliefporträt (getragen von einem auf quadratischem Steinsockel ragenden Obelisk) stand bei Sch.s Tode beinahe vollendet, so

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Schrott, von Segesser.

daß es am 9. September 1900 in Seestall (bei Landsberg) feierlichst, frei- lich ohne den inzwischen verstorbenen Stifter, enthüllt werden konnte. Mit seinen buchstäblich vom Munde abgesparten Mitteln hatte Sch. einen kleinen Grundbesitz bei seiner Heimat erworben, wo er vielleicht nach Herkomers bei Landsberg errichteten »Mutterturmi-, ein festes, burgartiges Steingehäuse »EdentaU erbaute, wo er in weltabgeschiedener Verlassenheit einsiedlerisch hauste, seine Sammlungen an Büchern und Kunstwerken aufspeicherte und nicht allein seine jeweilige Sommerfrische, sondern sogar einmal einen harten Winter in schwerer Krankheit verbrachte. Dieses »hoc erat in votisi ä la Horatius war immer sein Wunsch: »Ein bescheidenes kleines Besitztum,

Gärten dazu, und nahe dabei der belebende Springquell, wäldchcnumkränzt«. Als nach dreißig Jahren Sch. unter Verleihung des Ehrenkreuzes aus dem Stiftskapitel schied, nachdem ihm ein Bcnefizium an der »Kreuzkirche, über- tragen worden war, schien sich der Spruch, daß das Alter die Wünsche der Jugend erfüllt, bewähren zu wollen. Aber das »otium cum dignitate« war nur von kurzer Dauer. Sch., welcher nach dem Tode der Mutter völlig ver- einsamte, ging jetzt ganz seine eigenen, weit von der gewöhnlichen Heerstraße liegenden Wege. Er hauste auch in seiner Stadtwohnung wie ein syrischer Säulensteher und steigerte diese in Kleidung, Kost und Lebensart beinahe troglodytenhafte Zurückgezogenheit ins L'nglaubliche, taute aber immer wieder auf, wenn die Wünschelrute der Freundschaft, das gegenseitige Ver- ständnis und Interesse für Kunst, Wissenschaft und die höchsten Fragen und Güter der Menschheit den rechten Punkt berührten. König Ludwig II., wel- cher die Huld seines Vaters auch auf unseren Dichter übertrug, hatte ihm 1872 eigenhändig die erste, den Namen des königlichen Stifters tragende »Medaille für Kunst und Wissenschaft* verliehen. Der Plan des Großherzogs von Weimar, unseren Sch. als Gast auf die Wartburg zu laden und für Weimar zu gewinnen, wäre gewiß nicht im Sinne des an München gewöhnten Poeten gewesen, scheint auch nie zu dessen Kunde gekommen zu sein. F'ine arg vernachlässigte und deshalb schließlich unheilbar gewordene Kehlkopf- krankheit endete sein Leben. Schs. Charakterkopf näherte sich in älteren Tagen auffällig an F'ranz Liszts Porträt, wenigstens nach dem in Westermanns »Monatsheften« Juli 1887) mitgeteilten Bildnisse des großen Virtuosen und Tondichters. Johannes Sch. war ein vom Leben hart gehämmerter Charakter, ein Mann von »echtem Schrot und Korn,, voll unergründlicher Tiefe, voll wahrer, nobler, feinster Empfindung, den man nehmen mußte mit allen seinen Eigenheiten und Absonderlichkeiten; ein großdenkender, edler, zartbesaiteter Dichter, der die Sprache meisterte wie Kückert und I’laten: ein geistvoller Kenner aller echten Kunst und Literatur. Eine Auswahl oder Sammlung seiner Arbeiten wäre wohl eine echte Freundespflicht.

Vgl. Nekrolog in Beilage 138 »Allgemeine Zeitung« 20. Juni 1900. Dr. Corbinian Ettmayrs Vorwort zur 2. Aufl. von Schrotts »Meditationen«, Augsburg 1900. Sepp: Ludwig Augustus, König von Bayern und das Zeitalter der Wiedergeburt der Künste. Regensburg 1903, S. 290 u. 699. Hyac. Holland.

Segcsscr, Heinrich Viktor von, Architekt und Oberst, * 17. August 1843 in Luzern, f 28. November 1900 auf Schloß St. Andreas bei Cham (Kt. Zug).

Heinrich Viktor von Segesser war der Sohn Heinrichs von Segesser von Luzern und der Johanna Sury von Solothurn. Beide Eltern zählten zur Aristokratie. Die Segesser von Brunegg sind ein patrizisches Geschlecht der

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Stadt Luzern, ebenso sind die Solothuroer von Sury von Adel. Von der Mutter, die in den strengen Formen der altfranzösischen Aristokratie erzogen worden, erbte der Sohn die ausgeprägt militärische Natur, aus dem Vater ging der Künstler hervor.

Das war überhaupt das Gepräge dieses Mannes, das Feingeistige, Künst- lerische, unter Fernhalten alles Handwerksmäßigen. In Luzern absolvierte S. das Gymnasium, im Schweiz. Freiburg den philosophischen Kurs. Man muß dies erwähnen, um es zu verstehen, wie der gereifte Mann in allem die auf gründlicher Unterlage aufgebaute universelle Bildung verriet. S. verlor sehr früh seine feinsinnige Mutter; wäre sie länger am Leben geblieben und hätte sic mitbestimmend einwirken können auf die Berufswahl des Sohnes, so wäre dieser wohl Berufsmilitär geworden und wahrscheinlich in die österreichische Armee oder Marine eingetreten. So aber wurde S., Familientraditionen folgend, Architekt. Ein gewandter Zeichner war er von jeher gewesen, und so finden wir den jungen Mann 1862 in München, sonderbarerweise nicht am Polytechnikum, sondern bei der Hochschule eingeschrieben. Er studierte denn nicht nur Architektur, sondern hörte bei Prof. Riehl Kunstgeschichte und was bei den heutigen Architekturbeflissenen wohl selten mehr vor- kommt — Logik bei Prof. Frohschammer. Sehr bald aber kam der Student ins Bureau; schon 1864 arbeitete er im Bureau seines Lehrers, Prof. Degen, des nachmaligen fürstl. Tum und Taxisschen Baurats in Regensburg.

Eine vortreffliche Schule machte der junge Architekt im Atelier des Architekts Vieille in Besancon durch; vom Volontär avancierte er sehr rasch zum Mitarbeiter seines Chefs, dessen Wahrspruch bezeichnenderweise lautete: Le dessin c'est la probite de l'art. Eine treue Freundschaft verband die beiden gleichgesinnten Männer, die für das Leben dauerte. In Besancon eignete sich S. auch jene elegante, französische Art des Zeichnens gn, welche seine Pläne immer vor anderen ausgezeichnet und ihnen etwas Künstlerisches verliehen hat.

Im Jahre 1860 wandte sich S. nach Paris, wo er als junger Architekt aus einer unerschöpflichen Fundgrube, besonders auch des Anschauungsunter- richts, schöpfen konnte. In Paris zeichnete er u. a. die Fassade des Grand Hotel National Luzern (sog. Louvrestil), welcher Palastbau heute noch eine der glänzendsten Partien des modernen Luzern bildet. In Paris bildete sich ferner eine dem Architekt und Künstler naheverwandte Vorliebe aus, die Freude am Alten und das Verständnis für dessen Restauration und Konservierung. Wenn S. in der Folgezeit einer der ersten Restaurateure geworden ist, so ver- dankt er das allerdings in erster Linie seinem stark entwickelten historischen Gefühle, seinem feinen Schönheitssinne und seinem ganzen, von künstlerischen Ideen durchzogenen Wesen; in zweiter Linie aber diesem Pariser Aufenthalte, der ihn erstmals auch auf die Schriften von Viollet-I.e-Duc aufmerksam machte.

In der Vaterstadt Luzern, wohin er anfangs der siebziger Jahre zurück- gekehrt war, gründete S. sofort ein Architekturbureau, das bald ein großes Renommee gewann. Schon in diese erste Zeit fallen eine Reihe monumentaler Bauten, so das Hotel Europa, das Knabenschulhaus auf der Musegg, verschiedene Kapellen- und Kirchenbauten. Im Jahre t88o ver- weilte er längere Zeit in Kleinrußland, wo er für Graf Schuwaloff ein neues Schloß baute. Aus jüngerer Zeit datiert der Bau des Kantonsschulgcbäudcs in Luzern, die gotische Kapelle auf Schloß Meggenhorn bei Luzern, ein

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von Segesser.

Monument, zu dessen reichster, stilreiner Ausgestaltung die Geldmittel auch nicht fehlten. I)abci hätten wir, um die Arbeiten alle zu nennen, eine große Anzahl Hotelbauten und mehrere Kirchenbauten zu erwähnen. Unter den letztem nimmt wohl den ersten Platz ein die nach St. Zeno Maggiore in Verona erbaute katholische Dreifaltigkeitskirche in Bern, tin hervorragend schöner romanischer Bau, der in den letzten Lebensjahren des Meisters (1892 bis 1898) gebaut wurde.

Ebenso hervorragend, wenn nicht sogar bedeutender denn als Architekt war S. als Restaurator; da war seine Autorität eine unbeneidete und unbestrittene. Seine vielen Restaurationen von Kirchen, Schlössern, Denkmälern treten uns entgegen als echte Werke ihrer Zeit; S. hat den ursprünglichen Stil jeweilen meisterhaft wieder hergestellt. Beispiele solch vortrefflicher Restaurationen sind u. a. die Schlachtkapelle Sempach, das Schlößchen a Pro in Seedorf bei Altdorf, das Schlößchen St. Andreas bei Cham, die Tellskapelle in der Hohlen Gasse bei Küßnacht, die Beinhauskapelle in Steinen (Kt. Schwyz), die Schachen* kapelle in Bürgeln (Uri) und viele größere Kirchen.

Es braucht nach dem Gesagten kaum noch hervorgehoben zu werden, daß S. ein eifriges und hervorragendes Mitglied der »Schweizerischen Gesell- schaft für Erhaltung historischer Kunstdenk malere war. Enge befreundet war er mit Prof. Salomon Vögcli f, Zeller- Werdmüller f, Prof. Rahn u. a.

Man würde jedoch dem Andenken des hervorragenden Mannes nur zum Teil gerecht werden, wollte man den Militär und Offizier außer acht lassen. Im Waffcnkleide offenbarte S. die besten seiner Tugenden: Große Herzensgüte vereint mit Energie, Liebenswürdigkeit und Leutseligkeit verbunden mit aristokratischer Vornehmheit. Da trat so recht der scharfe Geist des Mannes und in der ganzen Sinnesart der Edelmann entgegen. Für diesen Milizoffizier galten die Worte, die sein Eamiliengenosse Dr. Philipp Anton von Segesser s. Z. von Ludwig von Sonnenberg, dem Führer der katholischen Truppen im Sonderbundskrieg, geschrieben hat: »Er faßte den vaterländischen Wehrdienst als eine ernste Pflichterfüllung auf, und wie er von Offizieren und Soldaten bis in alle Details genaue Beobachtung der Dienstvorschriften ver- langte, so gab er ihnen hinwieder selbst das Beispiel der Einfachheit und Nüchternheit. Die glänzende Außenseite fremder Heere wollte er nicht in das vaterländische Wehrwesen verpflanzt wissen, eitle Ziererei war in seiner Umgebung verpönt, aber ebenso auch alles Bramarbasieren und alle Roheit. Ohne viele Worte wußte er auf den Geist der Truppen einen starken und nachhaltigen Einfluß auszuüben.«

Den höchsten Grad militärischer Ehren erlangte S. (seit 1879 Oberst- leutnant) im Jahre 1892, als ihn der schweizerische Bundesrat zum Ober- kommandierenden der Festungstruppen am Gotthard ernannte und ihm zu- gleich den Grad eines Oberstdivisionärs, den zweithöchsten Rang der Schweiz. Armee erteilte. Hier war S. nun in der Tat der ritterliche Kommandant, hoch geehrt und geachtet vom ersten seiner Offiziere wie vom letzten seiner Festungskanonierc. Gerade in solchen kleinen, enge gezogenen Verhältnissen, wo jedem einzelnen Kombattanten ein gesteigertes Maß von Verantwortlichkeit zugcteilt ist, bewähren sich nur Charaktere wie S. einer war, der nie eine Truppenabteilung oder eine Ausspähcrkolonne über einen Gletscher oder einen Grat vorrücken ließ, den er nicht selbst vorher passiert hatte und der alle Strapazen, die in diesen unwirtlichen Gegenden den Truppen zugemutet werden müssen (und diese Strapazen sind oft sehr groß) zuvor an der eigenen Aus-

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«lauer erprobte. Darum war S. auch der Abgott seines ganzen Kommandos, mit ihm wäre dieses hu» hstablich durchs Feuer gegangen. Einzig aus Pflicht- gefühl legte er 1899 den Degen nieder; die Krankheit, die ihm auch den frühen Tod brachte, machte sich bereits geltend und brach des Mannes Kraft.

Nach dem Gesagten ist über den Chaiakter des nach seinem Tode all- gemein schwer betrauerten Mannes wenig mehr anzufügen. Er war ein Edel- mann durch und durch, ein Aristokrat im unverfälschten Sinne des Wortes, der besten einer. H. v. S. schmückte vor allem ein mit Bescheidenheit und Treue geziertes Wohlwollen und eine Aufopferungsfähigkeit, die in erster l.inie nicht an sich, sondern an andere denkt. Aus dieser Grundstimmung der Seele und des Geistes ging hervor die große Leutseligkeit, die jedermann, der mit ihm in Berührung kam, anzog und fesselte, die Vorliebe, besonders Schwachen und Unglücklichen seine Hilfe zu spenden. Hören Sie eine einzige Episode! Es war 1871; S. war als junger Offizier zur Bewachung einer Ab- teilung der in St Urban internierten Bourbakitruppen kommandiert, welche besonders schwer unter Pocken und Typhus litt. Oft schlich er sich vom Essen weg oder ließ sich davon dispensieren, um zu diesen Kranken zu gehen, welche er allein und von ihren Wärtern verlassen glaubte. Da betete er mit den Sterbenden in ihrer Muttersprache und nahm ihre letzten Aufträge an die daheim Zurückgelassenen entgegen, dann half er das Grab bereiten und für «lie Erinnerung würdig schmücken. Güte und Wohlwollen dieses Mannes leuchteten auf dem Goldgründe echter Religiosität.

S. war verehelicht mit Margeritha Crivelli, einer feingebildeten Dame aus al ungesehenem I.uzeroer Hause. Der Ehe entsprang ein Sohn, Dr. jur. Hans von Segesser. Seine letzten Lebensjahre verbrachte Architekt S., schwer leidend, in dem Landtwingschen Fideikommißschlößchen St. Andreas bei Cham zu, in dessen altes Gemäuer er mit kunstsinniger Hand selbst eine so wohn- liche, kunstvoll gestimmte Heimatlichkeit hineingezaubert hat. Die letzten schweren Heimsuchungen ertrug er wie ein Soldat in der Schlacht, wie ein Held seine Todeswunden. »Das Leben hat mir I.eiden, aber auch mehr schönes gebracht als so vielen andern; nur hätte ich gehofft, noch so viel mehr hineinzubringen«, sagte er kurz vor seinem Tode, und eines seiner letzten Worte war: »Wenn der Feldherr ruft, darf man nicht murren.«

Seine sterblichen Reste wurden den 30. November 1900 unter großen Ehren seiner Vaterstadt, der Kantons- und der Schweiz. Bundesregierung zu Grabe getragen.

Quellen: Oberst!. F. Becker, Nekrolog der »Neuen Züricher Zeitung« 1900, Nr. 534. Kabn, »Anzeiger für Schweiz. Altertumskunde«, 1900, Nr. 4. M. Schnyder, Staatsschreiber, Neujahrsblatt der Kunstgescllschaft Luzern für 1901.

Luzern, Mai 1903. M. Schnyder, Redakteur.

Grofs, Ferdinand, Feuilletonist, * den 9. April 1849 in Wien, f eben- daselbft am zi. Dezember 1900. Groß widmete sich schon frühzeitig journa- listischer Tätigkeit und begann, kaum 16 jährig, unter Förderung des seiner Familie befreundeten Publizisten August Silberstein Artikel in verschiedenen Zeitungen zu veröffentlichen. Von seiner Familie für den Eisenbahndienst bestimmt, hielt er es darin nur ganz kurze Zeit aus und wußte durch rast- loses Studium die Lücken seiner akademischen Bildung auszufüllen. Die Mittel zum Leben und zur wissenschaftlichen Selbstcrziehung erwarb er sich durch Reporterarbeiten, besonders durch Gerichts- und Theaterberichte.

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Grofs.

Neunzehn Jahr alt, war er schon regelmäßiger Mitarbeiter hervorragender Wiener Blätter. In näheres Verhältnis kam er zu der damals sehr einfluß- reichen »Morgenposta, in deren Auftrag er auch nach Ägypten reiste, um der Eröffnung des Suez-Kanals beizuwohnen. Später wurde er in die Redaktion des Bester Journals berufen und kam während seines Pester Aufenthalts in freundschaftliche Beziehungen zu Liszt, Agay und anderen ungarischen Künstlern und Schriftstellern. Nach seiner Vermählung nahm er den Posten eines Redakteurs des Prager Tageblatts an, wurde dann 1879 Mitglied der Redaktion der Frankfurter Zeitung, deren Feuilleton er bis 1881 leitete. Nach Wien zuriiekgekehrt, gehörte er den Redaktionen der Wiener All- gemeinen Zeitung und später des Fremdcnblatts an, gab kurze Zeit hindurch eine Monatsschrift »Der Frauenfeind« heraus und war auch als Mitleiter der »Wiener Mode* tätig. Groß lenkte, nachdem er in seiner Heimat schon sehr beachtet worden war, die Aufmerksamkeit allgemeiner auf sich, als er im Jahre 1877 bei einer Konkurrenz für das beste Feuilleton den ersten Preis erhielt. »Literarische Zukunftsmusik « hat er sein damals eingereichtes Feuilleton betitelt, das auch heute noch sehr lesenswert ist und den Nagel auf den Kopf trifft. In satirischer Beleuchtung, aber mit entstein Untergrund führt er darin aus, wie das menschliche Aufnahmevermögen mit der riesigen Ausdehnung des Lesestoffs unmöglich in gleichem Maße zunehmen kann. FeuiUetonist haben wir Groß im Eingang genannt und dieses W'ort bildet den wesentlichsten Zug seiner literarischen Physiognomie. Seine Feuilletons bildeten eine ganz bestimmte Art dieser Literaturgattung. Sic sind wohl alle für den Tag geschrieben, aber viele darunter haben bleibenden Wert, weil sie sich durch reichen Gedankeninhalt auszeichnen und bei aller scheinbaren Leichtigkeit ihrer Entstehung ihrer Form nach Kunstwerke sind. Diese liebenswürdige, oft naive, oft schalkhafte Sprache, dieser prickelnde Humor verleihen den kleinen Skizzen und Plaudereien hohen Reiz und haben schon häufig zu dem Vergleich mit französischer Grazie Anlaß gegeben. Es war auch in der Tat ein den Franzosen ähnlicher Zug in seinem Wesen. Groß war mit vielen französischen Schriftstellern befreundet, am engsten mit Alphonse Daudet, den er in verschiedenen trefflichen Studien gewürdigt und über dessen Lettres de mon moulin er wohl mit das beste gesagt hat, was darüber geschrieben wurde; Groß hat viele seiner Feuilletons zu Sammlungen vereinigt, von denen hier nur einige genannt seien: »Kleine Münze* (1878', »Nichtig und flüchtig« (1880), »Mit dem Bleistift* (1881), »Blätter im Winde« (1884), »Aus meinem Wiener Winkel* (1884), »In Lachen und Lächeln* (1898). Und diese Feuilletons lesen sich noch Jahrzehnte nach ihrer Ent- stehung irisch und lebendig, einmal, weil Groß immer streng auf die Form geachtet und dann, weil er es verstanden hat, im Alltäglichen das Besondere, im Nichtigen und Flüchtigen das Wesentliche und Bleibende zu erkennen. Sein ganzes Leben lang hat Groß an seiner eigenen Weiterbildung gearbeitet und neben seinen leichten Plaudereien auch manche ernste literarische Studien veröffentlicht, die ein tiefes Eindringen in die fremde Individualität erkennen lassen. Wir nennen davon außer den schon erwähnten Essays über Daudet noch die über Zola, Castelar, Samuel Sniiles, Benjamin Disraeli, Francois Villon, Rabelais, Lessing, Kleist, Raimund, sowie die auf tüchtigen Arbeiten beruhende Studie »Goethes Werther in Frankreich«. Abgesehen von der letzteren, die selbständig erschien, sind die Essays besonders in den Samm- lungen »Aus der Bücherei* (1883) und Was die Bücherei erzählt* (1889)

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Grofs. Willomitzer.

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veröffentlicht. Erwähnt seien noch ein paar kleine hübsche Gedichtsammlungen von Groß: »I jeder aus dem Gebirge« (1885), »Momentbilder in Versen« (1804), sowie seine dramatischen Versuche »Der erste Brief«, »Die neuen Journalisten« und seine Übersetzungen französischer Stücke.

Groß war seit langer Zeit krank und hatte während der letzten Jahre seines Lebens qualvolle I.ciden durchzumachen. Solange er die Fedci noch in der vor Schmerz zitternden Hand halten konnte, verließ ihn die Arbeitslust nicht und gar manche seiner leicht und fröhlich anmutenden Plaudereien sind auf dem Siechenbette entstanden. Die Fähigkeit, die Gebrechen des Körpers durch geistige Kraft zu überwinden, dankte er dem Humor, zu dem er sich durchgerungen, dem tiefen Gemüt, das ihn beseelte, und der Fähigkeit, sich an Kleinem und Unscheinbarem zu erfreuen und zu erwärmen. In die Seele des Kindes wußte er mit Kennerblick einzudringen und dem Kinde sind manche seiner liebenswürdigsten Feuilletons gewidmet. Humor und Gemüt sind die Grundzüge seiner literarischen Physiognomie.

Nachrufe in sämtlichen größeren österreichischen und vielen anderen Blättern, besonders »Fremdenblatt« 22. Dezember 1900, »Pester Lloyds 15. Dezember, sodann Beilage zur »Allgemeinen Zeitung« 31. Dezember 1900.

Frankfurt a./M., den 1. Juni 1903. Sigmund Schott.

Willomitzer, Josef, * Bensen bei Tetschen 17. April 1 849, f Prag 3. Oktober 1900, einer der originellsten deutschen Humoristen, dessen zu früh abgeschlossenes I.eben eine Fülle literarischer Leistungen in sich faßt und der sich überdies als geist- und charaktervoller Publizist ein Denkmal in der politisch-nationalen Geschichte seiner deutschböhmischen Heimat gesetzt hat, erhielt die ersten entscheidenden Lebenseindrücke in F.ger, wohin er in frühen Kindheits- jahren gelangte, da sein Vater als Staatsanwalts-Substitut in diese Stadt ver- setzt wurde. Im sechsten Lebensjahre verlor er seinen Vater, einen Mann, der im Andenken seiner Freunde als ein liebenswerter und rechtlicher Cha- rakter fortlebte und nach dem frühen Tode des Familienhaüptes war es der schlichten, tüchtigen Mutter nicht leicht gemacht, die Hinterbliebenen drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, heranzuziehen und dabei mit einer kärglichen Pension das Auslangen zu finden. Ein gesunder Sinn für alles Wesentliche, ehrliche Frömmigkeit und ein gelassener Humor, der als mütter- liches Erbteil im Sohne die künstlerische Steigerung und Durchbildung er- fahren sollte, erleichterte ihr die Erfüllung dieser schweren Aufgabe. \V. hat an die Jugendjahre in F.ger, die er in keineswegs glänzenden Verhältnissen verlebte, immer mit Freuden gedacht und die Eindrücke dieser zweiten Vater- stadt, in der die stolzen Erinnerungen an reichsunmittelbarer Selbständigkeit und an große geschichtliche Ereignisse mit gemütlich kleinstädtischen Zu- ständen Hand in Hand gehen, sind vielfach in seinen Novellen und Skizzen nachweisbar. Manche seiner Geschichten spiegelt das halbländliche Getriebe Egcrs und die urwüchsige Volkstümlichkeit des Icgerlandes und erhält da- durch den Duft der Heimatkunst. Bis zur letzten Gymnasialklasse konnte W. den Studien obliegen; für den Universitätsbesuch lagen die äußeren Ver- hältnisse nicht günstig und so trat er, kaum dem Knabenalter entwachsen, in die Erwerbstätigkeit ein und wurde zunächst Gehilfe in der F’gcr-Franzens- bader Buchhandlung Gschihay, deren Besitzer zugleich Zeitungseigentümer war. Vielleicht haben W.s früh entwickelte literarische Neigungen ihn, da die Nötigung zu praktischer Tätigkeit so bald eintrat, gerade in diesen Beruf hin-

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WiUomiUer.

eingeführt. Sic her ist, daß der junge Buchhandlungsgehilfe die Gelegenheit zu selbständiger Fortbildung, die ihm eine größere Bücherei gab, nicht nur mit Eifer ergriff, sondern auch mit klarem Zielbewußtsein ausnutzte und seine I.ehrlitigsjahre zu wahren Bildungsjahren machte. Er studierte in den freien Stunden, die ihm der praktische Beruf übrig ließ, rastlos weiter und ließ alles Gute und Gediegene auf sich wirken; zu seinen Lieblingsbüchern in dieser Zeit erster Empfänglichkeit gehörten die Schwarzwälder Dorfgeschichten Berthold Auerbachs, deren er oft mit Dankbarkeit gedachte und die er zeitlebens hochhielt. Die Art, wie er seine Bildung unter schwierigen Verhältnissen organisch abschloß, ist bewundernswert; nie hat man ihm später eine Schatten- seite des Autodiktatcnwesens angemerkt; seine reichen Kentnisse waren durch- aus verläßlich, sein Denken klar und sein Stil zu krystallheller Reinheit durch- gebildet. Die Seele dieser Selbstschulung aber war eine natürliche Produktions- freudigkeit. Humor und Lust am Fabulieren regten sich früh in dem künstlerisch angelegten Geist und der blutjunge, schüchterne Buchhandlungs- gehilfe, der die Modedamen in der Franzensbader Leihbibliothek bediente, ersann schon die heitersten Schnurren und schalkhaftesten Satiren. Zugleich aber entwickelte sich bald eine stille, im besten Wortsinne stolze Selbstkritik, die mit den Jahren wuchs und die Leichtigkeit der Produktion niemals in Leichtfertigkeit ausarten ließ. Schon die ersten launigen Skizzen, die W., kaum dem Knabenalter entwachsen, in der von seinem Buchhandlungschef herausgegebenen Egerer Zeitung veröffentlichte, hatten ergiebige Einfalle und klare Durchbildung. Die Welt nahm damals wenig Notiz von diesen Talent- proben, und der minderjährige Humorist schrieb, wie er in der Vorrede zu seinen launigen Geschichten »Lauter Unika« später erzählte, nur für den einen »Abonnenten in Czernowitz«, der ihm das ganze große Publikum in der Ferne verkörperte. Dennoch waren diese Erstlinge seiner reichen Be- gabung entscheidend für die ganze künftige Laufbahn. Der verdienstvolle Redakteur der Prager Bohemia, Franz Klutschak, der mit W.s Vater befreundet gewesen war, berief den jugendlichen Mitarbeiter der Egerer Zeitung nach Prag und führte ihn nach strenger Methode, aber mit gütiger Fürsorge in die jour- nalistische Arbeit eines größeren Blattes ein. W. hat es dem etwas pedan- tisch angelegten, aber von Grund aus rechtschaffenen Manne niemals verübelt, daß er den Schützling alle Wasser- und Feuerproben des Reporterdienstes durchmachen ließ, um ihn erst dann zu höherer publizistischer Betätigung zu- zulassen. Im Gegenteil: er sprach immer mit Behagen von seiner ersten journalistischen Dienstzeit und mit Dankbarkeit von dem Manne, der in seinen Anforderungen an Pünktlichkeit und Korrektheit mitunter schrullenhaft, aber trotzdem von herzlichstem W'ohhvollen erfüllt war. Das Können W.s, der, kaum zwanzig Jahre alt, in den Verband der Bohemia eingetreten war, erwies sich denn auch bald so selbständig und eigenartig, daß es sich den rechten Platz eroberte. Als Klutschak sich gegen Ende der siebziger' Jahre von der unmittelbaren Leitung der Bohemia zurückzog, war W. der gegebene Mann, um in Gemeinschaft mit dem Chefredakteur Josef Walter die Zeitung zu leiten und nach dem Tode des letzteren (1889) wurde ihm die alleinige selbständige Führung der Bohemia anvertraut, in der er bis an seinen Tod (1900) ebenso viel geistige Kraft, als festen Charakter bestätigte. Unter seiner Leitung nahm die von altersher verläßliche und gewissenhafte Bohemia einen entschiedenen nationalen Charakter an, erweiterte und verjüngte sich in literarischer Beziehung und erhielt obendrein den ganz besonderen Reiz, der von

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einer bedeutenden Individualität des führenden Mannes ausgeht. In ganz unge- wöhnlicher Weise aber entwickelte sich in dem leitenden Journalisten zugleich der künstlerisch veranlagte Schriftsteller. Und zwar nicht, wie es in solchen Aus- nahrasfällen sonst vorkommt, in der Ablösung der einen Tätigkeit durch die andern, im Nebeneinander der rhetorisch journalistischen Leistung und der plastisch dichterischen Produktion, sondern in einer ganz merkwürdigen Ein- heit, die die Anregungen herüber und hinüber strömen und in politischen Zeitungsartikeln wie in köstlichen Humoresken denselben Geist und dieselbe Bild- kraft erkennen ließ. W.s I.eitaufsätze in der Hohemia waren vielfach in der satirischen Anlage und Durchführung so künstlerisch abgerundet, daß es ver- dienstvoll wäre, die besten von ihnen zum Buche zu sammeln; in seinen po- etisch-humoristischen Schriften aber, von denen wenigstens ein sehr großer Teil in Buchform vorliegt, weht uns der Hauch einer Persönlichkeit entgegen, die in den täglichen mannhaften Kämpfen mit Übermut und Dunkelmännerei, in der fortwährenden Beobachtung der Schwächen und Torheiten der Menschen Weitblick und Überlegenheit gewonnen hat, ohne darüber die Freude am Künstlerischen und eine im besten Wortsinne naive Liebenswürdigkeit des Wesens zu verlieren.

Das Entscheidende in W.s Begabung aber, das seinen Werken’ dauernden Wert und bleibende Wirkung verheißt, ist eine überaus erfindungsreiche und durchaus originelle vis comica, die mit allen Gegensätzen des Lebens auf das ergötzlichste spielt und dabei doch immer einen idealen Grundzug festhält. In dieser humoristischen Kraft vereinigt sich ein phantastischer Zug, der manchmal an das Groteske streift und an E. T. Hoffmann erinnert, mit einem ganz merkwürdigen Vermögen, das Scurrilste klar durchzubilden und zum be- friedigenden Ganzen abzurunden. Wenn in seinen Jugendarbeiten die reine Freude am Komischen überwiegt, so gesellt sich später in durchgearbeiteten Novellen, überaus charakteristischen Sittenschilderungen und fein zugespitzten Satiren eine ethische Reife hinzu, die, frei von aller Lehrhaftigkeit, durch den eigenen Charakter charakterbildend wirkt. Diese niemals durch Absichtlich- keit verstimmende innere Tendenz, die ganz von selbst durchschlägt, hat in- sofern einen ausgesprochen deutschösterreichischen Charakter, als durch alle Scherze, Kapriolen und satirischen Erfindungen die Vorliebe für die schlichte Tüchtigkeit hindurchdringt. Sie erhält aber ihre ganz besondere F'ärbung durch einen Kultus der Natürlichkeit, den man als den belebenden Puls der W.schen Satire bezeichnen könnte. In diesem echten Natürlichkeits- drange hat es W., obgleich ein Stilkünstler ersten Ranges, immer verschmäht, die Künsteleien der Hypermodernen, der Gedankenstrichprosa und der ge- sucht verblüffenden Wendungen mitzumachen. Sein Stil ist immer licht, ver- ständlich, einfach treffend und von einer holzschnittartigen Festigkeit des Strichs; andererseits ist er überaus modern in dem satirischen Kampfe gegen jede Art angenommenen Wesens, gegen Lüge und Selbsttäuschung, Affektation und Verstiegenheit, der sich durch eine große Zahl seiner prächtigen Humo- resken hindurchzieht.

W., der alle Taschen voll Talent hatte, war nie vom Krampfe des Ehr- geizes geplagt, vielmehr in der Art und Weise, wie er sich und die nächste Umgebung durch seine köstlichen Eintällc und die ausgereiften Früchte seines Talents vergnügte, ohne an die weitere Verwertung des Geschaffenen zu denken, der Typus genialer Sorglosigkeit. Erst im Jahre 1882 entschloß er sich, eine Reihe seiner Novellen und Skizzen, die zumeist in der Bohcmia und

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Willomiuer.

in den »Fliegenden Blättern« erschienen waren, unter dem Namen »Heitere Träume« herauszugeben. Die Wahl eines nicht eben günstigen Verlags (Glaser & Garte\ der sich bald nach der Herausgabe des Büchleins auflöste, hemmte den vollen äußeren Krfolg. Die Urteile der Berufenen lauteten freilich überaus zustimmend und kein Geringerer als Ludwig Anzengruber nannte in einem Briefe an den Schreiber dieser Zeilen das Büchlein »ein köstliches Ding, an dem er sich höchlich ergötzt habe«. Seither ist die Sammlung, um einige Stücke vermehrt zwei Jahre nach dem Tode des Dichters im Verlage der Berliner Concordia in neuer Auflage erschienen, um erst jetzt weiten Kreisen vollen Genuß zu bereiten. Die humoristischen Skizzen dieses Erst- lingsbuches, wie die Ulkgeschichte »Der Verein Humor«, die den mit Roheit versetzten kleinstädtischen Pseudohumor geißelt, wie das unwiderstehlich komische groteske Märchen »Der Zauberring«, der rührend gemütvolle Scherz »Herr Lilienstengel« und die die ehrgeizige Phantasterei sanft verspottende Geschichte »Knackwurst und Schweizerkäs« gehören zum Frischesten, das wir der humoristischen F'abulierkunst W.s verdanken. Zwischendurch hat der Ver- lag Concordia in vier Bänden: »Ins Blaue hinein« (1897), »Lauter Unica« (1898), »Das unheimliche Gebiß und Anderes« (1900) und in den nach dem Tode des Dichters erschienenen »Letzten Geschichten und Gedichten : (1901) einen großen Teil der W.schen Humoresken herausgegeben. Man findet da die Erzählung von der ausgesponnenen Novelle bis zur vielsagenden kurzen Skizze vertreten. In dem Bande »Ins Blaue hinein« hält der Ernst dem Scherze am stärksten das Gleichgewicht. In den Geschichten »Der schöne Flugo« und »In der Sturmnacht« verbirgt sich eine taciteische Strenge hinter den heiteren Schilderungen, und in der größten Novelle »Ein Schauspiel für Götter«, die ursprünglich in »Nord und Süd« erschienen wTar, ergibt sich eine merkwürdige Steigerung, indem die drastisch dargestellten Schwächen des Parvenütums durch die moralischen Defekte der angeblich vornehmen Kreise, die solche Kitelkeit ausbeulen, in der satirischen Wirkung noch Uberboten werden. In den Sammlungen »Lauter Unica« und »Das unheimliche Gebiß und Anderes« wechseln Geschichten von starkem komischem Reiz und köst- licher volkstümlicher F'ärbung mit ernsteren Sittengemälden ab. In der einen Richtung sind namentlich »Der schwarze F'isch«, »Wenn man bei offenem Fenster schläft«, »Das unheimliche Gebiß«, »Kratochwil der Briefträger«, in der andern »Schlaflose Nacht«, »Goldene Herzen« und »Der Ahnherr« hervorragend. In jeder Geschichte aber lebt sich ein kostbarer origineller Einfall aus. W. hat es immer verschmäht, im kleinen oder großen »mit Wasser zu kochen« und mit demjenigen, was »man im Handgelenke hat«, vor eine größere Öffentlichkeit zu treten. In dem Bande »Lauter Unica« war vereinzelt ein überaus ergötzliches Scherzgedicht »Die Benehmität bei Tische« enthalten. Es ist eines von den vielen prächtigen Reimspielen seines Humors. Seit jeher beherrschte W. die gebundene Form mit dem feinsten Geschmack für frappierende Klangwirkungen und wirksame Reimpointen, aber auch mit dem idealen Zuge der Empfindung, die nach der künstlerischen F'orm hindrängt. Ohne Ruhmesbedürfnis verstreute er diese Gedichte und Gedichtchen in Dar- bietungen für den Freundeskreis und in Flugblättern. Das in Deutschböhmen und darüber hinaus populär gewordene nationale Lied »Schielen und Schauen« war einem F'estblatte für den Prager Kaiser Josef Commers 1880 gewidmet. In seinen letzten Lebensjahren gab ihm seine Verbindung mit der Münchener »Jugend« die Anregung, öffentliche Ereignisse mit poetischen Glossen zu be-

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gleiten. Unter fünf Kamen, unter seinem eigenen, dann als »Willo-, -Jose- ph us., »Bohemund« und -Loki«. litß er Woche für Woche seine Stachel- verse in der Münchener Zeitschrift erscheinen; nicht selten sandte er die Scherz- gedichte auf telegraphische Bestellung der Münchener Redakteure, die auf die Schlagfertigkeit und die poetische Formensirherheit ihres l’rager Freundes rechnen durften. Ein Teil dieser Gedichte ist mit den letzten Humoresken W.s in dem Buche 'Letzte Gedichte und Geschichten« vereinigt, um deren Herausgabe sich Karl Emil Franzos wie um die der früheren Werke als lite- rarischer Beirat der Concordia verdient gemacht hat.

In den erwähnten fünf Banden ist W.s literarische Tätigkeit noch lange nicht erschöpft, auch nicht alles, was von den Früchten seines Talentes er- halten bleiben dürfte, aufgesammelt. Die Bildkraft seines Talentes betätigte sich noch vielfach in den verschiedensten Formen und in einer Fülle leicht und sicher erfaßter Motive. Als die Flut tschechischer Selbstüberhebung und slavischer Feindseligkeit gegen dxs Deutschtum am höchsten ging, schrieb er eine Satire »Allerneueste Königinhofer Handschrift«, eine Parodie der gefälschten altslavischen Manuskripte, die den Ton der nachgeahmten Reimchronik anschlug und dabei mit köstlicher Überlegenheit von den traurigen Heldentaten der slavischen Politiker berichtete. In der Ausstattung des Buches (Düsseldorf, Verlag von Felix Bagel, 1900) wurden nach seiner Anordnung die Formen der scheinalten Pergamente kopiert, und die von seiner Hand herrührenden drastischen Zeichnungen zu den überaus wirksamen Scherzgedichten bezeugten die Vielseitigkeit seiner künstlerischen Begabung. Ohne jemals regelrechten Zeichenunterricht genossen zu haben, warf er mit seinem unfehlbaren Sinn für das Komische die drolligsten Zerrbilder auf das Papier. Von einer Reihe urwüchsig heiterer, überaus witziger und dabei in der Cha- rakteristik treffender Schwänke, die er verlaßt hat, ist meines Wissens nur einer, das wirksame Lustspiel »Die Kritik der reinen Vernunft», auf die Bühne gekommen. Das Stückchen wurde zuerst im Wiener Stadttheater (188 1\ dann in Prag mit durchschlagendem Erfolge gegeben. Ein anderer, toll- lustiger Schwank von ihm, »Schrumm Eflfendi«, dann die Stückchen »In der Sylvestemacht« und »Sezession- wie der weitgediehene Entwurf seiner Komödie -Der Blumenstrauß« sind den Bühnen fremd geblieben und meines Wissens auch nicht gedruckt. Es lag ganz außer W.s Art, aus derartigen Produktionen, an denen sich sein heiterer Sinn vergnügte, in irgend einem Sinne Kapital zu schlagen. Auch verwarf er zu leicht in allzu strenger Selbstkritik das eben erst Hervorgebrachte. »Schrumm Kffendi« ließ er auf einer kleinen Privatbühne gelegentlich einmal auffuhren, die übrigen der zuletzt genannten dramatischen Scherze verschwanden in seinem Pult oder in dem eines Freundes, dem er das Manuskript geliehen hatte. Außer der »Kritik der reinen Ver- nunft* hatte nur noch ein köstliches Gelegenheitsstückchen »Gut Heil«, das er zum Jubiläum des Prager deutschen Turnvereins schrieb ein Scherz- und Festspiel, in dem urkräftiges Pathos und burschikose Laune einander gegen- seitig heben einen lauten, ja stürmischen Bühnenerfolg. Sehr bezeichnend für den Emst des Wesens, der der reichen humoristischen Wirksamkeit des Dichters zu Grunde liegt und für die bescheidene Gediegenheit des ganzen Mannes ist eine Schrift W.s, die scheinbar von seinen sonstigen Werken weit abliegt und doch wesentliche Züge mit ihnen gemein hat: eine in der Rothang- schen Jugendbibliothek (Verlag G. Frevtag) unter dem Namen: »Ein öster- reichischer Eskimo« (1884) erschienene Schilderung der Nordpolfuhrt, an der

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Willocnitier. Planck

Heinrich Klutschak, der Sohn seines erwähnten väterlichen Freundes, teil- genommen hatte. Im Einvernehmen mit dem tapferen jungen Forscher, mit dem er intim verkehrte, stellte er dessen Erlebnisse in volkstümlicher Form und mit einer epischen Bildkraft dar, die in jedem Striche den Künstler bezeugt. Diese Jugendschrift sollte auch als Volksschrift im weiteren Sinne Verbreitung finden.

An unzähligen Orten, in den Haasescben Kalendern, in weniger gekannten Zeitschriften, wie in dem längst nicht mehr bestehenden Prager Witzblatt »Hiddigeigei«, in dem von Heinrich Tewel es herausgegebenen »Prager Dichter- bucht, in Festzeitungen und in ungedruckten Widmungen an Freunde finden sich außerdem Gedichte und Novellen von W. verstreut, ganz zu schweigen von zahlreichen köstlichen Beiträgen für die »Bohemia« und fiir die »Jugend«, die in Buchform der Öffentlichkeit noch nicht übergeben worden sind. Die I.iteraturforscher und Herausgeber werden da noch eine reiche Nachlese halten können. Die Fülle ist groß, und alles, was von W.s Hand kam, trägt ein originelles Gepräge. Erst im letzten Lebensjahrzehnt kam dem Dichter die volle Anerkennung entgegen, nach der er nie gedürstet hatte und die doch sicht- lich anregend auf sein Schaffen wirkte. Auf der Höhe des Lebens und Schaffens erlag er einer tückischen Krankheit; der Tod entriß ihn dem glück- lichsten Familienleben, einer edlen Frau, der musikalisch hochbegabten Tochter des berühmten Bildhauers Emanucl Max von Wachstein, die ihn mit Fürsorge umhegte und deren feiner Sinn wohltuend auf sein Schaffen einwirkte, einem hoffnungsvollen Sohn und einem großen Kreis von Freunden, die sein Wesen liebten und sich an seinem Wirken erfreuten. Sein Talent und seine Schriften werden in der öffentlichen Anerkennung immer höher steigen; denn sie be- reiten wirklichen Genuß und entspringen einer eigenartigen humoristischen Gestaltungskraft, die in unserer Zeit in dem Maße seltener wird, in dem eine konventionelle satirische Tonart und die Kunst des Wortwitzes sich verbreiten.

Alfred Klaar.

Planck, Dr. Max (von), Schulmann, * 8. Juli 1822 zu Feuerbach bei Stuttgart, f 8. April 1900 zu Stuttgart. Der Sohn eines Pfarrers, wurde er im Seminar Schönthal und im evangelischen Stift zu Tübingen auf den theologischen Beruf vorbereitet und nahm, nachdem er die erste Dienst- prüfung erstanden hatte, einen Hofmeisterposten zu Stuttgart im Hause des Grafen Sontheim, württembergischen Kriegsministers, an. Jetzt reitte in ihm der Entschluß, sich ganz der klassischen Philologie zu widmen, und er erwarb sich den Doktorhut mit einer Dissertation über den Prometheus des Aischylos. Auf einer italienischen Reise 1847/8 empfing er unverlöschliche Eindrücke von der antiken Kultur. Nach der Rückkehr w'urde er Repetent am Seminar Urach und dann am Tübinger Stift. Im Umgang mit den philologischen Koryphäen der Universität bildete er sich vollends zum Philologen aus. Doch unterzog er sich noch der zweiten theologischen Dienstprüfung, der er die höhere philologische, das sog. Professoratsexamen, folgen ließ. Seine erste definitive Anstellung war das ihm 1S53 übertragene Rektorat der Latein- und Realschule Biberach. Hier schloß er einen mit 2 Töchtern gesegneten Ehe- bund mit Henriette Roßteuscher von Nürnberg, und das junge Paar fühlte sich in dem Still- und Kleinlehen der alten schwäbischen Reichsstadt höchst behaglich. Nur ungern zog es 1850 nach Lüm weiter, wo P. als Professor am Obergymnasium ein größerer Wirkungskreis erwartete. Vom öffentlichen

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Planck.

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I.eben hielt er sich auch hier möglichst fern; nur als 1877 das erste Münster- fest gefeiert wurde, nahm er an den Vorbereitungen, namentlich zum groß- artigen historischen Festzug, lebhaften Anteil.

Herbst 1878 fiel ihm das Rektorat des humanistischen Gymnasiums in der Landeshauptstadt zu, seit 1880 mit dem Titel eines Oberstudienrats. Als sich 1881 die Anstalt in zwei teilte, übernahm er auf besonderen Wunsch von Regierung und Stadtverwaltung die Leitung des neubegründeten städtischen Karlsgymnasiums.

Von allgemeinem Vertrauen und allgemeiner Verehrung getragen, waltete er anderthalb Jahrzehnte dieses verantwortungsreichen Amtes. 1'. war eine feine, harmonische Natur, in der sich Ernst und Würde mit Milde und Wohl- wollen glücklich paarte, ln dem mehr theoretisch als praktisch veranlagten Manne waltete ein starkes sittliches Bewußtsein und hoher idealer Schwung, llei gründlicher Wissenschaftlichkeit und umfassendem Wissen dünkte ihm doch an seinem Lehrberuf nichts zu klein, widmete er ihm auf jeder Stufe seines Wirkens die volle Kraft und Zeit. Nicht in der Mitteilung möglichst umfangreichen Lehrstoffs, vielmehr in der sittlichen Erziehung der Jugend erblickte er die Hauptaufgabe des Gymnasiums. Im Widerstreit der Meinungen über die Zukunft des höheren Schulwesens stand er fest zur Forderung voller humanistischen Bildung, ohne zeitgemäße Reformen ausschließen zu wollen. P. war das allgemein anerkannte Oberhaupt der humanistischen Philologie in Württemberg. Und als sich dieser Stand behufs Vertretung seiner Interessen zum württembergischen Gymnasiallehrerverein zusammentat, wurde P. zum ersten Vorstande gewählt.

Seine literarische Tätigkeit, die wenig umfangreich war, stand in je- weiligem Zusammenhang mit seiner Berufsarbeit. Als Stiftsrepetent hatte er die griechische Literatur und Altertumskunde zu seinem Spezialstudium gemacht. Während der Ulmer Zeit beschäftigte er sich namentlich mit Tacitus und der römischen Geschichte, über diese Gegenstände eine Reihe Programme sowie Abhandlungen in Zeitschriften und periodischen Druck- werken veröffentlichend. Als Stuttgarter Gymnasialrektor ließ er seine sorg- sam durchdachten und edel gehaltenen Schulreden in den Vordergrund treten, in denen er seine Anschauungen über Unterrichts- und Erziehungswesen niedergelegt, sich an den idealen Sinn der Jugend gewandt und den Eltern die hohe sittliche Aufgabe der Schule ans Herz gelegt hat. Aus Anlaß seines 70. Geburtstages vereinigte er diese Reden zu einem Bande (Stutt- gart 1892).

Noch war P.S ehrenvolle Laufbahn nicht beschlossen. 1895 wurde er als Direktor an die Spitze der K. Kultministerial-Abteilung für Gelehrten- und Realschulen berufen. Erst nach langem Sträuben und schweren inneren Kämpfen entschloß er sich, dem Drängen der maßgebenden Behörde nach- zugeben und ein in den Übergangszeiten, die das höhere Schulwesen durch- machte, doppelt schwieriges Amt zu übernehmen. Er war im Alter schon zu weit vorgerückt, um auf dem neuen Gebiete noch eine entschiedene Wirksamkeit entfalten zu können. 1898 ließ er, der eben 50 Dienstjahre hinter sich gebracht hatte, sich in den bleibenden Ruhestand versetzen. Er wurde durch den Titel eines Präsidenten und die Ehrenmitgliedschaft der K. Kultministerial-Abteilung (wie auch des württembergischen Gymnasiallehrervereins) ausgezeichnet, nach- dem ihm schon 1896 die philosophische Fakultät in Tübingen das Doktor- diplom ehrenhalber erneuert hatte.

Biogr. Jahrbuch u. Deutscher Nekrolog. 5. Bd. 5

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PUnck. Rostige.

Ein wohlverdienter Feierabend von 2 Jahren wartete nun des geistig rüstigen Greisen. E.r starb an den Nachwirkungen der Influenza; seine Lebens- gefährtin war ihm 4 Tage im Tode vorangegangen.

.Schwäbische Kronikc vom 9. April 1900 Nr. 166 ». iz. April Nr. 171, »Staats-Anzeiger für Württemberg« vom 9. April Nr. 83 u. 1 1. April Nr. 85, (Stuttgarter) »Neues Tagblatt« vom 9. April Nr. 83, »Neues Korrespondenz-Blatt für die Gelehrten- und Realschulen Württem- bergs« VII (1900) S. 121 f. Rudolf Kraul).

Rüstige, Heinrich (Franz Gaudens von), Maler und Dichter, *11. (nicht 12.) April 1810 zu Werl in Westfalen, f 15. Januar 1900 zu Stuttgart. Der Vater, selbst Jurist, bestimmte den Sohn zum juristischen Studium, der cs jedoch durchsetzte, daß er, nach Absolvierung des Gymnasiums in Arns- berg, Herbst 1828 die Kunstakademie in Düsseldorf beziehen durfte. Nach dreijährigen Studien, besonders unter Schadow, hatte sich sein Talent so rasch entwickelt, daß er es wagen konnte, zwei Werke, »Der Invalide« und »Der verwundete Krieger«, auf die Kunstausstellung nach Berlin zu senden, wo sie prämiiert wurden. Mehr noch begründete ein größeres figurenreiches Bild »Rheinische Kirmeßi (1833) seinen Ruf.

1833 34 diente R. als Einjahrig-Freiwilliger in der Bundesfestung Mainz. Auch während dieser Epoche ruhte sein Pinsel nicht. Damals entstanden unter anderem die Gemälde »Der Brautzug« und »Zwei Soldatesken». Auch hatte er der Reihe nach seine Vorgesetzten und deren Damen zu porträtieren. Er selbst hat noch als Greis die Erlebnisse seiner Militärzeit mit behaglicher Breite in dem von Emil Rumpf illustrierten Büchlein »Der Maler in Uniform« (Stuttgart 1890) aufgezeichnet.

Nachdem er den bunten Rock ausgezogen hatte, kehrte er zum Studium nacli Düsseldorf zurück, wo er noch bis 1836 blieb. In diesem Jahre brachte ihm sein »Gebet beim Gewitter« einen großen Erfolg; die Berliner National- galerie besitzt dieses Bild R.s (wie auch seine »Überschwemmung«), Kr übersiedelte nun mit einer Anzahl Düsseldorfer Studiengenossen nach Frank- furt a. M. an das Städelsche Institut. Hier erhielt er bald den Unterricht im Malen übertragen, den er bis 1842 beibehielt. Er zeigte entschiedene Lehrbegabung und bildete eine Anzahl hervorragender Maler aus, die mit Dankbarkeit an ihm hingen. Hier schuf er zwei seiner besten Bilder: »Maria als Himmelskönigin«, ein edles Altarblatt für eine westfälische Kirche, und das wirkungsvolle Genrebild »Die Heimkehr des Spielers«. Während und nach der Frankfurter Zeit machte R. Studienreisen nach München, Tirol, Wien, Ungarn, Berlin, Belgien, Paris, wo er längeren Aufenthalt nahm. Die Früchte dieser Reisen waren eine Anzahl Gemälde, wie »Einquartienmgsszene«, »Abend in Tyrol«, »Junge Witwe«, »Spanischer Spion«, »Schweizermädchen, vor dem Gewitter flüchtend«, »Szene aus dem Tyroler Kriege«, »Ungarische Zigeuner«, »Ungarisches Kaffeehaus«, »Lagerleben österreichischer Truppen«; letzteres erwarb der Kaiser von Rußland.

Nachdem sich R. eine Zeitlang in seiner Heimat und bei Mutter und Geschwistern in Mainz aufgehalten hatte, leistete er am 1. Mai 1845 einem Rufe als Professor an die Stuttgarter Kunstschule Folge. Hier war er zu- nächst zur Leitung des Elementarunterrichts, sowie als Lehrer der Porträt- und Genremalerei ausersehen. Da cs jedoch an der Anstalt noch an eigenen Lehrkräften für die Hilfswissenschaften der Kunstgeschichte, Anatomie und Perspektive, fehlte, nahm er sich anfangs auch dieser Fächer an. Seine ge-

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Rüstige.

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diegene Bildung, seine reichen Erfahrungen und seine geistige Beweglichkeit kamen ihm in seinem neuen Amte sehr zu statten. Eine Reihe tüchtiger Maler und Illustratoren gingen aus seiner Schule hervor. Er seihst sprang überall in die Lücke, übernahm wiederholt die Direktion der Anstalt, auch den Unterricht in der Landschaftsmalerei. Doch sperrte sein überwiegender Einfluß allzu lange die moderne Richtung von der Stuttgarter Kunstschule vollständig ab, und vergebens stemmten sich ihm die jüngeren Kräfte ent- gegen.

Neben seinem Hauptamt verwaltete R. eine Reihe wichtiger Neben- ämter. Er war Mitglied der Kommission zur Beratung des Kultministeriums in Angelegenheiten der bildenden Künste. Er hatte zeitweise die Inspektion der Kupferstichsammlung. Vor allem aber stand er seit 1857 an der Spitze der staatlichen Gemäldegalerie, um die er sich mancherlei Verdienste erwarb. Er sorgte für praktische Neuordnung der Sammlungen und stete Ergänzung durch Ankauf wertvoller Werke. Dazu trat noch die Stelle eines Inspektors der Gemälde in den Königlichen Schlössern. Diese beiden Verwaltungen behielt er noch bei, nachdem er im November 1887 als Professor der Kunst- schule wegen vorgerückten Alters auf sein Ansuchen pensioniert worden war. Damals erhielt er den Titel eines Galeriedirektors. Oktober 1897 trat er auch von der Leitung der Staatsgalerie, Jahrs darauf von dem Inspektorate der K. Privatgemälde zurück.

Dabei entfaltete R. bis ins höchste Alter eine erstaunliche künstlerische Produktivität. Dauernde Kunstwirkungen wußte er freilich nicht hervorzubringen. E> gehörte zu jenen Historienmalern alten Schlags, über deren Richtung die mo- derne Kunst längst hinweggeschritten ist. Doch kam ihm seine reiche allge- meine Bildung sehr zu Statten, an der sich seine Phantasie nährte, und die ihn mit Begeisterung für große und edle Vorwürfe erfüllte. In der Kompo- sition pompöser Staatsaktionen besaß er viel Geschicklichkeit, auch Sinn für das Charakteristische. Zu seinen bekanntesten Gemälden gehören außer den schon erwähnten: »Rubens und seine Schiller«, »Überführung der Leiche Ottos QI. über die Alpen«, »Kreuzfahrer in der Wüste«, »Kaiser Friedrich II in Palermo«, »Herzog Alba und die Gräfin von Rudolstadt, nach Schiller« (1861), »Kaiser Otto bezeichnet mit seinem Specre die Grenze Deutschlands gegen die Dänen« (1865 die beiden letzten in der Stuttgarter Staatsgalerie). Seine kleineren Genre- und Landschaftsbilder zählen nach Hunderten. Manche davon, wie »Das wiedergefundene Kind«, sind durch Reproduktionen populär geworden. Seine Gemälde sind über ganz Deutschland, Österreich -Ungarn, England, Amerika zerstreut.

Der ideal veranlagte Künstler war zugleich ein liebenswürdiger Mensch, der in Stuttgart allgemein beliebt war und zu den bekanntesten Persönlich- keiten, den charakteristischsten Erscheinungen der Residenz zählte. Ein halbes Jahrhundert lang spielte er im Stuttgarter Kunstleben eine wichtige Rolle. Er hielt öffentliche Vorträge über kunsthistorische und ästhetische Themata, wirkte für die Hebung des Stuttgarter Kunstvereins, gehörte zu den Begründern und Hauptstützen der einst hoch angesehenen Künstlergcsellschaft »Bergwerk«. Auch für seine Berufs- und Standesintercssen war er mit Eifer tätig. Als sich die Künstler Deutschlands in Bingen versammelten, um eine Genossen- schaft zu bilden, tagte R. mit und begründete die I.okalgenossenschaft Stuttgart, deren Vorstand er zwei Jahrzehnte lang blieb; nach seinem Rück- tritt 1891 wurde er Ehrenmitglied. Bis 1896 stand er an der Spitze des

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Rüstige. Benzinger-Wnhlmflnn.

württembergischen Künstlervcreins. Auch der Künstler-Unterstützungsverein war sein Werk. Endlich war er Vorsitzender des photographischen Sach- verständigenvercins für Württemberg, Baden und Hessen.

Dieser vielseitige Mann hat sich auch in der Poesie nicht ohne Erfolg versucht. 1845 ließ er Gedichte, 1851 das Drama »Filippo Lippi«, 1853 die Tragödie »Attila«, 1856 das dramatische Charakterbild »Konrad Wiederholdc, 1860 das historische Schauspiel »Kaiser Ludwig, der Baier«, 1863 das his- torische .Schauspiel »Eberhard im Bart-, 1876 »Reime und Träume im Dunkelarrest« erscheinen. Von seinen Stücken wurden einige (»Filippo Lippi«, »Attila«, »Konrad Wiederhold«) im Stuttgarter Hoftheater, fiir das er auch Festspiele zur Mozart- und Weberfeier dichtete, sowie auf andern Bühnen wiederholt dargestellt. »Filippo Lippi«, das Shakespearesche Züge aufweist, ist das beste unter diesen Dramen; später ist er ganz zum Schillerschen Stil übergegangen, dessen Vorbild bis in Einzelheiten nachwirkt. R.s Sprache ist durchweg edel, schön, sogar ausdrucksvoll: aber in der Pracht der Diktion geht die Charakteristik unter; es fehlt nicht an einzelnen kräftigen Wirkungen, wohl aber am festen dramatischen Kcm. Seine Schauspiele zeigen eine ähnliche künstlerische Physiognomie wie seine Gemälde. Seine Lieder sind nicht bedeutend, aber von gewinnender Frische. Sie treffen gut den volks- mäßigen Ton, und darum sind mehrere in Musik gesetzt worden. Auch patriotische Klänge hat er vernehmen lassen. Schließlich ist noch seiner in Stuttgarter Zeitungen sowie in Berliner und W'iener Kunstblättern ver- öffentlichten Kunstberichte zu gedenken, die stets Beachtung fanden und gerne gelesen wurden.

Außere Ehren und Auszeichnungen sind R. in reichem Maße zu teil geworden. Er besaß hohe Orden und Medaillen. Am 1. Mai 1885 feierte er das Jubiläum seiner 40jährigen Stuttgarter Wirksamkeit, 1890 seinen 80. Geburtstag, 1895 in Verbindung mit dem 85. Geburtsfest sein 5ojähriges Dienstjubiläum, und bei diesen verschiedenen Gelegenheiten wurden ihm Huldigungen aller Art, auch von auswärts, bereitet. 1891 ernannte ihn seine Geburtsstadt Werl zum Ehrenbürger. Den nahe bevorstehenden 90. Geburts- tag festlich zu begehen, war ihm nicht mehr beschieden.

R. erfreute sich, trotz kleiner, schmächtiger Gestalt, einer eisernen Ge- sundheit. Er war ein ungewöhnlich starker Raucher, und es bekam ihm vorzüglich. Erst in den letzten Jahren ließ seine Rüstigkeit um weniges nach. Eine hochbetagte Witwe (Emma, geb. Arndts), 3 Kinder, 17 Enkel und 3 Urenkel betrauerten ihn.

»Schwäbische Kronik« vom 16. Januar 1900 Nr. 23 u. »Schwäbischer Merkur« vom 18. Januar Nr. 2S, (Stuttgarter) »Neues Tagblatt« vom 16. Januar Nr. 12, »Staats- Anieiger für Württemberg« drsgl., »Frankfurter Zeitung« vom ly. Januar Nr. 16, 2. Morgcnblatt, Brtlmmcr, Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten des 19. Jahrhunderts (5. Ausgabe)lII S. 374 und 555, KUnstlerlexika, Konversationslexika. Rudolf Krauß.

Bcnzinger-Wahlmann, Eleonore, Tragödin, * 11. April 1843 in Klagen- furt, f 18. Juli 1900 in Tübingen. Das rechte Theaterkind, das durch alle natürlichen Voraussetzungen von vornherein zur Bühnenlaufbahn bestimmt war! Die Eltern gehörten beide dem Schauspielerstande an; der Vater Joseph Wahlmann starb am 24. Januar 1879 in Hamburg als Mitglied des dortigen Variete-Theaters. Die Kleine zog mit den Eltern von Stadt zu Stadt, von Engagement zu Engagement. Kaum dreijährig, hatte sie ihr erstes Debüt, welche Episode sie selbst also geschildert hat: »Auf einer österreichischen

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Bentinger-YVaklmann.

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Bühne, weit her meine Eltern angehörten, wurden lebende Bilder gestellt, unter anderen die historische Szene nach dem bekannten Gemälde: Maria Theresia mit ihrem Söhnchen Joseph auf dem Arm auf dem Thron, um sie herum die edlen Magyaren, dem kleinen Kaiser Joseph Treue schwörend. Meine Wenigkeit war nichts Geringeres als der Kaiser Joseph. Ich sollte mich recht ruhig auf dem Arme meiner guten Mutter (Maria Theresia) verhalten ; das war meine Aufgabe. Bei der Probe ging alles gut. Am Abend schien mich das Passive und Stumme meiner Rolle zu genieren, ich hatte entschieden den Wunsch, handelnd einzugreifen. Ich erblickte unter den Treue schwörenden Magyaren meinen Vater und rief plötzlich voll Freude: »I)a ist der Papa, da ist der Papa!« Das Publikum brach in Beifall aus, Maria Theresia aber war in der größten Verlegenheit, und als der Vorhang gefallen war, er- hielt ich von ihr eine recht scharfe Verweisung. Wahrscheinlich flössen da- mals meine ersten Künstlcrtränen.« Später spielte Eleonore Kinderrollen in Ulm, wo die Mutter in der Saison 1851/52 angestellt war, ferner in Augsburg, Bamberg, Bern. Walter Teil, die kleine Infantin in »Don Carlos«, Otto in Müllners »Schuld s gehörten zu ihren Glanzpartien.

Schließlich erkannten jedoch die Eltern die Notwendigkeit einer geregelten Schulbildung und schickten die schon halb Erwachsene in ein Wiener Institut, wo sie mehrere Jahre verbrachte, zu ihrem Kummer von allen Beziehungen zur Bühne abgeschnitten. Dann erhielt sie durch Emil Devrient, dem ihre Begabung nicht verborgen blieb, in Wien regelrechten dramatischen Unterricht. Und alsbald mit 18 Jahren hinaus in die Welt, in das Leben! 1861 fand sie ihr erstes Engagement bei einer wandernden Truppe, die damals in König- grätz spielte. 1862 wurde sie erste tragische Liebhaberin im Linzer Stadt- theater. Amsterdam und Graz waren die weiteren kurzen Stationen ihrer Künstlerlaufbahn. Sie hatte sich frühzeitig und wider den Willen ihrer Eltern mit einem ihrer unwürdigen Manne verheiratet, der sich Mergarte nannte und Zirkusartist war. Sein früher Tod machte sie zu ihrem Heile bald wieder frei.

1866 zog Heinrich Marr die W. vorübergehend ans Hamburger Thalia- theater, und in seiner Schule vervoilkommnete sich ihre künstlerische Bildung außerordentlich. Dem alten Praktiker entging nicht ihr ausgesprochener Beruf zur Heroine, und er lenkte ihr Talent in dieses Fahrwasser. Kr empfahl sie dem Stuttgarter Hoftheaterintendanten Baron Gail und nahm sie nach der württembergischen Hauptstadt mit, als er im Frühsommer 1866 dort gastierte. Im Juni betrat die junge Witwe, »damals ein schmächtiges, interessantes, mignonhaftes Geschöpf« (Adolf Palm), zum erstenmal die Bretter des Stuttgarter Hoftheaters als Deborah mit großem Erfolg, der ihr auch in zwei weiteren Gastrollen treu blieb und ihr Engagement entschied Am

7. September 1866 eröflfnete sie ihre ständige Wirksamkeit an dieser Kunst- stätte mit der Titelrolle in Schillers »Maria Stuart -. 33 Jahre lang hat sie

ihre besten Kräfte der Stuttgarter Hofbühne gewidmet, zu deren charakte- ristischsten Erscheinungen und glänzendsten Zierden sie gehörte. Den regel- mäßigen Urlaub, den ihr Kontrakt ihr gewährte, benutzte sie zu auswärtigen Gastspielen. Im Laufe der Jahre trat sie last in allen großen deutschen Städten auf, und ihr Ruf mehrte sich stetig. Sie erhielt verlockende En- gagementsanträge an das K. Schauspielhaus in Berlin, an das Münchener Hoftheater, an Laubes Wiener Stadttheater. Doch entschied sie sich zuletzt immer wieder zum Bleiben in der ihr lieb gewordenen Stuttgarter Stellung, die ihr einen lebenslänglichen Kontrakt gewährleistete.

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Beozinger-Wahlminn.

Anfangs war es ihr freilich auch in Stuttgart schwer gefallen, die ihrem Talente zusagende Beschäftigung zu finden. Krst Feodor Wehl, der 1870 artistischer Direktor wurde, verschaffte ihr energisch Spielraum und baute bald sein Repertoire zum großen Teil auf ihre Person. Als sie im Jahre 1886 ihr fünfundzwanzigjähriges Klinstlerjubiläum und zugleich das ihrer zwanzig- jährigen Zugehörigkeit zum Stuttgarter Hoftheater feierte, stand sie auf der Höhe ihres Ruhmes. Großartige Huldigungen zeugten von der ungewöhn- lichen Beliebtheit, deren sie sich erfreute. 5 Jahre später, am 1. September 1891, an welchem Tage sie ihr fünfundzwanzigjähriges Stuttgarter Jubelfest beging, wiederholten sich die ihr gespendeten Gunstbezeugungen und Ehren. Aber in der Zwischenzeit hatte sie schmerzliche Erfahrungen erlebt. Die unerbittliche Zeit hatte ihr die Fähigkeit geraubt, die zur Darstellung jugend- licher Heroinen notwendige Illusion zu wecken. Sic mußte es zu ihrem leidenschaftlichen Kummer erleben, wie von den Rollen, die sic jahrelang als ihr Monopol betrachtet hatte, eine um die andre an jüngere Kolleginnen überging. Doch noch immer blieb ihr das weite und schöne Feld der Helden- mütter ausschließlich Vorbehalten. Nun aber trat im letzten Dezennium ihrer Bühnenlaufbahn das klassische und klassizistische Drama, worin ihre Stärke lag, mehr und mehr in den Hintergrund, und das moderne Drama stellte ihr nur selten Aufgaben, die ihrem Wesen ganz zusagten. So vermochte sie ihre künstlerische Kraft nicht mehr ausgiebig genug zu betätigen.

Gewiß nagte der Schmerz darüber am I.eben der Frau, die ihrem Berufe mit Leib und Seele angehörte. Auch in ihrem Privatleben mochten mancher- lei Anlässe zur Desorganisation des Nervensystems liegen. Sie hatte im Jahre 1875 eine zweite Ehe mit dem unbedeutenden Stuttgarter Hofschau- spieler Hermann Willführ eingegangen, die später jedoch wieder geschieden wurde. 1892 vermählte sie sich zum drittenmale mit dem Heldendarsteller Ernst Benzinger, dessen Mutter sic den Jahren nach hätte sein können. Von den unkontrollierbaren Gerüchten, die über ihre häuslichen Verhältnisse um- liefen, soll hier nicht die Rede sein;, sicher aber ist soviel, daß ihr heiß- blütiges Naturell wie auf der Bühne so auch im Privatleben zur Geltung kam.